Die Überlebensfrage der Menschheit

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Wenn es um Zukunft geht, scheint das Jahr 2100 die Grenze zu sein, bis zu der wir uns Gedanken machen. So hat der Pariser Klimagipfel festgelegt, dass bis zum Ende unseres Jahrhunderts die Klimaerwärmung um höchstens zwei Grad ansteigen soll. Was aber ist 2130, ein Jahr, das einige der heute Geborenen erreichen werden oder gar 2200, das viele Kinder der heute Geborenen noch erleben können?

Zu Bismarcks Zeiten wurde ein deutscher Mensch im Schnitt 46 Jahre alt. Heute werden wir im Schnitt um die 83 Jahre, von den heute Geborenen werden viele 100 und älter werden. Biologen gehen davon aus, dass unsere innere Uhr auf ungefähr 150 Jahre angelegt ist, wenn wir uns vernünftig verhalten.

Wer den Klimawandel ernst nimmt, muss den bisher angenommenen Zeithorizont erweitern.

Auf tausend Jahre können wir kaum vorausdenken. Aber 100 bis 200 Jahre sollten es schon sein. Denn der Klimawandel betrifft viele Generationen nach uns. Nur 80 Jahre nach vorne zu blicken, reicht nicht bei einem Thema, das zur Überlebensfrage der Menschheit geworden ist. Es sollte uns zumindest interessieren, wie heiß es bis in die Mitte des nächsten Jahrhunderts werden darf. Das ist die Zeit, die unsere Enkel und Urenkel erleben werden.

Wollen wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad plus gegenüber 1880 beschränken, was schon Millionen Klimaflüchtlinge bedeuten würde, bleiben uns gerade noch zehn Jahre, in denen wir Treibhausgase emittieren dürfen. Wollen wir die globale Erwärmung nicht über zwei Grad ansteigen lassen, was hunderte Millionen Klimaflüchtlinge noch in diesem Jahrhundert bedeuten würde, dann hätten wir – nach den heutigen Erkenntnissen der Klimaforschung – noch 25 Jahre Zeit, um klimaneutral zu werden. Doch zur Zeit steuern wir auf etwa fünf Grad globale Erwärmung bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zu.

Und dann?

Solange wir fossile Energieträger verbrennen, wird es immer heißer. Das heißt wir verbrennen die Zukunft unserer Enkel und Urenkel. Wenn wir alles verbrennen, was heute noch an fossiler Energie im Boden ist, betreiben wir Selbstverbrennung. Ich möchte dann nicht mein Enkel sein.

Fest steht: Die Klimaerhitzung bleibt für viele Jahrhunderte und Jahrtausende die Überlebensfrage der Menschheit.

Schon 2020 ist die Arktis im Schnitt beinahe zehn Grad wärmer als im Mittel der letzten hundert Jahre. Deshalb tauen die Permafrostböden in Sibirien gerade jetzt dramatisch auf und setzen Methan frei. Ein Methan-Molekül ist mehr als 20mal so klimaschädlich wie ein CO2-Molekül. Was wir heute für oder gegen den Klimawandel tun, hat Auswirkungen auf Jahrhunderte und Jahrtausende.

Nicht nur die Arktis schmilzt schon heute dreimal schneller als es die Gletscherforscher noch vor zehn Jahren befürchtet hatten, auch die Antarktis schmilzt dramatisch. Zur Nachhilfe für Herrn Trump und die deutsche AfD: Die Arktis liegt oben und die Antarktis unten und die Erde ist keine Scheibe!

Sollten Arktis und Antarktis komplett wegschmelzen, dann steigt der Meeresspiegel um bis zu 70 Meter. Good luck dann nach Hamburg, Bremen und Bremerhaven.

Der Dalai Lama erinnert in einem neuen Buch („Schützt die Umwelt – Der Klima-Appell des Dalai Lama an die Welt“), das wird zusammen geschrieben haben, daran, dass die Eisschmelze im Himalaya schon in wenigen Jahrzehnten eine unvorstellbare Wasserkatastrophe für zwei Milliarden Inder und Chinesen bedeuten wird, denn die größten Flüsse Asiens entspringen dem Himalaya-Gebirge und werden wegen der dortigen Eisschmelze künftig immer weniger Wasser haben.

Das Grönland-Eis wird seinen Kipp-Punkt spätestens erreichen, wenn die globale Erwärmung um 1,8 Grad zugenommen haben wird. Das Verschieben des Golfstroms, ein weiteres Abholzen des Amazonas-Waldes oder weiterhin brennende Wälder in Australien wären zusätzliche Kipp-Punkte, bei deren Erreichen es kein Zurück mehr gibt, befürchtet die Klimawissenschaft.

Es liegt an uns Heutigen, in den nächsten zehn Jahren noch das Schlimmste zu verhindern, wenn wir unsere Zivilisation behalten wollen. Das ist die Gnadenfrist, die wir für den 100 Prozent -Umstieg auf erneuerbare Energien noch haben. Wohl noch nie in der Menschheitsgeschichte hatte eine Generation so viel Macht, aber auch so viel Verantwortung für die nächsten Generationen über Jahrhunderte und Jahrtausende.

Deshalb müssen wir jetzt die nach der Corona-Krise fälligen Staatshilfen in den Aufbau einer grünen und nachhaltigen Wirtschaft investieren. Alles andere ist unverantwortlich.

— Der Autor Franz Alt ist Journalist, Buchautor und Fernsehmoderator. Er wurde bekannt durch das ARD-Magazin „Report“, das er bis 1992 leitete und moderierte. Bis 2003 leitete er die Zukunftsredaktion „Zeitsprung“ im SWR, seit 1997 das Magazin „Querdenker“ und ab 2000 das Magazin „Grenzenlos“ in 3sat. Die Erstveröffentlichung des Beitrags erfolgte auf www.sonnenseite.com. —

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