Licht aus, Spot an – pv magazine top business model für The Mobility House

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Großartige Ideen werden manchmal aus Zwängen geboren. So ist es auch im Fall des Großspeichers in der „Johan-Cruijff-Arena“ in Amsterdam. Um das Fußballstadion fit für die Europameisterschaft 2020 zu machen, war Henk van Raan, Innovation Director der Johan-Cruijff-Arena, auf der Suche nach einem innovativen und nachhaltigen Konzept für die Notstromversorgung des Stadions.

Er beauftragte das Münchner Technologieunternehmen The Mobility House (TMH) damit, ein geeignetes Konzept auf Basis eines Energiespeichers zu entwickeln. Als Vorlage diente dabei der bereits 2016 über ein Joint Venture realisierte Second-Use-Speicher mit gebrauchten Lithium-Ionen-Batterien aus Elektrofahrzeugen in Lünen. Diese Art von Recycling ermöglicht es, große Energiespeicher zu einem attraktiven Preis zu errichten und dabei Batterien zu nutzen, die bereits das Ende ihres CO2-Lebenszyklus erreicht haben.

Gemeinsam mit dem holländischen Bau- und Technikkonzern BAM, Elektronikhersteller Eaton und Elektroauto-Pionier Nissan begann TMH, den Speicher mit drei Megawatt Leistung und 2,8 Megawattstunden Kapazität in Amsterdam zu installieren. Bei den verwendeten Batterien handelt es sich ausschließlich um Elektroautobatterien von Nissan, die Kapazität entspricht der Batteriekapazität von rund 150 Nissan-Leaf-Fahrzeugen.

pv magazine top business model und top innovation

Preis für gute Ideen – in der Junirunde zeichnet pv magazine drei Einreichungen aus. Das sagt die Jury zu The Mobility House:

The Mobility House: Ein Speicher für mehrere komplexe Anwendungen

Das Unternehmen hat die einzigartige Gelegenheit für eine sehr große Speicher- anwendung in der Arena in Amsterdam erkannt. Die Batterie kann bei Veran- staltungen Notstrom bereitstellen, zwischendurch Primärregelleistung vermarkten und morgens nach Beginn der Büroarbeit Elektroautos laden. Gleichzeitig dient das Projekt dem anderen Unternehmensziel, Elektroautos über die Ladesäulen, zur Netzstabilisierung zu nutzen. Daher ist die Einreichung nach Ein- schätzung der Jury ein „top business model“.

pv magazine vergibt die Prädikate „top business model“ und „top innovation“ seit vier Jahren vierteljärlich. Die Gewinner werden automatisch Kandidaten für den allumfassenden internationalen pv magazine award, den wir Ende des Jahres vergeben.

Mehr Infos, bisherige Preisträger und alles zur Bewerbung hier

Die Juroren für „top business model“ und „top innovation“: Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin. Hans Urban, Experte und Berater für Photovoltaik, Speichertechnik und E-Mobilität. Er berät Schletter, Maxsolar und Smart Power. Winfried Wahl, Solarexperte und Leiter des Produktmanagements bei Longi Solar in Deutschland.

Der Einsendeschluss für die nächste Runde ist am 10. August 2018 (bitte unformal per Email an awards@pv-magazine.com)

„Wir haben eine Mischung aus First- und Second-Life-Batterien genutzt, auch weil es noch nicht genug gebrauchte Batterien aus den Fahrzeugen gab“, erzählt TMH-Gründer und CEO Thomas Raffeiner. Die bereits in den Elektroautos eingesetzten Batteriespeicher seien vor ihrem Einsatz von Nissan/Eaton einzeln getestet und nach Leistung sortiert worden. Die Software von TMH optimiert die Kommunikation mit den Fahrzeugbatterien und bildet zugleich die Schnittstelle zum Energiemanagement vor Ort und den vorgelagerten Netzbetreibern.

Mit dem Speicher sei es möglich, die Stromversorgung im Fall eines Blackouts für mindestens eine und bis zu drei Stunden sicherzustellen. „Eine intelligente Steuerung entscheidet dabei, welche Verbraucher weiterhin erforderlich sind und mit Strom versorgt werden oder abgeschaltet werden können. Dabei wird auch einkalkuliert, ob mit einem nur kurzfristigen oder lang anhaltenden Stromausfall zu rechnen ist“, sagt Raffeiner.

Damit bietet der Speicher eine zukunftsträchtige Alternative zu den Dieselgeneratoren, die bislang die Notstromversorgung übernehmen, und stellt zudem einen zentralen Baustein dar, um die sichere Energieversorgung während der Europameisterschaft 2020 zu gewährleisten.

Die Notstromversorgung und auch das Peak-Shaving während Großveranstaltungen ist jedoch noch längst nicht alles, was der Speicher leisten kann. In dem Fußballstadion finden zwar auch noch andere Veranstaltungen wie Konzerte statt, doch längst nicht jeden Tag. Da diese Art von Events gut planbar ist, hat sich TMH auch entschieden, den Batteriespeicher für die Erbringung von Primärregelleistung zu nutzen. Derzeit finden die Ausschreibungen dafür eine Woche im Voraus statt, bald soll der Mechanismus auf tägliche Auktionen umgestellt werden. Rund 100.000 Euro pro Megawatt und Jahr an Einnahmen lassen sich Raffeiner zufolge damit verdienen.

Die Ladung der Batterien erfolgt teilweise auch direkt vom Stadiondach. Auf der Arena befindet sich eine Ein-Megawatt-Photovoltaikanlage. Den Speicher für die Eigenverbrauchsoptimierung zu nutzen, sei ein weiteres Ziel des Projekts, so Raffeiner weiter. Langfristig sei geplant, dass kein Solarstrom mehr ins Netz eingespeist werden müsse, sondern dieser ausschließlich lokal im Stadion verbraucht wird.

Dabei sei künftig auch denkbar, dass der Solarstrom nicht nur im, sondern auch vor dem Stadion gebraucht wird. „Noch in diesem Jahr wollen wir 15 bis 20 Ladepunkte für Elektrofahrzeuge installieren“, berichtet Raffeiner. Einige davon sollen auch bidirektional sein und alle über ein intelligentes Lade- und Energiemanagement verfügen.

TMH will die Besitzer von Elektrofahrzeugen locken, dass sie während der Veranstaltungen ihre Batterien als zusätzliche Speicher zur Verfügung stellen. Je nach Ladezustand ihrer Fahrzeuge könnten sie dann angeben, dass TMH auf einige Prozent zugreifen und diese für die eigenen
Dienstleistungen nutzen dürfe, erklärt Raffeiner. Sie würden dafür im Gegenzug auch entschädigt, etwa mit freiem Eintritt oder Getränken. Dieses Gesamtkonzept, das neben den verschiedenen Speicherdienstleistungen auch noch die Elektrofahrzeuge mit einbindet, hat die Jury überzeugt. The Mobility House erhält daher für sein Konzept in Amsterdam das Prädikat „top business model“.

Mittelfristig sollen 100 bis 200 uni- und bidirektionale Ladepunkte im Parkhaus der Arena entstehen, die intelligent mit dem Großspeicher gekoppelt werden. Erste kommerzielle Pilotprojekte dieser Art werden von TMH bereits an anderen Orten umgesetzt. „Ich bin überzeugt, dass dies in drei bis fünf Jahren ein neues, attraktives Geschäftsmodell sein wird“, so der CEO von The Mobility House.