Solarglas: Europäische Modulhersteller fürchten in „Geiselhaft“ genommen zu werden

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Derzeit haben nahezu alle Hersteller entlang der Photovoltaik-Wertschöpfungskette massiv zu kämpfen – sie müssen Kosten reduzieren und gleichzeitig attraktive Absatzkanäle finden. Angesichts bestehender massiver Überkapazitäten und der Ankündigung Chinas, den Photovoltaik-Zubau in diesem Jahr um ein Drittel zurückzufahren, sind die Preise stark unter Druck geraten. Die europäischen Photovoltaik-Hersteller müssen sich enorm strecken, wollen sie sich am Markt behaupten. Ihnen droht nun von einer weiteren Seite Ungemach. Es geht um den Bezug von Solarglas für ihre Modulproduktionen.

Seit 2014 gelten für Solarglas-Importe aus China Anti-Dumping- und Anti-Subventionszölle, die bei 80 bis 100 Prozent liegen. Sie sind bis mindestens Mitte Mai 2019 in Kraft und machen den Bezug von Solarglas aus China für europäische Hersteller wirtschaftlich uninteressant. Zugleich läuft mittlerweile auch ein Anti-Dumping-Verfahren für Solarglas-Hersteller aus Malaysia. Den Antrag dafür hat EU Prosun Glass eingereicht. Die Grundlage dafür seien „massiv angestiegene Importe aus Malaysia in die EU zu Dumpingpreisen“ gewesen, bestätigt Martin Holzbecher, Vice President der Vereinigung, auf Anfrage von pv magazine. Nach seiner Ansicht gibt es derzeit noch etwa zehn Solarglas-Hersteller in Europa.

Die Modulhersteller sehen dagegen die Gefahr, dass sich ein Monopol durch das Luxemburger Unternehmen Interfloat, dessen deutsche Tochter GMB Glasmanufaktur Brandenburg GmbH Solarglas produziert, herausbildet. Es sei der einzig verbliebene Solarglas-Hersteller in Europa, der verlässlich liefere, heißt es von europäischen Modulherstellern. Auch Saint Gobain produziere ab und an Solarglas, aber nicht so zuverlässig. Der belgische Solarglas-Hersteller Ducatt hatte im Zuge der ersten Solarworld-Insolvenz im Mai 2017 selbst Konkurs anmelden müssen. „Wenn nun Zölle auf malaysisches Solarglas verhängt wird, dann würden die europäischen Modulhersteller in Geiselhaft des verbleibenden Unternehmens genommen“, so eine verbreitete Meinung, die pv magazine von mehreren europäischen Modulherstellern bestätigt wurde. Sie wiesen ebenfalls daraufhin, dass ihnen für diesen Fall kaum oder keine Alternativen blieben. Neben GMB seien nur Hersteller aus China und Malaysia derzeit in der Lage, Solarglas in einer solchen Qualität zu liefern, die für die Massenproduktion ausreiche.

Interfloat wollte sich auf eine Anfrage von pv magazine zu den Vorwürfen öffentlich nicht äußern. Martin Holzbecher, der bis August 2015 als Prokurist für GMB tätig war, erklärt: „Mit 10 Lieferanten wird es kaum zu einer Monopolsituation kommen. Ziel der Beschwerde ist es unfaire Handelspraktiken zu beenden. Die Marktteilnehmer sollten wieder mit ‚gleich langen Spießen‘ spielen.“ Ob EU Prosun Glass auch ein Verlängerungsverfahren für die chinesischen Solarglas-Importe bei der EU beantragen werde, entscheide sich nicht vor Ende des Jahres.

Doch für die europäischen Hersteller drängt die Zeit. Sie sehen sich zudem dadurch benachteiligt, dass sie zwar für die Importe von Solarglas auch China Zölle zahlen müssten. Wenn allerdings Module, die chinesisches Solarglas enthielten, in die EU eingeführt würden, müssten diese Zölle nicht gezahlt werden. Den Preisnachteil allein durch die Situation beim Solarglas beziffert einer der größten Modulhersteller in Deutschland mit 1,40 bis 1,50 Euro pro Modul – auf den Gesamtpreis mache dies immerhin 0,5 bis 0,75 Cent pro Watt aus. Der Geschäftsführer, der ungenannt bleiben will, sagt weiter, er gehe nicht unbedingt davon aus, dass GMB die Preise weiter erhöhen würde, wenn auch gegen Malaysias Solarglas-Hersteller Anti-Dumping-Maßnahmen verhängt werden, doch der Preisunterschied sei bereits signifikant. Zudem weist er daraufhin, dass die europäischen Hersteller von GMB quasi verpflichtet würden, längerfristige Abnahmeverpflichtungen einzugehen. Andersfalls seien die Preise noch höher.

Bernhard Weilharter, Geschäftsführer von CS Wismar, sagt: „Wir haben bislang auf den Einsatz von Gläsern aus China verzichtet, da der Strafzoll den Einsatz unwirtschaftlich machte. Malaysia wäre eine Option gewesen – diese haben wir aber bislang noch nicht gezogen – die jetzt ebenfalls wieder hinfällig wird.“ Insgesamt hält er die aktuelle Gesetzeslage für Modulhersteller in Europa für wenig hilfreich. „Das Preis-Delta zwischen europäischen und asiatischen Herstellern ist zu weiten Teilen aus der künstlich verteuerten BOM (bill of materials) entstanden. Die Lohnminuten in dem Modul schlagen auf Grund der hohen Automatisierung kaum mehr durch“, so Weilharter weiter.

Mit Blick auf die Beschaffungskosten für die Vorprodukte sieht Weilharter auch das Problem, dass der Mindestimportpreise für Module in den vergangenen Monaten drastisch abgesenkt wurden. Bei den Zellen seien sie parallel dazu hochgeblieben. Mit Blick auf die polykristallinen Solarmodule macht es Weilharter konkret: Die Mindestimportpreise für Module sind um 13 Cent pro Watt in den vergangenen Monaten gesunken, für die Zellen im gleichen Zeitraum nur um 3 Cent pro Watt.

Im weltweit tobenden Handelskonflikt droht den europäischen Modulherstellern nun auch noch eine weitere künstliche Preissteigerung. So könnten demnächst auch die Einfuhren für Aluminium und Stahl mit Zöllen belegt werden, was die Kosten für die Rahmen der Module weiter erhöhen dürfte.