Warum die EU verpflichtende Ziele für erneuerbares und dekarbonisiertes Gas für ein klimaneutrales Europa braucht

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pv magazine: Eurogas hat kürzlich erklärt, dass es das Ziel der EU unterstützt, bis 2050 CO2-neutral zu werden. Welchen Beitrag kann die Gaswirtschaft leisten?

James Watson (Foto): Die Mitglieder von Eurogas bekennen sich uneingeschränkt zum Ziel der Europäischen Kommission, bis 2050 eine Klimaneutralität zu erreichen. Wir freuen uns, dass Ursula von der Leyen als neue Kommissionspräsidentin dies zu einer klaren politischen Priorität gemacht hat und in den ersten 100 Tagen Gesetze dazu erlassen wird. Das Ziel der Klimaneutralität kann auf die kostengünstigste und sozial am wenigsten störende Weise erreicht werden, indem alle verfügbaren Energieträger – einschließlich Gas – genutzt werden. Gas wird für die Erreichung unserer Klimaziele benötigt, und damit die Industrie einen wichtigen Beitrag leisten kann, werden wir auch unseren eigenen Übergang vom Erdgas zu einem Gemisch aus erneuerbaren und dekarbonisierten Gasen im Jahr 2050 vollziehen.

Wie wichtig wäre in diesem Zusammenhang ein europaweiter CO2-Preis oder eine CO2-Steuer?

Wir müssen die richtigen politischen Instrumente finden, um den Wandel zu kohlenstoffärmeren Lösungen voranzutreiben. Bei Eurogas diskutieren wir die verschiedenen Optionen, einschließlich CO2-Steuern und -Preisen. Wir sehen die Entwicklung solcher Ideen in vielen Ländern, und es ist wahrscheinlich, dass die Diskussion auf die europäische Ebene gehoben wird. Da in Brüssel Einstimmigkeit in Steuerfragen erforderlich ist, ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen EU-weiten Besteuerung begrenzt. Es steht jedoch den einzelnen Ländern frei, ihre eigene Steuerpolitik zu verfolgen, so dass ich die Entwicklung nationaler CO2-Steuern erwarten würde.

Was wäre eine EU-weite Option, wenn es schon nicht mit einer einheitlichen CO2-Steuer nicht klappt?

Bei Eurogas unterstützen wir den europäischen Emissionshandel und die Reformen, die durchgeführt werden, um ihn effektiver zu machen. Dies ist ein Schlüssel zur Erhöhung der CO2-Kosten in Europa und zur Förderung der Umstellung weg von höheren CO2-Emittenten. Was die Frage einer Steuer für nicht im Emissionshandel inbegriffenen Sektoren betrifft, so diskutieren wir noch darüber, wie unsere Position bei Eurogas aussehen wird. Wir halten Sie da gern auf dem Laufenden.

Ein aktueller Bericht des Fraunhofer-ISE passt dazu, wonach allein in Deutschland durch den verstärkten Einsatz von Gas- anstelle von Kohlekraftwerken im Juni ein Drittel der CO2-Emissionen eingespart werden konnte. Wie groß wäre das Potenzial für ganz Europa, wenn Gaskraftwerke zunehmend Kohlekraftwerke ersetzen würden?

Dies ist in der Tat ermutigend. Es zeigt, dass es niedrig hängende Früchte gibt, die schnell genutzt werden können, um einen unmittelbaren Einfluss auf die Reduzierung der CO2-Emissionen in Europa zu haben. Im Jahr 2017 führte Eurogas eine Studie durch: Sie zeigte, dass die Umstellung von Kohlekraftwerken auf gasbefeuerte Kraftwerke allein im Jahr 2030 in Europa zu einer CO2-Reduktion von 45 Prozent führen würde. Das wäre sicherlich die Grundlage für eine Gesamtreduktion des CO2 um 55 Prozent, wenn kohlenstoffärmere Lösungen auch in Bereichen wie dem Verkehr eingesetzt würden, in denen die Emissionen in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sind.

Für ein CO2-neutrales Europa bis 2050 wird es jedoch nicht ausreichen, Kohlekraftwerke durch Gaskraftwerke zu ersetzen. Grüner Wasserstoff ist derzeit in aller Munde.  Die Technologie steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, wird er dennoch einen Beitrag zu einem CO2-neutralen Europa im Jahr 2050 leisten?

Auf jeden Fall. Wir werden die Entwicklung verschiedener Gase sehen müssen, um die Chancen zu erhöhen, unser Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Grüner Wasserstoff oder Wasserstoffgas aus erneuerbarer Energie sind wichtige Vektoren, von dem wir erwarten, dass er im kommenden Jahrzehnt vorangetrieben wird. Die Technologie ist in der Tat neu, aber die jungen grünen Triebe werden in der EU für das Wachstum dieses Sektors sorgen.

Was ist für eine schnelle, erfolgreiche Entwicklung des Sektors notwendig?

Eines unserer Mitglieder, ITM Power, ein Elektrolyseur-Hersteller, hat kürzlich seinen Produktionsstandort um das Vierfache vergrößert. Die Nachfrage kommt also. Was wir brauchen, ist eine abgestimmte Industriepolitik zur Unterstützung der europäischen Hersteller von Elektrolyseuren, um sicherzustellen, dass Europa weiterhin führend bei der Produktion und nicht nur beim Einsatz sauberer Technologien ist, die wir zur Bekämpfung des Klimawandels benötigen. Dies wird sowohl einen sozialen als auch einen ökologischen Nutzen für Europa bringen.

Und welche Kostenentwicklung erwarten Sie?

Die meisten Elektrolyseure werden heute in Europa auf Bestellung hergestellt. Bei einem stärker automatisierten Ansatz können wir erwarten, dass die Kostensenkungen der Erfahrungskurve der Solarindustrie sehr genau folgen. Wir könnten eine Preissenkung in einer Größenordnung von bis zu 70 bis 80 Prozent und möglicherweise mehr im kommenden Jahrzehnt erwarten. Alles hängt von den politischen Richtlinien ab, die wir sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite umsetzen. So hat Frankreich beispielsweise ein Ziel von 10 Prozent erneuerbarem Gas bis 2030, darunter ein Unterziel von 3 Prozent für grünen Wasserstoff. Dies trägt zu einer höheren Nachfrage bei und wird zu Preissenkungen auf der Produktionsseite führen. Aus diesem Grund unterstützt Eurogas die Ziele für erneuerbares und dekarbonisiertes Gas.

Welche anderen Power-to-Gas-Technologien könnten bis 2050 eine wichtige Rolle spielen, die wir heute vielleicht noch nicht auf dem Schirm haben?

Es gibt heute drei Haupttypen von Power-to-Gas-Technologien, und wir sehen Potenzial für jede dieser Technologien, die alle auf dem Einsatz von Elektrolyseuren basieren. Diese Technologie wird also unverzichtbar sein. Eine Art wandelt den Wasserstoff mit Kohlendioxid zu Methan, das dann wie Erdgas genutzt werden kann. Diese Variante von Power-to-Gas kann sich ebenfalls stark entwickeln. Die Studie 2017 von Eurogas sieht einen großen Markt für ein solches Gas vorher. Derzeit überarbeiten wir die Studie und werden die neuen Ergebnisse im Oktober veröffentlichen. Dann kann ich gerne mehr Details nennen.

Die „alte“ EU-Kommission hatte mit der Arbeit am Gaspaket begonnen. Dies muss nun unter der neuen Führung fortgesetzt werden. Was erwarten Sie in dieser Hinsicht nach der Wahl von Ursula von der Leyen?

Bei Eurogas erwarten wir, dass die neue Kommission es zu einer Priorität macht, dafür zu sorgen, dass das Gaspaket rechtzeitig vorgelegt wird, sobald alle Hintergrundstudien abgeschlossen sind. Wir hoffen dann, dass sich die Kommission zu Zielen für erneuerbares und dekarbonisiertes Gas verpflichtet und dafür sorgt, dass das Herkunftsnachweissystem auch für Wasserstoff funktioniert.  Wir hoffen auch, dass die neue Kommission die Industriestrategie in den Mittelpunkt stellt und ein Programm zur Unterstützung der Hersteller sauberer Technologien in Europa – wie die Hersteller von Elektrolyseuren – entwickelt, um sicherzustellen, dass wir Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum hier in Europa erhalten. Dies wird letztendlich dazu beitragen, die öffentliche Unterstützung für den Energiewende aufzubauen, da die Menschen den direkten Nutzen der Veränderung ihrer Haushaltseinkommen erkennen können.