Die Zeit ist reif für eine Photovoltaik-Industriepolitik in Europa

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pv magazine: Was ist die Idee hinter dem Industrieforum für saubere Energie, dass die Europäischen Kommission vergangene Woche in Brüssel veranstaltete?
James Watson (Foto): Das Industrieforum für saubere Energie (CEIF) wurde von der Kommission eingerichtet, um eine Strategie für eine angebotsorientierte Politik für die europäischen Sektoren der sauberen Energie zu entwickeln. Das CEIF umfasst drei Säulen – eine für Batterien, eine für erneuerbare Energien und eine für die Konstruktion. Solarpower Europe ist in allen drei Säulen aktiv, denn wir haben maßgeblich dazu beigetragen, dass das CEIF auf den Weg gebracht wurde.

Wer hat an der Auftaktveranstaltung teilgenommen?
Bei der Auftaktveranstaltung am Freitag waren Vertreter der Europäischen Investitionsbank, Saft, Iberdrola, Windeurope, Norvolt, Forschungsinstitute und Politiker des Europäischen Parlaments und nationaler Regierungen – wie Bulgarien – anwesend. Alle waren sich einig, dass nach der Schaffung eines Marktes für erneuerbare Energien angebotsseitige Maßnahmen erforderlich sind, um sicherzustellen, dass auch in Europa Arbeitsplätze in der Produktion steigen.

Wie sollten die Rahmenbedingungen für eine industrielle Wettbewerbsstrategie aussehen, um die Photovoltaik-Produktion wachsen zu lassen?
Das CEIF ist das direktes Ergebnis von Lobby-Initiativen von Solarpower Europe in den vergangenen 18 Monaten. Wir haben angefangen, ein solches Forum zu fordern, nachdem die Handelsschutzpolitik gescheitert ist, die seit fünf Jahren für Solarmodule in Kraft ist. Wir sind der Ansicht, dass eine industrielle Strategie Investitionen in die Wertschöpfungskette sehr viel stärker vorantreibt. Im vergangenen September haben wir unsere Taskforce zur Industriestrategie unter der Leitung von Wacker Chemie ins Leben gerufen. Unser Einsatz spiegelt sich nun im CEIF der Europäischen Kommission wider.

Können Sie Beispiele nennen?
Wir glauben, dass verschiedene Teile der Wertschöpfungskette unterschiedliche Richtlinien haben müssen. Es gibt keinen einheitlichen Ansatz, der für alle gleichermaßen passt. Zum Beispiel sind einige Produkte Teil von weltweit standardisierten Märkten wie etwa Solarmodule. Währenddessen sind andere Spezialisten wie die die Anlagenbauer. Und dann gibt es da noch die sehr lokalen Märkte wie etwa bei gebäudeintegrierter Photovoltaik. Wenn wir diese Komplexität betrachten, müssen wir Richtlinien entwickeln, die jedes dieser Segmente unterstützen, ohne dabei andere Bereiche der Wertschöpfungskette zu beeinträchtigen. Dies bedeutet, dass eine Reihe politischer Instrumente benötigt werden. Eines der offensichtlichsten Unterstützungsinstrumente wird der Zugang zu Finanzmitteln für Hersteller sein. Öffentliche und private Banken müssen ermutigt werden, industrielle Photovoltaik-Entwicklungen zu unterstützen. Diese finanzielle Unterstützung sollte durch Änderungen der Vorschriften für staatliche Beihilfen und die Schaffung von Exportzonen legitimiert werden. Auch steuerfreie Zonen sollten für eine begrenzte Anzahl von Jahren einbezogen werden.

Was ist neben der Finanzierung noch wichtig?
Über die Finanzierung hinaus sind wir auch der festen Überzeugung, dass ein Qualitätsrahmen für Produkte wie Maßnahmen für ein Ökodesign oder Umweltzeichen umgesetzt werden sollten. Optimalerweise sollen sie den Sektor aber nicht zusätzlich belasten. Ideen wie ein CO2-Fußabdruck für Photovoltaik-Produkte könnten ebenfalls in Betracht gezogen werden, da dies sicherstellen würde, dass wir die umweltfreundlichsten Produkte auf dem europäischen Markt haben. Wir glauben auch, dass die Europäische Kommission ihre Handelsmacht in Drittstaaten nutzen muss, um europäische Standards für Solarenergie durchzusetzen. Zudem sollte sie handelspolitische Schutzmaßnahmen wie Section 201 in den USA auf Solarmodule und Local-Content-Anforderungen in vielen Märkten einschließlich Indien zu reduzieren. Ihre Entwicklungsfinanzierung sollte die EU-Kommission auch nutzen, um den Einsatz von Solarprodukten zu fördern. Wenn sie diese drei allgemeinen Elemente in einer industriellen Strategie kombiniert, wird dies bereits viel zur solaren industriellen Entwicklung in Europa beitragen.

An welchen Teil der Wertschöpfungskette denken Sie?
Die gesamte Wertschöpfungskette muss in die Industriestrategie einbezogen werden, weshalb wir auch den Bereich Betrieb und Wartung, Entwickler und Installateure in unsere Taskforce für Industriestrategie bei Solarpower Europe einbeziehen. Die Europäische Kommission unterstützt diesen Ansatz, da sie auch die Notwendigkeit erkennt, dass es eine gemeinsame Stimme für den Up- und Downstreambereich in den industriepolitischen Diskussionen braucht. Damit wird ein ganzheitlicher Ansatz für die industrielle Strategie geschaffen und es erhöht die Erfolgschancen. Der gesamte Upstream-Bereich vom Rohstoff bis zum Zulieferer wird beteiligt sein.

Was sind die ersten Maßnahmen, mit denen die EU-Kommission beginnen sollte und warum?
Die Europäische Kommission wird als erste Maßnahme ein Positionspapier entwickeln, das sich auf drei Elemente konzentriert: Wettbewerbsfähigkeit, Forschung und Entwicklung sowie Handelspolitik. Nach dieser Festlegung der politischen Instrumente werden zur Ankurbelung die finanzielle Hilfen und Investitionen erfolgen, um mit der Entwicklung eines Rahmens für die industrielle Unterstützung zu beginnen. Dies wird als das Schlüssel angesehen – damit wir am oberen Ende des Technologiereifegrads, die Technologien skalieren und am unteren Ende, unsere Erfolgsgeschichte mit innovativen Produkten in Europa fortsetzen können.

Über welchen Zeitraum sprechen wir?
Die Kommission hat einen Dreijahresplan für das Industrieforum CEIF – das erste Jahr ist die Entwicklung, das zweite Jahr die Umsetzung und das dritte Jahr die Überwachung und Bewertung der Fortschritte anhand festgelegter Kriterien – die mit dem Input von Solarpower Europe entwickelt werden.

Glauben Sie, dass die EU-Kommission schnell genug handeln wird?
Wir fordern, dass dieser ganze Prozess beschleunigt wird. Aus unserer Sicht sind drei Jahre zu lang. Wir brauchen jetzt besonders Maßnahmen in Bereichen wie BIPV, wenn wir diesem Segment zum Durchbruch verhelfen wollen. Daher sind wir der Meinung, dass der gesamte Prozess bis zum Amtsantritt der nächsten EU-Kommission in Brüssel in 18 Monaten eingerichtet und überwacht werden sollte.

Welche Entwicklung des europäischen Photovoltaik-Marktes erwarten Sie für dieses Jahr?
Angesichts der Verbesserung von 2016 auf 2017, als es ein Wachstum von rund 20 Prozent gab, gehen wir davon aus, dass sich der Trend fortsetzen wird und wir wieder fast zweistellige Zubauzahlen erreichen können. Die vollständigen Prognosen werden im Juni in unserem „Global Market Outlook“ veröffentlicht. Der Markt ist natürlich wichtig für die Industriepolitik, denn ohne einen Markt besteht keine Notwendigkeit für angebotsorientierte Politik und somit steht der Photovoltaik-Markt in Europa am Anfang. Angesichts der Tatsache, dass wir ein weiteres Wachstum erwarten, ist die Zeit reif für eine solche Industriepolitik, und Solarpower Europe steht in vorderster Reihe bei der Schaffung einer solchen in Europa.