Plus 200 Prozent waren drin: Super-Photovoltaik-Jahr 2022

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Es gab 2022 viele Gründe, die einem jede Feierlaune nehmen konnten. Die nun langsam vollständigen Daten für den Photovoltaik-Bereich zeigen indes eine sehr positive Entwicklung. Neben den globalen Daten gibt es bisher noch kaum sichtbare, aber deutliche Veränderungen in der politischen Landschaft in Deutschland. Und bis zu 200 Prozent Wachstum, dazu später mehr.

Das im Solarbereich unter anderem angesichts des gewaltigen Wachstums in der EU und weltweit diese Erfolge selbst in den eigenen Reihen kaum oder überhaupt nicht gewürdigt werden, passt nicht so recht ins Bild. Aber das liegt vielleicht an der vielen Arbeit und den täglichen, teils massiven Problemen in der Lieferkette und der sinnvollen Bewältigung der Anfragen.

All dem zum Trotz: Feiern und starkes Selbstbewusstsein sind angesagt und auch das deutliche Darstellen der gewaltigen globalen Fortschritte nach außen. Denn sie sind es mehr als wert dargestellt zu werden – und das Globale zählt, nicht länger einzelne (auch ehemalige Vorreiter-) Märkte. Vor allem und eben gerade in Zeiten wo die Menschen mehr denn je Hoffnung und Ziele brauchen. Also schauen wir mal hin und keine Sorge, ich muss für diese vielen guten Nachrichten keine rosa Brille aufsetzen oder Drogen einnehmen – sie sprechen für sich.

Fangen wir mal bescheiden an.

Die Photovoltaik-Anlagenbetreiber zahlen (bislang als Einzige) „Übergewinne“ zurück. Es wird über einen wohl leicht zweistelligen Milliarden-Euro-Betrag gesprochen, welchen die Photovoltaik-Anlagen auf das EEG-Konto haben fließen lassen. Und diese Mittel werden nun für die Vermeidung der sonst massiv gestiegenen Netznutzungsentgelte im Bereich der Übertragungsnetze genutzt (… nochmal Glück gehabt bei der sonst drohenden Kostenexplosion durch die höheren Kosten der Ausgleichsenergie). Es wurde also eine produktive Verwendung gefunden für die Mittel, die Solaranlagen mit einer Festvergütung direkt im EEG-Konto gelassen haben. Hinzu kommen noch Mittel aus der Gewinnabschöpfung im Dezember 2022 für alle Anlagen in der Direktvermarktung.  Also kein Booster für den Bundeshalt, sondern ein „Netzkostensenkungs- Booster“. Hintergründe dazu finden sie im Blogbeitrag hier: https://www.pv-magazine.de/2022/08/23/solare-uebergewinne-der-booster-fuer-den-bundeshaushalt/

Neuer Rekord bei der Solarstrahlung in Deutschland

Die Solarstrahlung lag 2022 um über 12 Prozent über dem 30-jährigen Mittel.

Ein sehr schönes Plus in einem Jahr der Energiekrise, denn auch die höheren Mittelwerte der Solarstrahlung in den vergangenen zehn Jahren wurden noch deutlich übertroffen. Dieser Effekt hat denn auch der Bundesregierung erheblich geholfen, die noch von der alten Regierung verursachte massive Zielverfehlung bei der CO2-Einsparung durch Erneuerbare abzumildern. Der Photovoltaik-Markt in der EU ist im Jahr 2022 um sagenhafte 47 Prozent gewachsen.

Mal kurz innehalten: 47 Prozent und das auf Basis eines bereits großen Marktes. Wie in der Photovoltaik-Branche typisch findet man die Zahl des großen Erfolges allerdings erst auf den zweiten Blick. Und so will ich sie nochmal wiederholen: 47 Prozent – das ist doch „cool“, oder?

Und es kommt noch besser: Auch global ist der Photovoltaik-Markt über 50 Prozent auf rund 270 Gigawatt gewachsen.

Photovoltaik und Wind hängen global die Atomkraft ab

Bereits 2021 wurde die globale Stromproduktion der Atomkraft durch Photovoltaik und Windkraft eingestellt. 2022 hat das Wachstum des Abstands nun richtig Fahrt aufgenommen: Eigene Vollversicherung, klare Entsorgung des eigenen Mülls, valide Rückbaubürgschaften, wesentlich niedrigere Kosten und schneller weiterer Zubau von Sonne und Wind inklusive.

BP/ IEA Daten und eigene Berechnungen/ Abschätzungen für 2022/23

Grafik: Karl-Heinz Remmers

Wind und Sonne überholen Erdgas in der EU

In der EU ist 2022 erstmals mehr Strom aus Wind und Sonne produziert worden als aus Gas. Laut einer Analyse der Denkfabrik Ember Climate kamen im vergangenen Jahr rund 22 Prozent der Elektrizität in der EU aus Solar- und Windkraft und damit anteilig so viel wie noch nie. 2021 waren es demnach etwa 19 Prozent. Aus Gas stammten hingegen fast 20 Prozent des EU-Strommixes – knapp ein Prozentpunkt weniger als 2021. Insgesamt kamen laut Ember Climate im vergangenen Jahr 623 Terawattstunden  aus Wind und Sonne.

„Deutsch-Bräsig“ staunt und das Weltklima jubelt über Chinas solare Ambition

„Deutsch-Bräsig“ stammt von Robert Habeck, verbunden mit der Ankündigung, dass es damit nun vorbei sei. Also schauen wir mal, was wir bis 2025 erreichen. Während in der EU nur wenige tapfere Unternehmen seit 2019 in der Produktion neue Kapazitäten geschaffen haben und außer netten Worten von Seiten der EU Bundespolitik fast keine Unterstützung haben, zeigt China erneut das es das einzige Land auf der Erde ist, wo die Photovoltaik-Industrie seit vielen Jahren als DIE Zukunftsindustrie gesehen wird. Mehr als 1,3 Millionen Beschäftigte in der dortigen Industrie sprechen eine deutliche Sprache.

So hat China seine Kapazitäten seit 2019 mehr als versechsfacht (!). Wurden 2019 die Zellkapazitäten global mit knapp 130 Gigawatt jährlich benannt, so stehen für das Jahr 2023 Wafer-Zell-Modul-Kapazitäten von über 800 Gigawattpeak pro Jahr und beim Silizium bis 2024 sogar über 900 Gigawattpeak pro Jahr bereit. Und das Hochfahren der Kapazitäten erfolgte in den drei schweren Corona-Jahren, was man nochmals betonen sollte.

Es ging also sehr wohl und sehr viel in China trotz Corona, weil man Photovoltaik eben wollte und weiter will.

Vielleicht ein Ansporn für die Bundesregierung, die in dieser Woche weiterhin noch sehr unkonkreten Vorschläge für einen Industrieaufbau vorlegte. Es gilt, sie wirklich ambitioniert umzusetzen, um so auch mehr Anbietervielfalt weltweit zu schaffen und neue Abhängigkeiten zu minimieren. Wir bleiben einstweilen optimistisch.

Auch haben der massive Ausbau der Produktionskapazitäten im vergangenen Jahr hat den Weg für einen massiven Preissturz und damit verbunden weiteres massives Photovoltaik-Wachstum gelegt.

Deutlicher Wandel in der deutschen Politik

Politisch hat sich in Deutschland auch vieles verändert. Allem voran existiert Ende 2022 ein Wirtschaftsministerium, dessen Leitung endlich die Voraussetzungen für wirklich gewollte Energiewende schafft. Der hierfür notwendig personelle Ausbau und neuer Motivation braucht indes einen deutlichen Vorlauf. Und 2022 war Prio 1 die am Ende vollständige Substitution der Abhängigkeit von russischen Gasimporten; plus die Beschaffung von neuen Öllieferanten. Diese Herkulesaufgabe wurde so – wie es derzeit aussieht – wenn auch zu sehr hohen Kosten- gelöst. Keines der Weltuntergangsszenerien für diesen Winter ist bislang eingetreten. Weshalb man nun im politischen Berlin vom neuen „Deutschlandtempo“ spricht, welches wir vehement für den Hochlauf der Energiewende einfordern.

Inmitten der Krisenbewältigung wurde im Bundeswirtschaftsministerium ein „echtes“ Photovoltaik-Referat geschaffen und der neue Referatsleiter Mark Wimmer bekommt auch (etwas) Personal. Zudem soll aus der Fachagentur Windenergie eine Fachagentur Wind- und Solarenergie werden. Auch dies verbunden mit dem Ausbau des dortigen Personals. Es gilt zu betonen, das alles, was Photovoltaik bis zu dieser Veränderung unter der aktuellen Regierung erreicht hat, zumindest im Wirtschaftsministerium von Beamtinnen „mitgemacht“ werden musste. Und das bis zum Wechsel der zuständigen Abteilungsleitung zu Volker Oschmann unter einer bekennenden Photovoltaik-Gegnerin Stephanie von Ahlefeldt (CDU). Eigentlich ein Wunder wie weit wir gekommen sind.

Die aktuellen Ankündigungen von ganzen Batterien an Gesetzesnovellen aus dem Wirtschaftsministerium zeigen nun auch die erste Wirkung der neuen Leitung und des neuen Willens. Erstmals dürften wir als Branche echte Schwierigkeiten haben, all die neuen Gesetzesvorhaben gestaltend zu begleiten. Was für eine Veränderung, wo wir doch gefühlt eine Ewigkeit oftmals nur Schlimmeres verhindern konnte. Die Veränderungen sind da und packen wir also mit an, um aus „gut gemeint“ auch noch „gut gemacht“ zu machen.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, engagiere ich mich seit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin politisch für unsere Branchenbelange. In dem sehr aktiven und agilen Umfeld des innovativen Systemverbandes bne habe ich seit April 2019 meine „verbandliche Heimat“. Und ich will Sie ermutigen, sich auch (mehr) zu engagieren denn eine sinnvolle politische Gestaltung fällt nicht vom Himmel, egal wer regiert. Und es gab auch erhebliche Erfolge der Arbeit im bne zu feiern.

14 Millionen Euro pro Jahr für Gemeinden nun möglich

Auch für mich persönlich war die Einführung der Gemeindeabgabe für Photovoltaik-Freiflächenanlagen 2021 ein sehr großer Erfolg, vielleicht der größte seit dem EEG im Jahr 2000. Im Jahr 2022 wurde diese Möglichkeit nun auch für bestehende Anlagen geschaffen – rund 14 Millionen Euro pro Jahr können nun an die alten Standorte jeweiligen, oft kleinen, Gemeinden ausgeschüttet werden: https://www.pv-magazine.de/2021/06/29/grosser-erfolg-der-eeg-novelle-dauerhaft-sichere-einnahmen-fuer-die-gemeinden/

Seit vielen Jahren ist das Thema Repowering einer meiner Herzensangelegenheiten- seit 2022 ist es nun soweit: Ein aktives Repowern mit vielen Chancen ist nun zumindest bei Freilandanlagen erlaubt. Und im bne setzen wir uns für eine Ausweitung auf Dachanlagen ein. (https://www.pv-magazine.de/2022/09/28/ensig-novelle-erlaubt-aktives-repowering-von-solarparks-und-ausschreibungsanlagen-bis-100-megawatt/ und hier nochmal die wesentlichen Hintergründe: https://www.pv-magazine.de/2022/09/07/solarbooster-aktives-repowering-von-bestehenden-photovoltaik-anlagen-gegen-strom-und-klimakrise-nutzen/)

Seit der Umsetzung der großen bne-Studie zur Biodiversität in Solarparks und sehr vielen Gesprächen mit allen Akteuren werden die Chancen für die Biodiversität durch Solarparks immer breiter wahrgenommen. Die führenden Naturschutzverbänden sahen Photovoltaik-Freiflächenannlagen lange Zeit skeptisch. Kein Wunder, hatten wir als Branche doch auch lange Zeit keine Erkenntnisse zur Natur in den Solarparks vorgelegt. Und da gibt es auch noch viel zu tun, was wir in 2023 massiv anpacken.

Ein Teil des „Super-Photovoltaik-Jahres 2022“ war dabei im September die Vorlage von des neuen Papiers „Solaranlagen – Chancen für den Naturschutz”., DNR, Nabu, BUND, WWF,Ggeenpeace, DUH, Germanwatch und mehr sprechen sich für Solarparks aus. Mehr dazu hier.

200 Prozent Wachstum

Aber Sie warten nun schon auf die 200 Prozent Wachstumszahlen und hier sind sie: 2022 gab es weltweit ein 200 prozentiges Wachstum für stationäre Speicheranwendungen auf 140 Gigawattstunden neu installierte Kapazität. Das ist dann umgerechnet knapp 15 Mal die gesamte Kapazität der bisher in der EU installierten Heimspeicher (etwa 9,3 Gigawattstunden). Wenn das keine Beschleunigung ist? Und ich denke damit verstehen alle, warum es überall zu Lieferschwierigkeiten kam und kommt – wir wachsen, wie verrückt und die Knochen tun dabei (leider) oft weh.

In der EU wurde im Bereich der Heimspeicher mit etwa 3,9 Gigawattstunden Zubau ein Wachstum von 50 Prozent erzielt, mit erwarteten rund 1 Millionen installierten Batteriesystemen sind nun die bereits erwähnten rund 9,3 Gigawattstunden an Kapazität installiert.

Die globalen Zahlen für stationäre Speicher umfassen auch die überall in der Welt mittleren und Großspeicher – hier gibt es in den passenden Rahmenbedingungen der EU (und vor allem in Deutschland) einen extremen Nachholbedarf. Gleiches gilt für deren Herstellung.

So wurde 2022 auch die Schwelle von einem Terawatt installierter Photovoltaik-Leistung überschritten – am Ende waren es dann wohl 1070 Gigawatt.

Wurden für das erste Terawatt seit Beginn größerer Markteinführungsprogramm  wie das EEG im Jahr 2000 knapp 22 Jahre für das erste Terawatt gebraucht, dürfte das zweite nur noch 2 bis 3 Jahre brauchen. Nach 2025 wird der Markt rasch auf ein Terawatt pro Jahr wachsen und bis 2035 bei 3000 bis 4000 Gigawatt pro Jahr liegen. Wetten?

Christian Breyer, Professor von der finnischen Universität LUT, hat den weiteren Hochlauf der Photovoltaik in diversen neuen Studien simuliert und beschrieben. Zeit also in einem neuen Impulspapier die von uns erwartete, mindestens weitere Verzehnfachung des weltweiten Photovoltaik-Markts auf 3000 Gigawatt pro Jahr nach 2035 und damit in der EU/Deutschland verbundene Themen in einem neuen Impulspapier des PV Thinktank zu thematisieren.

Der Verkauf reiner Elektroautos ist global um etwa 68 Prozent auf rund 7 Millionen reine Elektroautos 2022 gestiegen. Davon rund 5 Millionen in China, was damit weit vorne liegt in Sachen der Zukunft der individuellen Mobilität.

Mal nebenbei: Global kamen mit den 7 Millionen Elektroautos mindestens weitere 350 Gigawattstunden an Speicherkapazität hinzu, der Anteil bidirektionaler Fahrzeuge wächst schnell.

All das wurde in einem vom Krieg in der Ukraine (und leider vielen weiteren, oft vergessenen Kriegen) sowie weiter massivem Durcheinander durch die Corona-Pandemie erzielt.

Das macht den Erfolg im Photovoltaik-Segment noch bedeutender, als er ohnehin schon ist.

— Der Autor Karl- Heinz Remmers ist seit 1992 als Solarunternehmer tätig. Zu Beginn mit der Planung und Montage von Solaranlagen sowie der Produktion von Solarthermie-Kollektoren. Seit 1996 dann parallel unter dem Namen Solarpraxis mit eigenen Fachartikeln, Buch- und Zeitschriftenverlag und dem bis heute aktivem Solarpraxis Engineering. Zu den erfolgreichen Gründungen zählen auch die nun von namhaften Partnern gemachte pv- magazine Group und die Konferenzserie „Forum Neue Energiewelt“. Neben Solarpraxis Engineering sind heute Entwicklung, Planung, Errichtung und Betrieb von Solaranlagen als „IPP“ im Fokus der Aktivität. Zudem betreibt er aktive politische Arbeit im Rahmen des Bundesverbandes Neue Energiewirtschaft (bne). Mehr hier: https://www.remmers.solar/ueber-mich/ —

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