Tennet: Rekordkosten bei Noteingriffen ins Stromnetz

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Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet hat Anfang der Woche einen starken Anstieg bei netzstabilisierenden Maßnahmen gemeldet. Die Kosten dafür stiegen demnach 2017 im Vergleich zu 2016 um rund die Hälfte auf knapp eine Milliarde Euro. 2015 musste Tennet für 710 Millionen Euro stabilisierend in den Netzbetrieb eingreifen, im windschwachen Jahr 2016 für 660 Millionen Euro. Über die Netzentgelte landen diese Kosten beim Verbraucher. „Wir haben mehr denn je damit zu tun, das Netz zu stabilisieren“, sagt Lex Hartman, Mitglied der Tennet-Geschäftsführung.

In der Tennet-Regelzone fällt der höchste Anteil an Kosten für netzstabilisierende Maßnahmen an. Das Netzgebiet des Übertragungsnetzbetreibers reicht von Nord- nach Süddeutschland, nach eigenen Angaben kommen rund 40 Prozent der deutschen Winderzeugung aus dem Gebiet. Bei starkem Wind fehlen bisher die Kapazitäten, um den überschüssigen Strom im Norden in den Süden zu transportieren. Die Folge: Im Norden müssen so zum Beispiel Windkraftanlagen gegen Entschädigung abgeregelt werden, um das Netz zu entlasten. Dabei würden Windenergieanlagen jedoch erst dann abgeschaltet werden, wenn die vertraglich geregelten Redispatch-Maßnahmen bei konventionellen Kraftwerken ausgeschöpft sind, heißt es auf Nachfrage bei der Bundesnetzagentur.

Grünen-Experte Oliver Krischer sieht die Schuld auch bei den Kohle- und Atomkraftwerken. Solange diese weiter laufen, würden logischerweise auch die Kosten für Netzeingriffe steigen, sagt er laut Hannoversche Allgemeine. Er fordert demnach mehr Transparenz und neue Regeln im Stromnetz. „Die Netzbetreiber können weitgehend schalten und walten, wie sie wollen, ohne sich für Notwendigkeit und Kosten der Netzeingriffe rechtfertigen zu müssen“, sagt Krischer der Zeitung. Solche Kosten werden auch im Süden verursacht, wenn die Netzbetreiber wegen Engpässen etwa Reservekraftwerke hochfahren oder Strom aus Österreich zukaufen müssen.

Bis die nötigen Stromleitungen gebaut sind, rechnet Hartmann für die kommenden Jahren weiter mit teuren Notmaßnahmen. „Bevor es besser wird, wird es erst einmal schlechter“, so seine Prognose. Hartmann sieht das Netz insbesondere wegen des starken Zubaus der erneuerbaren Energien extrem belastet. Erst vor wenigen Tagen meldete der Branchenverband BDEW einen Erneuerbaren-Anteil an der Stromerzeugung von 36 Prozent. Am meisten zugelegt hat demnach die Stromerzeugung bei der Offshore-Windkraft, sie stieg im vergangenen Jahr nach vorläufigen Zahlen um 49 Prozent auf gut 18 Milliarden Kilowattstunden (2016: 12,3 Milliarden Kilowattstunden). Die Windkraft an Land legte demnach um 21 Milliarden Kilowattstunden zu und erreicht gut 87 Milliarden Kilowattstunden – das entspricht einem Anstieg von über 31 Prozent (2016: 66,3 Milliarden Kilowattstunden).

„Wir brauchen zwingend […] die vom Gesetzgeber bereits beschlossenen Netzausbauprojekte“, sagt Tennet-Manager Hartmann. Bis dahin seien Netzengpässe, hohe Kosten für die Verbraucher und eine zunehmend instabile Versorgung die harte Wirklichkeit. Immerhin: Hartmann erwartet für 2018 Fortschritte beim Netzausbau, „bei wichtigen Projekten werden wir ein gutes Stück vorankommen“. Gemeinsam mit dem süddeutschen Netzbetreiber TransnetBW baut Tennet den Südlink von der Nordsee bis nach Bayern und Baden-Württemberg. 2025 soll die Leitung in Betrieb gehen. Nach Prognosen der Bundesnetzagentur könnten die Netzeingriffskosten nach der Abschaltung der letzten Atomkraftwerke 2022 auf jährlich bis zu vier Milliarden Euro bundesweit steigen.

Auch das Projekt, das Tennet zusammen mit dem Batteriespeicherhersteller Sonnen betreibt, soll zu einer Lösung beitragen. Dazu sollen dezentrale Energiespeicher genutzt werden, Windstrom zu speichern, bis die Leitungen wieder frei sind.

Auf Nachfrage von pv magazine sieht auch Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin in den Speichern den Schlüssel für die Energiewende. „Wenn die Energiewende beendet sein wird, werden wir temporär doppelt so viel Solar- oder Windstrom haben wie wir verbrauchen. Da hilft auch das beste Netz der Welt nicht. Wenn wir die Energiewende wirklich vorantreiben wollen, müssen wir schnellstmöglich Speicher errichten.“