„Private Photovoltaik-Betreiber in Deutschland werden diskriminiert“

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Wofür benötigen wir Energiegemeinschaften?

Walter Kreisel: Der Strom nimmt bekanntlich immer den kürzesten Weg, wenn jemand also viel Strom mit seinem Photovoltaik-Speicherkraftwerk produziert und ins Netz einspeist, dann wird er in den Häusern seiner Nachbarn verbraucht. Vom Erzeuger zum Verbraucher legt der Solarstrom also vielleicht 50 Meter bis 500 Meter zurück. Erinnern sie sich zurück, früher gab es im Telefonnetz Ortsgespräche, Ferngespräche und Auslandstelefonate und jede Entfernung hatte seine eigene Gebühr. Ortsgespräche waren am günstigsten. Für eine Stromlieferung sind die Kosten aber immer gleich hoch, egal ob sie von nebenan oder aus Frankreich kommt. Das ist diskriminierend.

Inwiefern?

Sobald der Strom ihr Grundstück verlässt und durch das öffentliche Stromnetz fließt, und sei es auch nur ein paar Meter, müssen sie in Deutschland die vollen Netzgebühren und alle Umlagen und Steuern bezahlen. Der Strom, der keinerlei Umwege genommen und nicht einmal über Trafos oder auch Umspannwerke, Hochspannungsleitungen geflossen ist, wird dadurch genauso teuer oder sogar noch teurer als der von den großen zentral errichteten Energiekraftwerken.

Walter Kreisel ist Gründer und Geschäftsführer von Neoom. Die Neoom-Batteriespeicher der Serien Blokk und Kjuube finden Sie in den pv magazine Marktübersichten für Heimspeicher und Groß- und Gewerbespeicher. Die Energiegemeinschaften „KLUUB“ stellt das Unternehmen unter anderem auf seiner Fachpartnertour vom 22. bis 31. August in Deutschland vor.

Man könnte argumentieren, dass dadurch alle Stromverbraucher gleichbehandelt werden, warum sagen Sie das ist unfair?

Wer nur einen Teil des Netzes benutzt, sollte auch nur mit den Kosten für diesen Netzbereich belastet werden. Das ist nicht nur eine Frage der Fairness. Es entlastet unsere Netze und hilft somit dem Ausbau von erneuerbaren Energien und somit der Energiewende. Wenn nämlich regionale Energiegemeinschaften Strom auf den untersten Netzebenen austauschen und Angebot und Nachfrage lokal mittels intelligenter Ansteuerung in Übereinstimmung bringen, indem sie Stromspeicher aber auch Wärmeerzeuger wie Heizstäbe oder Wärmepumpen betreiben oder Elektroautos laden, wenn zu viel Strom produziert wird und zurück regeln, wenn es zu wenig gibt, entlasten sie die übergeordneten Netzebenen bei gleichzeitig wesentlich günstigerer Verteilung. Mit unserem Produkt „Kluub“ bringen wir Angebot und Nachfrage innerhalb der Energiegemeinschaften in Übereinstimmung, dann profitieren alle, sogar finanziell, weil nur noch für den Solarstrom eine Einspeisevergütung gezahlt werden müsste, welcher von der Community nicht verbraucht wird. Das heißt, dass der Stromverkäufer (Prosumer) mehr für seinen Strom bekommt, und der Stromkäufer (Consumer) weniger dafür bezahlt. Deshalb hat die EU alle Mitgliedsstaaten beauftragt, die einheitlichen Netzgebühren über alle Netzebenen auf auf die jeweiligen tatsächlichen Kosten zu reduzieren, um lokalen Energiehandel regional zu ermöglichen. Das ist eine Winwin-Situation. Die Renewable Energy Directive II (RED II) hätte genau darum eigentlich schon im Juni 2021 in Deutschland umgesetzt sein müssen.

Wann rechnen Sie damit, dass diese Regel in Deutschland kommt?

Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten 18 Monaten passiert. Allerdings, und das ist der Knackpunkt, muss Deutschland dann die Netzgebühren für jede einzelne Netzebene festlegen und das wird dazu führen, dass Anschlüsse an der Niederspannung günstiger werden und Anschlüsse an der Mittel- und Hochspannung teurer. Für große Industriebetriebe könnte das zu höheren Stromkosten führen und Sie wissen ja, dass die Unternehmen die Preise schon jetzt für zu hoch halten. Das wird eine Challenge, aber am Ende gewinnt immer die Masse und auch die deutsche Politik wird dieses Erfolgsrezept umsetzen, da zweifeln wir in keinster Weise.

Österreich hat die Direktive schon umgesetzt, wie ist die Kostensituation dort?

Teilnehmer an unseren Energiegemeinschaften zahlen 12 bis 15 Cent weniger für den Strom, den sie über „Kluub“ beziehen, als für den normalen Netzstrom. Allein durch die Einführung der Direktive und deren Umsetzung, sind die Netzgebühren im Mittelspannungsbereich um 28 Prozent bis zur Niederspannung um 58 Prozent gesunken.

Wie funktionieren die Energiegemeinschaften in Österreich in der Praxis?

In Österreich können Energiegemeinschaften mit uns gegründet werden, sobald sich in einem Netzgebiet, also in einem Dorf oder in einer Kleinstadt zehn Haushalte finden, die mitmachen möchten. Alle Teilnehmer befinden sich dabei hinter dem letzten gemeinsamen Umspannwerk. Die Region umfasst durchschnittlich einen Radius von 55 Kilometern. Bei größeren Städten können in dem Umkreis hunderttausende Menschen wohnen. Jeder Teilnehmer, egal ob er Erzeuger (Prosumer) oder nur Stromverbraucher (Consumer) ist, braucht auch einen Smart Meter. Damit tracken wir, wer wann einspeist und wer Strom aus dem Netz zieht. An den Reststromversorger melden wir dann nur noch die Differenz. Weil diese Abgrenzung der Daten erst im Nachhinein erfolgt, wir aber Erzeugung und Verbrauch möglichst direkt ausgleichen wollen, steuern wir auf der einen Seite die Solarspeicher-Kraftwerke auf Basis von Daten und Algorithmen wie beispielsweise Wetterprognose versus Entwicklung der Börsenstrompreise, um somit für die Mitglieder einer Energiegemeinschaft die günstigsten Stromkosten zum richtigen Zeitpunkt zu generieren.

Was passiert, wenn der Strom, den ein Mitglied einspeist nicht für den Bedarf der anderen reicht?

Dann zieht man Strom in dem Moment vom Reststromversorger, der zur Flatrate oder zum Börsenpreis eben liefert, aber immer erst dann, wenn der Stromspeicher nachgeladen werden muss, um den größtmöglichen Preisvorteil aus den sehr starken Stromschwankungen bis zu Negativpreisen zu generieren und dabei wiederrum die Netze zu entlasten.

Können deutsche Neoom-Kunden direkt eigene Energiegemeinschaften gründen, wenn die EU-Regelung umgesetzt ist?

Ja, wir stehen bereit und können sofort loslegen da die technische Voraussetzung bei tausenden Kunden bereits getestet ist und sich in Deutschland von der Funktion her nicht anders verhalten wird.  Mit Unterschieden rechnen wir höchstens bei der Ausgestaltung der Verträge, mit denen die Teilnehmer sich zusammenschließen und natürlich beim Thema Datenschutz.

Wie wahrscheinlich ist es aus Ihrer Sicht, dass die kommenden deutschen Regeln denen in Österreich ähneln oder entsprechen?

Sehr wahrscheinlich, denn wir arbeiten bereits an mehreren Projekten mit.

Was werden Sie tun, wenn sich die Umsetzung in Deutschland noch länger verzögert?

Mit unseren Systempartnern Photovoltaik-Speicher-Kraftwerke bauen, bauen und noch mal bauen, um maximal zu elektrifizieren und zu digitalisieren. Damit wir und unsere Kunden bereit sind für die wirkliche Demokratisierung, um die Energiewende real zu machen. Denn es ist nicht die Frage ob, sondern wann es passiert, und das wiederum entscheiden die Bürger.

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