Studie: Preisspitzen ein neues Phänomen

RWE, Sprengung, Kühltürme, AKW Grundremmingen

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An der deutschen Strombörse sind seit einiger Zeit nicht nur extrem niedrige Preise, die teilweise deutlich im Negativbereich liegen, zu beobachten, sondern auch Stunden mit außergewöhnlich hohen Preisen. „Der höchste Preis lag bei 936 Euro pro Megawattstunde, das ist deutlich mehr als die Erzeugungskosten selbst der teuersten Kraftwerke“, erklärt Mitautorin Johanna Bronisch anlässlich der Vorstellung der Kurzstudie von Neon mit dem Titel: „Preisspitzen am deutschen Strommarkt. Eine empirische Untersuchung des Day-Ahead-Markts hinsichtlich Kapazitäts-Knappheit und Marktmacht-Missbrauch in den Jahren 2023 und 2024“. Auch in diesem Monat seien bereits wieder Preise von mehr als 350 Euro pro Megawattstunde zu beobachten, weshalb das Thema hochaktuell sei.

Für den Untersuchungszeitraum identifizierten die Analysten von Neon insgesamt zehn Stunden mit Preisspitzen. Sie alle lagen im Herbst und Winter 2023 und 2024. Nach der Definition sind dies solche Stunden, in denen die variablen Kosten eines typischen Spitzenlastkraftwerks – einer offenen Gasturbine – unter den beobachteten Preisen liegen. „Es handelt sich dabei offensichtlich um ein neues Phänomen im deutschen Strommarkt, das ausschließlich in Stunden auftrat, in denen sehr niedrige Erzeugung aus erneuerbaren Energien auf eine hohe Residuallast traf“, heißt es in der Studie. Rückblickend auf die vergangenen 10 Jahre kommt Neon auf 31 einzelne Stunden mit Preisspitzen. Dabei nahmen die Neon-Forscher die Grenzkosten zumeist bei 218 Euro pro Megawattstunde an, teilweise auch mit 418 Euro pro Megawattstunde.

Eine anlagenscharfe Auswertung zeigt dabei, dass die meisten Kraftwerke in diesen Stunden ihre maximale Erzeugungsleistung erbracht hätten. Allerdings bei weitem nicht alle, so das Ergebnis von Neon. Demnach liefen 40 Prozent der Gas-, Kohle- und Pumpspeicher-Kraftwerke nicht oder nur mit geringer Leistung. Bei den Kraftwerken mit eingeschränkter Leistung hätten die Analysten meist plausible Gründe dafür identifizieren können, wie etwa betriebliche Restriktionen im Fall von Kuppelgasanlagen und kurz- oder langfristige Nichtverfügbarkeit. Allerdings gab es auch Kraftwerke mit insgesamt sechs Gigawatt Erzeugungsleistung, die während der Preisspitzen nicht auf Volllast liefen, ohne dass hierfür eine plausible Erklärung zu finden war. „Unsere Auswertungen legen nahe, dass sich die beobachteten Preisspitzen durch ein knappes verfügbares Angebot erklären lassen. Laut BNetzA Kraftwerksliste sind im Laufe des Jahres 2024 circa 6 Gigawatt konventionelle Kraftwerkskapazität vom Netz gegangen und einige der in der Energiekrise dem Markt temporär zur Verfügung stehenden Kohlekraftwerke befinden sich wieder vollständig in der Netzreserve. Wir halten es deswegen für plausibel, dass die Preisspitzen klar Knappheitspreise darstellen“, heißt es in der Studie weiter. Daraus leiten die Analysten auch ab, dass in Zukunft erneut Preisspitzen auftreten werden. Allerdings zeigten die Analysen „keine konkreten Hinweise auf systematische strategische Mengenzurückhaltung“, heißt es weiter.

Nach der ökonomischen Theorie seien solche „Knappheitspreise“ in einzelnen Stunden absolut erwartbar. „Sie haben sogar eine wichtige Funktion: sie sind der Anreiz für Investitionen in Spitzenlastkraftwerke, Speicher und Nachfrageflexibilität,“ erklärt Mitautorin Silvana Tiedemann. „Man könnte also sagen: nicht die Tatsache ist erklärungsbedürftig, dass es jetzt solche Preisspitzen in Deutschland gibt, sondern die Tatsache, dass es sie all die Jahre nicht gab.“

Lion Hirth, Geschäftsführer von Neon und ebenfalls an der Studie beteiligt, verweist auf die lange Zeit bestehenden Überkapazitäten. „Atom- und Kohleausstieg sowie das Ausscheiden von alten Kraftwerken nach Erreichen der Lebensdauer hat diese Überkapazitäten in den letzten Jahren abgeschmolzen. Ausreichende Erzeugungskapazität ist jetzt ein echtes Thema geworden. Solange keine neuen Kapazitäten ans Netz gehen, sollten möglichst keine weiteren Kraftwerkskapazitäten stillgelegt werden“, so Hirth weiter.

Auch wenn die Neon-Forscher keine Hinweise auf eine explizite Mengenzurückhaltung gefunden haben, schließen sie einen Missbrauch der Marktmacht nicht komplett aus. Dies könne nur mit Zugriff auf Unternehmensdaten herausgefunden werden. „Wir haben deswegen argumentiert, dass die Hedging-Profile der Marktteilnehmer mitberücksichtigt werden sollten, wenn Marktmachtmissbrauch zukünftig genauer untersucht werden sollte“, so die Autoren. „Außerdem könnte die Einführung granularerer Futures 27 (beispielsweise für spezifische Stunden oder Lastprofile) einen zusätzlichen Beitrag zur Markteffizienz leisten, indem sie den ökonomischen Anreiz zur Manipulation durch strategische Mengenzurückhaltung deutlich reduziert.“

Im Fazit der Studie heißt es, dass die Preisspitzen eine echte Angebotsknappheit zeigen und mit dem Auftreten vergleichbarer Situationen weiter gerechnet werden muss. „Wenn Preisspitzen politisch ausgehalten werden, könnten sie echte Investitionssignale für Lastflexibilität oder neue gesicherte Leistungen darstellen“, so die Autoren.

Drei Konsequenzen für einen Kapazitätsmarkt in Deutschland

Aus den Analysen ergeben sich Neon zufolge drei Konsequenzen für die Ausgestaltung des Kapazitätsmarkts in Deutschland. „Erstens sollte die Quantifizierung der heute sicher verfügbaren Kraftwerkskapazität nicht auf der Nennleistung von Anlagen beruhen, sondern muss die tatsächliche Verfügbarkeit realistisch abbilden“, so die Empfehlung. Tatsächlich verfügbar sei aus verschiedenen Gründen vermutlich eine wesentlich geringere Anlagenleistung. „Zweitens setzt eine belastbare Bewertung der gesicherten Leistung eine konsistente Datengrundlage voraus, die installierte Kapazitäten, technische Verfügbarkeiten und Reservebindungen transparent ausweist“, schreiben die Neon-Autoren. Aktuell sei dies nicht gegeben.  Drittens sollten realistische De-Rating-Faktoren für die als „gesichert“ angenommene Leistung verwendet werden, denn die aggregierten Kapazitätsfaktoren lagen für Gas- und Braunkohle-Kraftwerke während der Preisspitzen lediglich bei etwa 75 Prozent, für Steinkohle nur bei rund 60 Prozent und für Pumpspeicher sogar nur bei 30 Prozent.

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