Ein Jahr nach dem Stromausfall vom 28. April 2025 haben technische Analysen und regulatorische Maßnahmen das Konzept der Versorgungssicherheit im spanischen Stromnetz neu definiert, das sich seit 2018 aufgrund des hohen Anteils erneuerbarer Energien in einem raschen Wandel befindet. Weit davon entfernt, ein Einzelfall zu sein, kommen Expertenberichte – darunter auch solche des von der spanischen Regierung, Red Eléctrica und Entsoe-E eingesetzten Ausschusses – zu dem Schluss, dass der Stromausfall auf eine Kombination aus betrieblichen und strukturellen Faktoren zurückzuführen war, die Schwachstellen in einem System offenbarten, das zunehmend von erneuerbaren Technologien dominiert wird.
Das Ereignis begann mit dem plötzlichen Ausfall von etwa 15 Gigawatt Erzeugungsleistung innerhalb von Sekunden, was eine Kettenreaktion auslöste, die zu einem landesweiten Stromausfall führte. Die Abfolge umfasste Spannungsabweichungen, Frequenzinstabilität und automatische Abschaltungen, was die entscheidende Bedeutung einer Echtzeit-Systemsteuerung unterstreicht.
Zu den wichtigsten ermittelten Ursachen zählte eine unzureichende Spannungsregelungskapazität, die mit dem geringeren Anteil synchroner Erzeuger zusammenhing. In einem Netz mit hohem Anteil nicht-synchroner erneuerbarer Energien wie Photovoltaik und Windkraft wird die Bereitstellung von Dienstleistungen – darunter Trägheit, Frequenzregelung und Blindleistung – komplexer, was die Fähigkeit des Netzes einschränkt, Störungen zu kompensieren. Hinzu kam der begrenzte Einsatz von Energiespeichern – damals etwa 28 Megawatt an Batteriespeichern –, was die Reaktionsfähigkeit einschränkte, sowie der geringe Verbundgrad mit benachbarten Systemen, wodurch externe Unterstützung begrenzt war.
Die Gesamtdiagnose deutet eher auf ein systemisches Versagen als auf eine einzelne Ursache hin: eine Kette von Bedingungen und Ereignissen, die die Widerstandsfähigkeit des Systems überstieg. Diese Erkenntnis floss in nachfolgende Maßnahmen ein, die darauf abzielen, sowohl das Betriebsmanagement als auch die langfristige Systemplanung zu stärken.
Ausbau der Speicherkapazitäten
Obwohl die installierte Batteriespeicherkapazität seit dem Stromausfall um mehr als 500 Prozent gestiegen ist, rangiert Spanien in Europa immer noch fast am Ende der Rangliste, weit hinter Ländern wie Deutschland, Italien und dem Vereinigten Königreich, die jeweils über mehrere Gigawatt installierte Leistung verfügen.
Nach Angaben von Red Eléctrica verfügte Spanien im April 2025 über lediglich 28 Megawatt installierte Batteriespeicherleistung. Bis April 2026 war diese auf 193 Megawatt gestiegen – was einem Wachstum von 589 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Gleichzeitig wuchs die Pipeline an Batteriespeicher-Projekten stark an, wobei die Projektbearbeitung im Jahresvergleich um 464 Prozent zunahm.
Auch die Nachfrage nach Speicherkapazitäten im Eigenverbrauchssegment stieg sprunghaft an. Im Jahr 2025 wuchs die Kapazität laut APPA Renovables von 155 auf 339 Megawattstunden, was einem Anstieg um 119 Prozent entspricht. Die Installationen in Privathaushalten stiegen um 155 Prozent, während die Installationen im Gewerbe- und Industriebereich um 95 Prozent zunahmen – im Vergleich zu einer praktisch nicht vorhandenen Kapazität in diesem Segment im Jahr 2023.
Weitere regulatorische Entwicklungen
Der Stromausfall hat auch zu Verbesserungen bei der Systemüberwachung und -steuerung geführt. Neue Mechanismen und Protokolle erfordern nun mehr Transparenz und den Austausch von Echtzeitdaten zwischen allen Teilnehmern des Stromnetzes. Die Aufsichtsbefugnisse der Nationalen Kommission für Märkte und Wettbewerb (CNMC) wurden gestärkt, und die Betriebsverfahren wurden aktualisiert, um es Anlagen für erneuerbare Energien zu ermöglichen, kontrollierte Hoch- und Herunterfahrprozesse durchzuführen, um Kettenausfälle zu verhindern.
Darüber hinaus sind Erzeuger erneuerbarer Energien nun zunehmend in der Lage, durch Netzformungsfähigkeiten eine Spannungsregelung zu gewährleisten – ein wichtiger Schritt, für den sich die Branche seit langem einsetzt.
Auf der Infrastrukturseite hat das Ministerium für ökologischen Wandel und demografische Herausforderungen (MITECO) kurz nach dem Stromausfall seinen Vorschlag für das Stromübertragungsnetz 2025 bis 2030 vorgelegt. Der Plan sieht Investitionen in Höhe von rund 13,6 Milliarden Euro vor, um erneuerbare Energien zu integrieren, die Verbundnetze auszubauen und die Elektrifizierung der Industrie zu fördern, mit dem Ziel, bis 2030 einen Anteil von 81 Prozent erneuerbarer Energien am Strommix zu erreichen.
Zudem wurden Maßnahmen zur Beschleunigung der Elektrifizierung eingeführt. Ein im November 2025 verabschiedetes Königliches Dekret fördert den Netzanschluss neuer wirtschaftlicher Aktivitäten – insbesondere industrieller Art. Es führt außerdem eine fünfjährige Befristung für Netzzugangsrechte ein, um Spekulationen und Hamsterkäufe zu verhindern, und verkürzt die Reaktionszeiten für den Ausbau der Verteilernetze, einschließlich derjenigen im Zusammenhang mit der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge.
Verbleibende Herausforderungen
Trotz Fortschritten beim Ausbau erneuerbarer Energien hängen immer noch mehr als 70 Prozent des gesamten Energieverbrauchs Spaniens von fossilen Brennstoffen ab. Nach Angaben der Renewable Energy Foundation beliefen sich allein die Kosten für Gas- und Ölimporte im vergangenen Jahr auf über 51 Milliarden Euro. Die Verringerung der Abhängigkeit von Gas und die Beschleunigung der Elektrifizierung in den Bereichen Verkehr, Industrie und Heizung bleiben eine entscheidende Priorität.
Auch Netzengpässe bleiben ein großes Problem. Zwar war 2025 die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien stark, doch wurden dabei auch Sättigungsprobleme deutlich, die zu Einspeisebeschränkungen führten. Im Durchschnitt konnten 3,11 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren-Anlagen nicht ins Netz eingespeist werden, wobei die Spitzenwerte im Juli über 10 Prozent lagen. Insgesamt mussten 5414 Gigawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien abgeregelt werden. Gleichzeitig verzeichnete Spanien einen neuen Höchststand bei negativen Strompreisen mit 397 Stunden negativer Preisbildung im ersten Quartal 2026.
Negative Folgen
Eine unbeabsichtigte Folge des Stromausfalls war eine verstärkte Abhängigkeit von der Stromerzeugung aus Gas zur Stabilisierung des Netzes. Red Eléctrica aktivierte Verstärkungsmaßnahmen auf Basis von Gas- und Dampfturbinen, was zwischen Mai und Dezember 2025 zu einem Anstieg der Stromerzeugung aus Gas um 50 Prozent führte. Infolgedessen stiegen die CO₂-Emissionen des Stromsektors laut dem Observatorium für Nachhaltigkeit im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent, was zusätzlichen 2,44 Millionen Tonnen CO₂ entspricht.
Auch die Systemkosten sind deutlich gestiegen. Die Betriebskosten beliefen sich laut der Beobachtungsstelle für Betriebskosten (Observatorio del Coste de los Servicios de Operación) in diesem Jahr bisher auf 1,8 Milliarden Euro. Die Kosten für Hilfsdienste stiegen von 0,017 Euro pro Kilowattstunde im Februar 2025 auf 0,029 Euro pro Kilowattstunde im Februar 2026. In den letzten Wochen haben sich diese Kosten jedoch etwas entspannt, da immer mehr Erzeuger aus erneuerbaren Energien Spannungsregelungsdienste bereitstellen.
Der Stromausfall hat zudem die begrenzte Vernetzung Spaniens mit dem übrigen Europa deutlich gemacht. Ein Jahr später macht die grenzüberschreitende Austauschkapazität immer noch nur etwa 4 Prozent der installierten Erzeugungskapazität aus – weit unter den Empfehlungen der EU.
Es sind jedoch Fortschritte zu verzeichnen. Im Jahr 2025 begann der Bau der 400 Kilometer langen Unterwasserverbindung mit Frankreich im Golf von Biskaya, einem Projekt, das die Austauschkapazität von 2800 auf 5000 Megawatt erhöhen wird. Vor kurzem unterzeichnete MITECO eine Absichtserklärung mit Irland, um eine neue Unterwasserverbindung zu prüfen.
Zuständigkeiten und Ermittlungen
Nach fast einjähriger Untersuchung des Stromausfalls hat die CNMC erste verwaltungsrechtliche Schritte eingeleitet. Am 17. April leitete sie 20 Sanktionsverfahren ein: ein Verfahren wegen eines besonders schwerwiegenden Verstoßes gegen Red Eléctrica und 19 Verfahren wegen schwerwiegender Verstöße im Zusammenhang mit Anlagen, die sich im Besitz von Endesa, Iberdrola, Naturgy, Repsol und Bahía de Bizkaia Electricidad befinden.
Die Regulierungsbehörde hat ihre Ermittlungen seitdem auf 35 weitere Fälle ausgeweitet – hauptsächlich gegen Endesa und Iberdrola –, von denen einige Vorfälle betreffen, die bis zu zwei Jahre zurückliegen und nicht direkt mit dem Stromausfall in Verbindung stehen. Die CNMC hat nun bis zu 18 Monate Zeit, um ihre Ermittlungen abzuschließen und gegebenenfalls Strafen zu verhängen.
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