Der Bedarf an Reservekraftwerken sinkt um 3800 Megawatt

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Der Bedarf an Netzreserve-Kraftwerken liegt sowohl im Winter 2018/2019 als auch im Winter 2020/2021 bei jeweils 6600 Megawatt Erzeugungskapazität. Verglichen mit dem im vergangenen Winterhalbjahr festgestellten Bedarf von 10.400 Megawatt ist das ein Rückgang von 3.800 Megawatt, wie die Bundesnetzagentur am Montag mitteilte. Grund dafür sei vor allem das am 1. Oktober 2018 startende Engpassmanagement, mit dem Stromexporte von Deutschland nach Österreich auf den technisch möglichen Umfang reduziert würden. Aktuell seien die Exportspitzen nach Österreich noch ein Treiber für Netzengpässe, schreibt die Behörde.

„In der Vergangenheit haben sich beim Export von Deutschland nach Österreich Handelsspitzen von bis zu zehn Gigawatt ergeben“, sagt ein Sprecher der Bundesnetzagentur auf Nachfrage von pv magazine. „Durch das Engpassmanagementverfahren nach Österreich in Höhe von 4,9 Gigawatt werden die Handelsspitzen entsprechend begrenzt.“ Solche Verfahren seien seit Jahren Praxis an allen anderen Außengrenzen. Daten zur voraussichtlichen Entwicklung des Handelsvolumens lägen derzeit noch nicht vor.

Ein weiterer Grund für den niedrigeren Netzreservebedarf sei das Freileitungsmonitoring durch die Netzbetreiber. Anders als in den Vorjahren sei die Beschaffung zusätzlicher Netzreserveleistung aus ausländischen Kraftwerken nicht erforderlich.

Von einer Trendwende bei der vorzuhaltenden Leistung aus Netzreserve-Kraftwerken will die Netzbehörde jedoch nicht sprechen. „Es gibt nach wie vor einen Bedarf an Netzreserve, um das deutsche Stromnetz in kritischen Situationen stabil zu halten“, sagt Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur. Weitere Kraftwerksstilllegungen sowie die Forderungen des „Clean Energy Package“ der Europäischen Kommission nach mehr grenzüberschreitenden Handel können demnach den Bedarf wieder erhöhen. „Dies macht die Bedeutung eines zügigen Netzausbaus deutlich“, sagt Homann. Er fordert dabei auch grenzüberschreitende Redispatchmaßnahmen.

Die Netzreserve soll Überlastungen im Übertragungsnetz verhindern. Ist das Übertragungsnetz durch hohe Stromnachfrage im Süden und hohe Erzeugung aus Windenergieanlagen im Norden überlastet, müssen es die Netzbetreiber durch sogenannte Redispatchmaßnahmen wieder stabilisieren. Dabei vermindern sie Erzeugungsleistung vor dem Engpass und erhöhen gleichzeitig die Erzeugungsleistung hinter dem Engpass. Diesen Ausgleichsmechanismus führen der Bundesnetzagentur zufolge zunächst die am Markt agierenden Kraftwerke durch. In besonders kritischen Netzsituationen müssten jedoch zusätzlich Netzreservekraftwerke eingesetzt werden.

Die Netzreserve setzt sich aus Kraftwerken zusammen, die die Betreiber stilllegen wollen, es jedoch wegen ihrer Systemrelevanz nicht dürfen. Die Kraftwerksbetreiber dürfen die Anlagen aus der Netzreserve jedoch nicht parallel am Stromerzeugungsmarkt einsetzen, sondern ausschließlich für Redispatchmaßnahmen auf Anforderung der Netzbetreiber. Die Netzreservekraftwerke seien daher nur noch in relativ wenigen Stunden eines Jahres in Betrieb, schreibt die Bundesnetzagentur.

Die Übertragungsnetzbetreiber hatten der Bundesnetzagentur Ende Februar ihre Systemanalyse und den daraus resultierenden Bedarf an Netzreservekraftwerken zur Bestätigung vorgelegt. Der festgestellte Bedarf für das Jahr 2020/2021 werde spätestens im Jahr 2020 aktualisiert, um so in der Zwischenzeit neu hinzugetretene Erkenntnisse bei der Ermittlung des Netzreservebedarfs zu berücksichtigen.

Dem Bericht der Übertragungsnetzbetreiber zufolge kamen die Netzreservekraftwerke für den Winter 2017/2018 an insgesamt 105 Tagen zum Einsatz. Die maximal angeforderte Kraftwerksleistung wurde dabei mit 2163 Megawatt im November angefordert. Zum Jahreswechsel hatte der Übertragungsnetzbetreiber Tennet für das vergangene Jahr Rekordkosten bei Noteingriffen ins Stromnetz von rund einer Milliarde Euro gemeldet. Dabei wird oft der wachsende Anteil an erneuerbaren Energien dafür verantwortlich gemacht. Im Gespräch mit pv magazine erklärte Energy-Brainpool-Experte Fabian Huneke, was aus seiner Sicht die Ursachen für diese wachsenden Redispatch-Kosten sind.