Fantastisch! Unglaublich! Überwältigend!

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Am Sonntag wird das europäische Parlament neu gewählt. Während die letzte EU-Wahl vor fünf Jahren Wellen von großen Demonstrationen von „Fridays for Future“ prägten, sind diese im Jahr 2024 deutlich kleiner geworden. Sehr großen Erfolg hatten sie dennoch, vor allem im Bereich der erneuerbaren Energien. Dieser Erfolg ist angesichts der großen Krisen seit 2019 noch höher zu bewerten also ohnehin. Denn wir alle wissen, welche Opfer an Leben und (auch seelischer) Gesundheit, Existenzen, Ängste, Verwerfungen die Corona-Jahre brachten. Wie sehr zudem seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine im Februar 2022 weitere massive Ängste und massive wirtschaftliche Verwerfungen hinzukamen.

Kaum zu glauben also, dass sich parallel zu diesen Krisen eine so große und positive Entwicklung wie im Solar- und den zugehörigen Bereichen vollzogen hat.

Zu den zugehörigen Bereichen zähle ich alles, was mit der neuen globalen Elektrifizierungswelle auf Basis der erneuerbaren Energien, vor allem von Windkraft und Photovoltaik, zu tun hat. Also die Elektrifizierung des Verkehrs und der Wärmeerzeugung sowie eine umfassende Digitalisierung und die exponentiell wachsende Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI).

Eine neue Ära der Elektrifizierung ist angebrochen und einmal mehr können wir Menschen damit Großes erreichen. Wie einst mit der Einführung des elektrischen Lichts, des Telefons, von Haushaltsgeräten, elektrischen Bahnen, vielfach hilfreichen Maschinen, medizinischer Technik und vielem mehr.

Die von den Erneuerbaren ermöglichte neue Welle der Elektrifizierung wird nun die Basis schaffen für einen gesünderen Menschen auf einem gesünderen Planeten in vielen Facetten. Schauen wir zunächst auf Anwendungen der solaren Elektrizität im Verkehr.

Zwischen 2018 und 2023 hat sich die Zahl der jährlich neu zugelassen Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben global versechsfacht und ist von zwei Prozent der Neuzulassungen auf 18 Prozent gesprungen.

Heute ist es in Deutschland kaum zu glauben, dass zur EU-Wahl 2019 Volkswagen kein einziges Elektroauto auf dem Markt hatte, das den Namen verdiente (das Modell id.3 kam erst im September 2020). Auch stand an der sechsspurigen Autobahn rund um Berlin in Grünheide nur ein kleines Industriegebiet neben einer schmalen Abfahrt. Seit 2022 produziert dort Tesla in einem der modernsten Autowerke der Welt seine Elektroautos.

Dabei wurde Tesla in den fünf Jahren vom Jäger zum Gejagten. Denn nicht nur alle etablierten Autobauer der Welt bieten nun etliche elektrische Modelle an. Vielmehr führen nun China und seine „Newcomer“ die Entwicklung der Massenanwendung von Elektroautos an – mit im Jahr 2023 neu zugelassenen 6,3 Millionen reinen Elektrofahrzeugen allein in China führt das Land den globalen Megatrend nun mit großer Geschwindigkeit an.

Im scharfen Kontrast zu den Diskussionen in Deutschland und vor der EU-Wahl (altgestrige Politiker wollen das EU-Verbrennerverbot 2035 wieder aufheben) wächst der globale Markt für Elektrofahrzeuge weiter rasant. Meldungen zur Elektrifizierung wie das Verbrennerimport-Verbot von Äthiopien oder die Bestellung von 12.000 Elektrobussen aus Nigeria zeugen davon das sich die Welt überall rasant zum Positiven verändert. Und das sich dieser Megatrend vom „Millionseller“ E-Bike bis zum großen LKW oder Bussen und auch batterieelektrischen Schienenfahrzeugen erstreckt.

Parallel zu dieser epochalen Veränderung im Verkehr beschleunigt sich die globale Digitalisierung mit ihren Anforderungen an die Bereitstellung von Elektrizität weiter. Mit der massenhaften Nutzung der Künstlichen Intelligenz wird für die kommenden Jahre mit einem exponentiellen Wachstum des Strombedarfs gerechnet. Abschätzungen reichen bis zu 25 Prozent globalem Mehrverbrauch an Strom allein durch die verschiedenen Bereiche der Digitalisierung. Sieht man die Digitalisierung als Chance für ein besseres Leben und weiteren Fortschritt, so ist das eine gute Sache und eine zusätzliche immense Chance für die Erneuerbaren.

Und wenn man das Wachstum des Strombedarfs als Chance sieht und es entsprechend gestaltet, dann wendet man als Land massenhaft Windkraft und Photovoltaik sowie Batteriespeicher an. Auch baut man Netze aus, digitalisiert sie und freut sich über die vielen interessanten Entwicklungen und sinnvolle Arbeit.

So etwa in China – dort wächst der jährliche Strombedarf durch Wirtschaftswachstum und konsequente Elektrifizierung in etwa um den gesamten Bedarf von Deutschland. Es werden unter anderem Erzeugungskapazitäten und Netze errichtet, und für 2024 könnte sich nach der Installation von über 270 Gigawattpeak DC Leistung im Jahr 2023 in China erstmals eine signifikante Verringerung der Nutzung von Kohle im Stromsektor ergeben.

Trotz Wachstum „einmal Deutschland“ würde damit auch erstmal der CO2-Ausstoß sinken- so zumindest die Internationale Energieagentur IEA in der folgenden Abbildung: Zubau, Erneuerbare, Kohle, Gas in China, 2019 bis 2026, Quelle IEA

Wir reden von China, welches der Welt zeigt, dass auch im 21. Jahrhundert ein massives Wachstum im Strombedarf ein gutes Geschäft ist. Und alle machen mit, weil die Aussicht auf die „All Electric World“ ein besseres Leben mit weniger Kosten verspricht.

Womit wir bei unserem Kernthema sind – dem extremen Hochlauf von Solar & Co. in der Erzeugung und Nutzung:

In Deutschland wuchs die jährliche Neuinstallation von 2,89 Gigawatt 2018 auf rund 15 Gigawatt 2023. Eine glatte Verfünffachung in fünf Jahren.

Insgesamt waren bis Jahresende 2023 über 3,7 Millionen Photovoltaik-Anlagen registriert, mit Stand 21. April 2024 sind es schon über 4 Millionen – seit 2019 wurde mit Hunderttausenden von Balkonsolaranlagen eine neue Dimension an Breitenbeteiligung erreicht.

Hinzu kommen per Ende 2023 über 2,7 Millionen Solarthermie-Anlagen. Diese dürften im vergangenen Jahr das Äquivalent von über 750 Millionen Liter Heizöl eingespart haben, was 45 Prozent der deutschen Rohölförderung entspricht. Not so bad und wird oft übersehen.

Grob gesagt haben damit sicher über sechs Millionen deutsche Haushalt eine eigene Energieerzeugung auf Basis der Solarenergie. Oder knapp 15 Prozent der rund 40,9 Mio. deutschen Haushalte. Damit dürften 20 bis 25 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen in ihrem Haushalt „etwas mit Solar zu tun“.

Global hat sich die Neuinstallation von Photovoltaik-Anlagen von rund 100 Gigawatt 2018 auf über 440 Gigawatt 2023 mehr als vervierfacht! Was der jährlichen Energieproduktion von über 90 (neuen) Atomkraftwerken entspricht. Oder rund 350 (neuen) Kohlekraftwerksblöcken – was für ein Fortschritt! Dazu empfehle ich die Lektüre des Beitrags von Carsten Pfeiffer, von dem in Kürze ein zweiter Teil erscheint.

Aber in Sachen Geschwindigkeit stiehlt eine weitere Komponente der neuen Ära der Elektrifizierung allen anderen die Show.

Verzehnungfachung – Sprung bei stationären Speichern 2018 bis 2023

Ist die Vervierfachung der globalen Neuinstallationen von Photovoltaik-Leistung schon ein gewaltiger Sprung, so erscheint sie gegenüber der Verzehnfachung der neu installierten stationären Batteriespeicher gering. Natürlich springt der Speichermarkt von einem niedrigeren Niveau, dennoch ist die Geschwindigkeit atemberaubend und sogar höher als bei der Photovoltaik einst.

Batteriemarkt, BloombergNEF

Ich persönlich denke, dass Bloomberg mit den oben dargestellten Zahlen die Dynamik sogar deutlich unterschätzt – sind doch die Produktionskapazitäten extrem gewachsen, deren Effizienz immer weiter gestiegen und die Preise für Batteriespeicher förmlich implodiert.

Schon jetzt werden die „rollenden Speicher“ in Deutschlands Elektroautos mit einer Kapazität von 100 Gigawattstunden abgeschätzt. Dagegen sind die lange Zeit als „natürliche Grenze“ für Strom-Speicherkapazitäten angesehenen Pumpspeicher in Deutschland mit 37 Gigawattstunden so nebenbei „überrannt“ worden. Und wir sehen hier erst den Anfang, denn noch werden die rollenden Kapazitäten nicht aktiv für das Stromnetz genutzt.

Wachstum, BatteriemarktElektroautos sind in China schon jetzt günstiger zu fertigen als Verbrenner: So lag der Preis für eine 100-Kilowattstunden-Batterie für ein großes Elektrofahrzeug im Jahr 2014 noch bei rund 60.000 Euro. 2024 ist sie für 5000 Euro zu haben. „Fahrzeuge für alle“ wie etwa ein Opel Corsa e hätte 2014 noch Batteriekosten von 30.000 Euro gehabt, aktuell sind es nur noch 2500 Euro. Und man schätzt, dass ein Elektroauto rund 10.000 Teile weniger braucht als ein Verbrenner.

Eindrucksvoll zu sehen ist der Preissturz schon heute in China. Und sicher sehr bald auch bei den europäischen Herstellern, sobald die Kostensenkungen hier ankommen und sich die Hersteller auch trauen, endlich ihre europäische Preispolitik anzupassen.

Dass Elektroautos sich besser fahren als Verbrenner, spricht sich zunehmend herum, zudem sind sie schon heute zuverlässiger als Verbrenner.

All dies wird, wenn auch mit ziemlichem politischem Krach und Ruckeln im EU-Markt, die Verbreitung der elektrischen Mobilität weiter anfeuern. Verbunden mit massiven Effizienz- und Umweltgewinnen lokal und global.

Und so ist es kein Wunder, das wir solche Kurven des Wachstums für Batteriespeicher sehen, die sicher so weitergehen. Zum Wohl von uns allen.

— Der Autor Karl- Heinz Remmers ist seit 1992 als Solarunternehmer tätig. Zu Beginn mit der Planung und Montage von Solaranlagen sowie der Produktion von Solarthermie-Kollektoren. Seit 1996 dann parallel unter dem Namen Solarpraxis mit eigenen Fachartikeln, Buch- und Zeitschriftenverlag und dem bis heute aktivem Solarpraxis Engineering. Zu den erfolgreichen Gründungen zählen auch die nun von namhaften Partnern gemachte pv magazine Group und die Konferenzserie „Forum Solar Plus“. Neben Solarpraxis Engineering sind heute Entwicklung, Planung, Errichtung und Betrieb von Solaranlagen als „IPP“ im Fokus der Aktivität. Zudem betreibt er aktive politische Arbeit im Rahmen des Bundesverbandes Neue Energiewirtschaft (bne). Mehr hier: https://www.remmers.solar/ueber-mich/ —

 

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