Baywa re: Mindestimportpreise behindern das Geschäft immer noch

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pv magazine: Der Mindestimportpreis liegt im Augenblick bei 34 Cent pro Watt für polykristalline und 39 Cent pro Watt für monokristalline Module, sinkt aber weiter bis auf 30 und 35 Cent pro Watt bis Juli dieses Jahr. Man könnte ja denken, dass es ein Auslaufmodell ist. Warum ist er immer noch ein Markthemmnis?

Tino Weiss (Foto): Die preislichen Hürden sind in der Form geringer geworden, aber die Mindestpreisregularien haben operative Hindernisse. Mit der neuen Regelung ist es nun auch möglich, Ware aus China und auch nicht-chinesischen Ländern von einem Lieferanten zu erwerben. Allerdings muss man wieder andere Spielregeln beachten, die rechtlich geregelt erscheinen, aber in der Auslegung deutlichen Interpretationsspielraum lassen. Die Entscheidung, ob man diesen Spielregeln entspricht, scheint derzeit beim Zollbeamten zu liegen, der die Ware einführt. Das ist natürlich ein Hindernis oder Risiko, das wir dann bei jedem Import eingehen, da wir den Ermessensspielraum des Zollbeamten nicht vorab einschätzen können.

Das heißt, Sie importieren, um nach gutem Glauben diesen Regularien zu entsprechen, aber ob es dann funktioniert, wissen Sie erst, wenn der Container irgendwo in Europa angekommen ist?

So sieht es aus.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im vergangenen Jahr hat der Markt durch die Vorzieheffekte in den USA gewaltig verrückt gespielt. Das heißt, Module waren knapp. Da wird dann versucht, für Projekte Restmengen zusammenzukaufen. So konnte man im vierten Quartal Ware aus China zum Mindestpreis und aus einer Produktionsstätte des chinesischen Herstellers außerhalb seines Heimatlandes zu günstigeren Preisen beziehen. Allerdings ist in der EU-Vereinbarung nicht definiert, wie viel günstiger diese Ware aus den nicht in China angesiedelten Produktionen sein darf, damit es kein Umgehungstatbestand – etwa in Form einer sogenannten Cross Compensation – darstellt.

Sie dürfen aber bei einem chinesischen Hersteller, der eine Fabrik in China und eine in Vietnam hat, prinzipiell Module aus beiden Produktionsstätten kaufen?

Korrekt. Das ist mit der Neuregelung möglich. Ein Lieferant darf aus China und aus einer nicht-chinesischen Produktion liefern. Wenn der Preis dann aber in einen Bereich geht, der für den Hersteller eventuell nicht mehr wirtschaftlich ist, könnte man hier in den Verdacht einer Cross-Compensation geraten.

Es steht aber nicht in der aktuellen Vereinbarung zu den Mindestpreisen, wie man bestimmt, ob etwas diesem Preis entspricht oder eben nicht?

Keiner kennt die Produktionskosten. Zwei Beispiele: Man kauft in China, wenn wir aktuelle MIP-Preise für das erste Quartal nehmen, für 34 Cent pro Watt ein und aus Produktionen außerhalb Chinas beispielsweise für 33 Cent. Das sollte kein Problem sein. Jetzt kaufe ich aber in China für 34 Cent Module ein, und bekomme ein Angebot mit deutlich geringerem Preis, also etwa 31 Cent, aus der nicht-chinesischen Produktion dazu. Ist dieser Unterschied zu groß und sind die Produktionskosten nicht wirtschaftlich nachweisbar? Die Entscheidung darüber liegt beim Zollbeamten. Diese Frage können wir nicht beantworten. Wir können als Importeur ja nicht dokumentieren, dass der Lieferant für 31 Cent ein wirtschaftliches Geschäft macht.

Haben Sie denn Letzteres schon mal probiert oder haben Sie bewusst die Finger davon gelassen?

Glücklicherweise hatten wir bis jetzt noch kein Projekt, das wir unter diesem Regime durchbringen müssen. Wir besprechen das derzeit aber mit den Herstellern. Das Schlimme ist: Man spricht mit drei verschiedenen Herstellern, und alle legen eine unterschiedliche Interpretation auf den Tisch. Das macht es dann natürlich noch schwieriger. Dann befragt man die eigenen Anwälte, und die mögen natürlich auch keine konkrete Aussage treffen, sondern eröffnen da dann noch mehr Risikospielraum.

Bei der EU-Kommission kann man auch niemanden fragen?

Das haben wir getan. Allerdings haben wir genau so eine Antwort bekommen: Es liegt in der Entscheidung des Zollbeamten, wenn der Unterschied zu groß oder wirtschaftlich nicht nachweisbar ist.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass der Zoll mittlerweile genauer hinschaut? Gab es da eine Veränderung?

Es gab einen Zeitraum Mitte letzten Jahres, da sind Module auf einigen Schiffsrouten über Malaysia nach Europa geliefert worden. Der Zoll hat diese Ware dann nicht durchgelassen, weil er gesagt hat: Moment mal, die Ware hätte ja aus Malaysia kommen können, und für Malaysia gibt es Restriktionen. Das war allerdings noch unter dem alten Undertaking. Also wir haben das Gefühl, der Zoll schaut schon genauer hin.

Sehen Sie weitere Risiken oder Hemmnisse durch die jetzt geltende Mindestimportpreisregelung?

Die Unsicherheit, ob die Ware durch den Zoll kommt, ist letztendlich das größte Problem. Daran geknüpft ist das immer latent vorhandene Risiko, ungewollt gegen die Vorgaben zu verstoßen. Auf der anderen Seite gibt es auch die Unsicherheit bei den Lieferanten. Wir haben teilweise mit Lieferanten gesprochen, etablierten Tier-1-Unternehmen, die uns bis vor kurzem noch gesagt haben, sie können nicht aus zwei unterschiedlichen Ländern, also aus China und von außerhalb Chinas, liefern. Das hat uns überrascht, zumal wir ein klares Statement von der Europäischen Kommission haben, dass das geht. Nur, offensichtlich waren da die Lieferanten auch noch verunsichert.

Wie sieht es mit dem bürokratischen Aufwand aus?

Der bürokratische Aufwand ist nach wie vor vorhanden, auch wenn er mit der neuen Regelung ein bisschen geringer geworden ist. Wenn man Ware aus China importieren will, braucht man natürlich weiterhin die Ursprungszeugnisse und die gesamte Dokumentation. Nach dem alten Undertaking musste man vorher die Ware auch noch bei der chinesischen Industrie- und Handelskammer anmelden, damit man dieses Zertifikat bekommt.

Wie schwierig ist es denn aus Ihrer Sicht, die Herkunft der Module lückenlos nachzuweisen?

Das können wir letztendlich gar nicht.

Also verlassen Sie sich auf den Importeur?

Ja, letztendlich regeln wir vertraglich, dass die Ware nicht aus einem anderen Land kommen darf. Der Hersteller sichert uns mit seinem Ursprungszeugnis zu, dass die Ware auch nicht von dort ist. Wenn er sich nicht an die Spielregeln hält, dann hätten wir generell ein Problem. Aber überprüfen können wir das nicht. Wir müssten das Modul auseinanderbauen und nachweisen, dass zum Beispiel eine Zelle nicht aus China kommt. Oder wenn der Lieferant die Ware von China nach Vietnam transportiert, dort noch den Deckel auf die Dose macht und uns dann aber versichert, er hat es komplett in China produziert, wie sollen wir das nachweisen können?

Generell wäre es aber schon möglich, dass wenn der Zoll die Ware bei der Einfuhr beanstandet, sie regresspflichtig wären?

Das ist nicht eindeutig. Es ist natürlich auch schwierig nachzuweisen, dass das Modul in China produziert und falsch ausgewiesen wurde. Wenn das nachgewiesen würde, wäre die Frage nach der Regresspflicht zu klären. In der Regel bestehen Verträge, die den Ursprung der Module regeln. Auf diese und den zugesicherten Ursprung könnte man sich notfalls berufen. Hierbei ist sicherlich zu beachten, dass dies meist europäische Vertriebstöchter oder chinesische Lieferanten sind. Wie dann die Erfolgschancen sind, muss man sehen.

Sie haben wahrscheinlich eher mit den großen chinesischen Unternehmen zu tun, die dann auch kooperativer sind, wenn etwas passiert?

Ja. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass man jetzt Module auseinanderbaut und dann irgendwie feststellt, dass sie in China gefertigt wurden, aber anders ausgewiesen sind. Wir versuchen, das Risiko zu minimieren, indem wir langfristige und vertrauensvolle Beziehungen mit Tier-1-Lieferanten aus China aufbauen und pflegen.

Warum importieren Sie aus chinesischen und nicht-chinesischen Produktionen eines Herstellers und nicht nur aus einer Quelle, wenn sich das Risiko dadurch erhöht?

Das ist genau das Problem der Kapazitätsengpässe und des Preisdrucks, den wir auch in den Projektmärkten haben. Natürlich würden wir bevorzugen, nur eine Bezugsquelle zu wählen. Doch der Mindestpreis ist nun sehr stark gefallen. Er ist jedoch noch nicht auf dem Preisniveau, zu dem Chinesen ihre Module aus nicht-chinesischen Produktionen anbieten.

Um mal Zahlen zu nennen: Wir haben gehört, Module aus der Produktion in Vietnam kosten etwa drei Cent mehr als in China. Das bedeutet doch, wenn der Mindestimportpreis sinkt und weniger als drei Cent über den Preisen aus China liegt, dann würde es Sinn machen, in China zu kaufen?

Ob der Mindestimportpreis auf dieses Niveau fallen wird, ist schwer zu sagen. Liegt er jedoch unter den Kosten nicht-chinesischer Produktionen ist er ohnehin hinfällig. Letztlich geht es auch um verfügbare Kapazitäten für konkurrierende Märkte, die in der Welt aufgeteilt werden müssen. Hierauf haben Import-Restriktionen einen direkten Einfluss.  Erst kürzlich wurde bekannt, dass Indien plant Zölle auf chinesische Module zu erheben. Also wir haben ein Angebot und eine Nachfrage nach den jeweiligen Kapazitäten, die der Hersteller hat. Je nachdem, wie dieser produziert, geplant und auch eingekauft hat, hat er natürlich Absatzdruck. Daher werden wir immer volatile Preise haben.

Welche Rolle spielt dabei die Nachfrage in China selbst?

Wenn wir einen sehr starken chinesischen Markt haben, der sogar relativ hochpreisig im Vergleich zu anderen Märkten in der Welt ist, dann haben die Hersteller weniger Druck, verkaufen zu müssen. Wenn die Nachfrage im chinesischen Markt aber zusammenbricht, wie wir es vor anderthalb Jahren bei der Kürzung der Solarförderung zur Jahresmitte erlebt haben, dann müssen die Hersteller die Ware in den Weltmarkt pumpen. Im vergangenen Jahr hatten wir das nicht, weil neue Förderprogramme dazu geführt haben, dass die Nachfrage in China konstant war. Da haben ja einige, die darauf eine Wette gemacht haben, auch ein ziemliches Problem dieses Jahr bekommen.

Können Sie die Entwicklung der Märkte vorab genau einschätzen?

Die Märkte verlaufen jährlich betrachtet niemals gleich. Ich persönlich glaube, dass, wenn der Mindestimportpreis auf ein gewisses Niveau kommt, was dieses Jahr mit den 30 Cent erreicht sein wird, dann macht es möglicherweise keinen Sinn mehr, außerhalb von China zu produzieren. Dies ist natürlich nur zutreffend, sofern die Märkte mit Restriktionen auf chinesische Module aussterben. Sollten diese aufrechterhalten werden, muss diese Nachfrage dementsprechend aus nicht-chinesischer Produktion bedient werden. Aus europäischer Sicht macht es für die Chinesen jedenfalls keinen Sinn mehr. Solange der Mindestpreis noch auf dem derzeitigen Niveau ist, werden sie die Möglichkeit nutzen, über nicht-chinesische Produktionsstätten wettbewerbsfähiger zu sein.

Wenn Sie als Baywa für ihre Projekte bei chinesischen Produzenten kaufen, wie ist ungefähr das Verhältnis von Modulen aus nicht-chinesischer zu denen aus chinesischer Produktion bezüglich Preis und Volumen?

Also wir sind da preisoptimiert. Wenn nicht-chinesische Kapazität da ist und die preislich attraktiver ist als der Mindestpreis, dann versuchen wir natürlich, so viel dort zu kaufen, wie möglich ist, um dementsprechend den günstigsten Einkaufspreis zu haben. Das Risiko, was wir dabei eingehen, ist: Die Kapazität des Herstellers außerhalb Chinas beträgt normalerweise vielleicht ein Fünftel von dem, wenn überhaupt, was er im Heimatland hat. Also müssen wir abwägen, wie viel Risiko gehen wir ein, da er uns dann vielleicht doch nicht beliefern kann, wir dafür aber einen etwas besseren Preis bekommen.

Hatten Sie denn das Problem im vierten Quartal 2017, dass Sie teilweise schon vereinbarte Modullieferungen nicht erhalten haben?

Ja, es sind da Vertragsbrüche angedroht worden. Die Modulhersteller waren allesamt überverkauft und mussten entscheiden welche von den bestehenden Verträgen sie beliefern. Dies ist dann eine Entscheidung zwischen attraktiverer Marge und Liefertreue.

Angedroht heißt aber noch nicht, dass es passiert ist?

Wir konnten glücklicherweise alle Projekte beliefern.

Das geht jetzt ein bisschen weg vom Mindestpreis. Es hört sich für den Außenstehenden, der nicht in diesem Einkaufsgeschäft tätig ist, ja total abenteuerlich an. Wie gehen Sie mit der Situation um, dass niemand vorhersehen kann, wie in zwei Monaten die Preise sind und wie viel Volumen bezogen werden kann?

Das ist eine Erfahrung, die haben wir in der Form auch zum ersten Mal gemacht: Die Chinesen haben einfach realisiert, sie haben hier in ihrer Kostenkalkulation völlig danebengelegen. Letztendlich findet man eine Lösung. Meist ist es ja nicht das erste Mal, dass man Projekte miteinander gemacht hat, und es wird auch nicht das letzte Mal sein. Daher wird versucht, das einvernehmlich zu lösen. Aber wir hatten auch einen Lieferanten, der einfach gesagt hat: ‘Nein, ich beliefere dich nicht. Ich kann das in der Form nicht, und ich bekomme woanders einen besseren Preis‘. Da ging es dann wirklich so weit, dass man mit Anwälten am Tisch gesessen hat und sich final noch gütlich geeinigt hat. Es hätte aber auch anders ausgehen können.

Uns ist auch ein Fall bekannt, da hat ein chinesischer Hersteller nicht einmal die Anzahlung zurückzahlt.

Genau das ist ein Risiko. Wir haben in der Einigungsdiskussion mit dem Lieferanten natürlich auch berücksichtigt, dass man eine Anzahlung geleistet hat und die dann gegebenenfalls nicht wiederbekommt oder die so lange im Feuer steht, bis dann ein Gericht entschieden hat, wie es denn ausgehen soll.

Lassen Sie uns nochmal zum Mindestimportpreis zurückkehren und in die Zukunft blicken. Welche Entwicklung erwarten Sie?

Der Mindestpreis wird ab dem dritten Quartal noch mehr nur noch ein Instrument sein, welches uns mit Unsicherheit das Geschäft erschwert. Wenn man dem Mindestpreis bis zum Sommer folgt und den dann sogar im Nachgang noch weiter absenken würde, wird er bezüglich des Preises irrelevant.

Weil man dann auch wirklich aus China kaufen kann?

Ja, man kann auch jetzt schon aus China kaufen. Letztendlich ist es eine Frage der Preise und verfügbaren Kapazitäten. Natürlich ist auch immer eine Preisoptimierung notwendig, insbesondere wenn man in Ausschreibungs- beziehungsweise PPA-Märkten unterwegs ist und die dritte Stelle hinter dem Komma beim Bieterpreis entscheidend ist.

Wie sieht es denn aus mit Produktionen aus Europa aus? Es muss ja nicht Solarworld sein, es gibt ja auch europäische Hersteller mit asiatischen Muttergesellschaften. Können die mithalten?

Klare Aussage: Nein. Wir haben einen Lieferanten im Portfolio, der produziert auch in Deutschland. Das ist eine Preisdifferenz von drei bis fünf Cent. Um das zu verdeutlichen: Wenn ich bei einem 100-Megawatt-Projekt drei bis fünf Cent Preisunterschied habe, sind das drei bis fünf Millionen Euro.

Liegt das daran, dass die Hersteller in Europa die Zellen nicht günstig importieren können, das heißt indirekt auch wieder am Mindestimportpreis?

Jein. In der Regel werden die Zellen aus nicht-chinesischer Zellfertigung geliefert. Das heißt, da fällt kein Zoll an. Aber es sind natürlich auf der anderen Seite auch die Standortkosten in Deutschland andere als in China und es fehlen die Skaleneffekte. Hier haben wir eine 300-Megawatt-Produktion, und in China stehen 1,5 oder 2,5 Gigawatt an einem Standort. Das sind einfach ganz andere Skaleneffekte.

Das Interview führten Michael Fuhs und Sandra Enkhardt.