Dezentraler Wasserstoff halbiert Stromkosten im Gesamtsystem
Wasserstoff bleibt die Zukunft und wird es immer bleiben, zumindest für Verbrennermotoren und Gasthermen. Er ist wahlweise Anfang, Mythos, Klimbim, Champagner, Traumtänzerei oder Unsinn. Gleichzeitig ist er unverrückbarer Teil jeder Energiesystembetrachtung und macht es günstiger und schafft in einigen Studien sogar Importunabhängigkeit von Brennstoffen. Auf der Regierungsbank sowie bei den Akteuren der Erneuerbaren ist man sich jedoch unsicher, ob man ihn einfach jetzt noch nicht braucht oder nie brauchen wird, was energiepolitisch auf dasselbe herauskommt. Gefühltes vs. erarbeitetem Wissen? Ein Kommunikationsproblem?
Infolge der gesunkenen Kosten für erneuerbare Stromzeugung und Batteriespeicher wird der Stromtransport zum neuen Kostentreiber im Energiesystem. Dieser wird in Simulationen gerne erst nachgelagert betrachtet, weil transportiert werden müsse der Strom ja ohnehin. Dies ist aber unter Berücksichtigung der Netzauslastung nicht richtig, siehe Bild 1 vs. 2:

Quelle: Paul Grunow
Co-Location für Wasserstoff bedeutet hier dezentrale Wandlung und Einspeisung nahe der Erzeugungsanlage ohne vorherige Einspeisung ins Stromnetz. Der Netzentwicklungplan NEP 2023 sieht eine Netzleistung von 630 Gigawatt für Strom in 2038 vor gegenüber aktuell mehr als 200 Gigawatt. Daraus errechnet beispielsweise das EWI Köln ein Invest von mehr als 600 Milliarden Euro zuzüglich den zweifachen Betrag für deren Betrieb über den Abschreibungszeitraum. Die Stromnetzentgelte haben sich in den letzten fünf Jahren bereits verdoppelt und werden sich so noch einmal 2,5-fachen. Faktisch sind wir aber bereits jetzt hinsichtlich verfügbarer Einspeisepunkte in Mangellage.
In dem hier zu Grunde liegendem Modell verändert sich der Jahresstrombedarf durch zunehmende Elektrifizierung in allen Sektoren von 500 auf 1.150 Terawattstunden 2038, während gleichzeitig die Maximallast von 80 auf 192 Gigawatt steigt, vornehmlich wegen des Wärmepumpeneinsatzes im Winter. Durch Stromspeicherung in Batterien (Stundenspeicher) und Wasserstoff (Jahresspeicher) kann die Netzleistung zum einen auf den tatsächlichen Maximalbedarf in Gigawatt gesenkt werden und zum anderen auf unsichere und teure Gasimporte verzichtet werden. Der Transport von Wasserstoff über Pipelines und Gasverteilnetze ist um Faktor fünf günstiger als Strom, wie historische und aktuelle Netzentgelte für beide Netze zeigen. Dabei besitzt Wasserstoff gegenüber Erdgas zwar nur ein Drittel des volumetrischen Energiegehalts; lässt sich aber mit 10-fach geringerem Aufwand pumpen. Transport und Speicherung von Wasserstoff in Pipelines beziehungsweise Salzkavernen ermöglichen sowohl orts- als auch zeitgerechte Verteilung von Stromüberschüssen etwa nach Süddeutschland oder in andere windkraftarme Regionen. Für den (Erd-)Gaspfad erhöhen sich die Systemkosten zusätzlich, weil dort Stromüberschüsse nicht genutzt werden, siehe dazu Gasbeitrag/Abregelung Erneuerbare in Tabelle 1.

Quelle: Paul Grunow
Mit Biomethan (10 Eurocent) oder importierten grünen Gasen (Ammoniak: 7,5 Eurocent) erhöhen sich die Brennstoffkosten je Kilowattstunde noch über die von Erdgas (3,4 Eurocent) hinaus. Die Lernkurve bei Batterien folgt der für Photovoltaik und Wind und alle drei setzen sich fort. Für Elektrolyseure und Brennstoffzellen wird dies im gleichen Maße erfolgen. Salzkavernen für Wasserstoff liegen laut EWI bei 0,32 Euro je Kilowattstunde Speicherkapazität, das heißt fast Faktor 81 unter den prognostizierten 30 US-Dollar (26 Euro) für Ionen-Batterien. Kavernen sind dadurch in der Speichertiefe auf beliebig viel Stunden skalierbar (in Tabelle 1: 498 Stunden). Ionen-Batteriespeicher sind durch das teure Elektrodenvolumen auf einige Stunden begrenzt. Der diskutierte 10-prozentige Gas-, respektive H2-Beitrag in Tabelle 1 kommt nur auf 2,4 Speicherzyklen pro Jahr, kostenrelevant sind die Volllaststunden (in Tabelle 1: 1.178 Stunden).
Batteriespeicher in Co-Location mit Photovoltaik-Anlagen können effektiv die Mittagsspitzen auffangen, welche derzeit den Netzbedarf hochsetzen. Die Branche befindet sich bei den Freiflächen in der Lernphase und es braucht möglicherweise zusätzliche Anreize, die bei den Heimspeichern schon nicht mehr benötigt werden. Außerdem können gezielt Lastspitzen reduziert werden (in Tabelle 1 berücksichtigt). Stromnetzausbau ist teuer und rein börsengetriebene Stand-alone-Großspeicher oder Gasimport sind keine geeigneten Gegenmaßnahmen. Umgewidmete Gasnetze und Salzkavernen für dezentral gesammelten und rückverstromten Wasserstoff kommen auf 62 Milliarden Euro Investment, also eine Größenordnung weniger und sind gleichzeitig schneller unterwegs als der Stromnetzausbau. Auch wenn man Stromnetze rückbauen kann, wer wird uns diesen Ostfriesenwitz als erfolgreiche Strategie abkaufen?
Durch Co-Location von Wasserstoffnetzanschlüssen und Batteriespeichern lässt sich der Netzbedarf auf 30 Prozent gegenüber der Planung im NEP 2023 reduzieren, wobei die Umschaltung von Einspeisung auf Einspeicherung idealerweise der lokalen Netzbelastung folgt – sei es digital oder anhand der (ohnehin gemessenen) Netzspannung vor Ort.
Fazit
Aufgrund der fortgeschrittenen Lernkurven ist der Stromnetzausbau keine Vorbedingung mehr für den Ausbau der Erneuerbaren. Die Kombination aus Batteriespeichern und Wasserstoff-Rückverstromung in Co-Location ist im Gesamtsystem um 45 Prozent günstiger als weiterer Netzausbau mit Stand-alone-Batteriespeichern und Gaskraftwerken.
Die Markteinführung Wasserstoff funktioniert am besten wieder über eine allgemeine Einspeiseregelung, also Einspeisung in das Kernnetz oder in umgewidmete Verteilnetze mit ehemals Stadtgas, etwa solche, deren Betreiber sich ohnehin vom Erdgas lösen wollen.
— Der Autor Paul Grunow ist promovierter Physiker aus Berlin und hat die Unternehmen Solon, Q-Cells und PI Berlin mitgegründet und investiert über seine Trinity Solarbeteiligungen in die Energiewende. —
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Danke – aus meiner Sicht ein sehr wertvoller Beitrag aus der Fixierung auf den Netzausbau heraus zu kommen!
Einzig: Strom aus lokalen Brennstoffzellen fließt m.E. in die Gebäude, denn zum Heizen ist ja die Abwärme vorhanden.
Wieviel Tage im Jahr muss man wirklich noch heizen ?
Mehr als 20-30 Tage sind es nicht und dafür braucht man weder überdimensionierte Stromnetze, keine Fernwärme und auch keine Gas/Wasserstoffnetze.
Ausprobiert – mit einer Holzheizung die einem relativ kleinen Warmwasser-Speicher befüllt. Ca 2-3 Tage hält der Speicher durch – bis man wieder anheizen muss.
Klassisches Spitzenlastszenario
Ja, Brennstoffzellen würden sogar die Stromlücken füllen, s.
Decentral Hydrogen Energies 2022, 15(8), 2820; https://doi.org/10.3390/en15082820
mit Energienetzen:
https://www.researchgate.net/publication/401571580_Energiesystem_Deutschland_Erzeugung_Speicherung_Transport_und_Lasten
Im Prinzip ist es das Konzept: Zellulare Netze des VDE ! Nur es ist politisch nicht gewollt – u.a. Miss Wirtschaftsministerin (vulgo Fr. Reiche) lebt ihre fossilen Fantasien aus.
Und so lange weiter maßgebliche energiepolitisch aktive Politiker (u.a. Kretschmann) weiterhin auf billiges Putin-Gas, alternativ Fracking-Gas oder von den Qataries setzen, bleibt das Thema in der Schublade.
Auch die Chemieindustrie, in Verbindung mit der IG BCE, leben weiterhin in der Vergangenheit, alternativ gerne H2 hoch subventioniert seitens der Steuerzahler.
Was also tun:
– Kommunale Akteure mit eigenen Stadtwerken (incl. Netzen) könnten aktiv werden, aber werden über den unsäglichen Zwangsroll-out der sog. SmartMeter drangsaliert.
– Es bleibt das Thema der Umwandlungsverluste: 1 kWh Strom -> H2: 50%, H2 -> Strom: 50%, verbleiben 25%, damit in die WP mit JAZ 3,5 ergeben sich keine 0,9 kWh Wärme. Bei diesem (großtechnischem) Aufwand kein prickelndes Ergebnis.
– Eher die Leistung in einen simplen, dezentralen Sandspeicher bringen, als Langzeit-Wärme-Quartiersspeicher kombiniert mit einem Li-Ion Speicher, wäre vielleicht eher eine Überlegung wert.
Paul Grunow schrieb:
„Ja, saisonale Wärmespecher wären gut, wie in Dänemark, aber wenn wir Wärme verlustfrei speichern könnten, würden wir gar nicht heizen brauchen.“
Ist jetzt kein unerhörtes Konzept, quasi verlustfrei ist drin. Das Ganze nennt sich dann Passivhaus, bei dem die eingebrachte Wärme durch Bewohner und Geräte ausreicht, um die Temperatur zu halten, dank MVHR auch im Sommer.
Dort wird die Wärme dort gespeichert, wo sie auch gebraucht wird und damit treten keine Transport- oder Übertragungsverluste auf.
Quasi eine „dezentrale Wandlung und Einspeisung in der Erzeugungsanlage“, welche gleichzeitig der Verbraucher ist.
Ja, saisonale Wärmespecher wären gut, wie in Dänemark, aber wenn wir Wärme verlustfrei speichern könnten, würden wir gar nicht heizen brauchen. Sie Stromlücken bestünden weiter.
Decentral Hydrogen Energies 2022, 15(8), 2820; https://doi.org/10.3390/en15082820
Wenn man Gas und Wasserstoff die gleiche Infrastruktur benutzen möchte, für Gasheizungen, wo es noch keine Gasheizung gibt, welche über 30% Wasserstoff zulässt.
Zudem wird es nur NULL und EINS geben, wenn das Gasnetz mit Wasserstoff befüllt wird, müssen alle Gleichzeitig die Gasheizung tauschen.
Ganz Regionen müssen zur gleichen Zeit umstellen.
Man kann nicht Straße A und dann Straße B usw…
Wasserstoff in Pipelines beziehungsweise Salzkavernen
Welche Kaverne ist für Wasserstoff geeignet und freigegeben?
Kann man den Beitrag etwas endzerren?
Damit er verständlicher wird!
Decentral Hydrogen Energies 2022, 15(8), 2820; https://doi.org/10.3390/en15082820
Der Text sagt nichts über Kosten aus, was kostet der Strom für den Elektrolyseurund was kostet dann der Wasserstoff.
Und bitte auch diese Fakten betrachten:
https://www.tagesschau.de/wissen/technologie/wasserstoff-ready-gaskraftwerke-100.html
Ich bezweifle mittlerweile das Wasserstoff der richtige Weg ist.
Man sollte einfach bei Methan bleiben.
Ja es ist technisch und energetisch aufwendiger herzustellen, aber die Handhabung ist einfacher und die Netze sind da, man spart diesbezüglich enorme Investitionen.
Um den Hochlauf voran zu treiben, könnte man einfach eine Einspeisevergütung anbieten, analog wie damals bei PV.
Z.b. 50cent/kWh für 10 Jahre fix und das ganze danach langsam auf 8cent/kWh über weitere 10 Jahre absenken.