SMA: Noch drei bis fünf Jahre Chipmangel und Chance durch Cybersicherheit

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pv magazine: Was sind für Sie gerade die wichtigen Themen?

Jürgen Reinert: Für mich sind die wichtigsten Themen, dass wir derzeit einen politischen und gesellschaftlichen Rückenwind haben, wie seit langem nicht mehr. Wir haben die richtigen politischen Weichenstellungen und eine sehr hohe Nachfrage in Bezug auf regenerative Energien. Jetzt kommt es genau auf das an, wo wir stark sind: die Sektoren verkoppeln sich. Elektromobilität pusht jetzt die Photovoltaik und umgekehrt. Auch sind Speicher nun ein natürlicher Teil der gesamten Gleichung geworden. Das heißt, jetzt steht die Systemtechnik im Vordergrund.

Sie haben kurz vor der Intersolar auch aktuelle Zahlen veröffentlicht. Wie entwickelt sich das Geschäft?

Unser Jahresumsatz betrug ungefähr eine Milliarde Euro. Könnten wir den gesamten aktuellen Auftragseingang bedienen, lägen wir in diesem Jahr sicher bei dem Doppelten, also bei zwei Milliarden. Leider haben wir aber weiterhin mit einer angespannten Liefersituation bei elektronischen Chips zu kämpfen.

In der Pressemitteilung zu den Zahlen stand aber etwas von einer Milliarde Auftragsvolumen.

Das ist der Backlog, den wir in den Büchern haben, also Aufträge, die wir noch nicht geliefert haben. Davon beläuft sich der Produktanteil auf über 700 Millionen Euro. Aber wenn wir den Auftragseingangstakt der letzten Monate hochrechnen, dann ergibt sich ein Jahresumsatz von zwei Milliarden. Davon können wir leider nur ungefähr die Hälfte liefern.

Woran liegt es, dass nicht genügend Geräte verfügbar sind?

Das ist auf die Chips zurückzuführen. Wir haben das Problem wie die gesamte Industrie und wie andere Branchen, dass wir nicht genügend Prozessoren bekommen. Ich rede jetzt nicht von Leistungshalbleitern, sondern wirklich von der Intelligenz, den Prozessoren. Wir können je nach Produkt vier oder fünf davon verwenden. Die Hersteller sind alle amerikanisch, darunter Unternehmen wie Intel, NXP und Texas Instruments. Die amerikanischen Kunden haben bei der Versorgung dementsprechend einen Vorteil. Das ist auch ganz natürlich. Die Produktion der Chips ist in China. Dadurch haben die Fabriken dort einen bestimmtes Recht auf Anteile. Die Europa-Chefs dieser Firmen sagen uns, dass wir in Europa zwischen den Stühlen sitzen und weniger bekommen als unsere Kollegen in den anderen Regionen.

Wann wird sich die Situation entspannen?

Die Chiphersteller sagen, sie bauen jetzt Fabriken aus. Das heißt, wir reden über 2024, 2025 oder 2026 bevor sich die Situation entspannt haben sollte. Bis dahin wird sie sich ständig langsam verbessern. Weiterhin werden wir deutlich mehr Auftragseingang haben als Umsatz. Das heißt, unser Backlog steigt weiter.

Wenn man die Kurven Auftragseingang versus Verfügbarkeit aufzeichnet, schneiden sie sich irgendwann?

Das ist sehr schwer einzuschätzen, weil das davon abhängt, wann die Verfügbarkeit wirklich da ist. Ich glaube aber, ungefähr Mitte nächsten Jahres sollten wir nicht mehr in der Situation sein, wo wir über Supply-Probleme reden.

Und das zu einer Zeit, wo wir den Aufschwung der Erneuerbaren sehen. Die heißen jetzt ja auch Freiheitsenergien …

Ja, dank Herrn Lindner.

Genau. Also dank dieser ganzen Entwicklung redet man auch viel wieder über Unabhängigkeit in Europa. Da reden wir aber immer nur über Module. Müssten wir nicht auch bei der Leistungselektronik darüber reden?

Natürlich.

Ich schaue mir an, was auf dem deutschen Markt passiert, und Sie lassen ja auch in Asien fertigen.

Ja, aber immer weniger.

Die Produktion der Leistungselektronik ist trotzdem zu einem großen Teil in asiatischer Hand. Das ist ja auch in Ordnung. Aber so wie wir bei den Modulen von einer Reduktion der Abhängigkeit reden – können alternative Produktionen hierzulande schnell genug hochgefahren werden, wenn man das möchte oder plötzlich muss?

Das ist völlig richtig. Wir sind Mitglied bei Solarpower Europe und haben in dem Rahmen eine Studie zu dem Thema beauftragt. Fast 90 Prozent der Komponenten von Photovoltaik-Anlagen kommen aus China, wenn man alles zusammen betrachtet:  Aufständerung, Module und teilweise auch Wechselrichter. Das ist eine Abhängigkeit, die wir uns sehr genau überlegen sollten. Die Module sind wichtig und es wäre schön, wenn Meyer Burger und andere erfolgreich wären, auch schön für uns. Aber gerade im Wechselrichter und in den Komponenten der Elektromobilitäts-Ladeinfrastruktur und der Power-to-Gas-Anlagen liegt die Intelligenz. Dadurch kann es eine Cyber-Security-Lücke bei chinesischen Komponenten geben, die es zu schließen gilt. Wir achten sehr stark auf Cybersicherheit, damit das Herz unserer Energieversorgung nur von den dafür zuständigen Akteuren gesteuert werden kann.

Wie groß ist der Anteil der europäischen Wechselrichter-Hersteller in den einzelnen Segmenten in Deutschland oder in Europa?

Ich kann Ihnen das nicht genau aufzählen, denn das ist sehr unterschiedlich von Segment zu Segment. Aber ich würde sagen, mittlerweile müssten wir bei den Umrichtern in Europa bei über 50 Prozent Anteil aus China liegen.

Wie zählen Sie in dem Zusammenhang den neuen Hybridwechselrichter SMA Sunny Tripower SE mit zehn Kilowatt Leistung für den Heimbereich, der ja von Sungrow aus China zugeliefert wird?

Beim Sunny Tripower Smart Energy wird die Hardware-Plattform zugeliefert, alle Spezifikationen für Performance, Features, Qualität, Systemkompatibilität, Cybersicherheit und Design sind von SMA. Der Hybrid-Wechselrichter schließt kurzfristig eine Portfoliolücke, wie sie aufgrund des sich immer noch sehr schnell entwickelnden Markts entstehen kann. Dabei handelt es sich aber um eine kurze Periode, die wir so überbrücken, um unsere Strategie – im System- und Lösungsbereich zu wachsen – weiter verfolgen zu können und das SMA Kerngeschäft zu stärken.

Wie sind Sie beim Großanlagen-Segment in Deutschland positioniert?

Wir haben das Personal in dem Segment verdreifacht und wir haben einen dreifachen Auftragseingang, auch von den großen Energieversorgern wie RWE, Eon  und anderen. Wir sehen bei diesen Firmen einen sehr großen Trend zu deutscher Technik, das heißt Entwicklung und Produktion. Das liegt daran, dass das Kraftwerksbetreiber sind, die für die Sicherheit garantieren müssen.

Die PPA-Anlagen in Deutschland gehören vermutlich zu den Anlagen mit besonders hohem Kostendruck. Konnten Sie auch solche Anlagen ausstatten?

Definitiv. Also wir sind derzeit in super interessanten und großen Projekten mit den eben genannten Firmen, aber auch mit internationalen wie Ørsted  und Enel. Gerade Firmen, die ein Projekt nicht einfach nur wie ein EPC-Unternehmen einige Jahre behalten und dann wieder verkaufen, schauen auf die gesamte Lebensdauer. Die Lebensdauer unserer Systeme ist deutlich höher als bei anderen Herstellern, daher können wir dann punkten. Das muss man übrigens von Qualität unterscheiden. Qualität ist, wie viele Ausfälle man hat in ein, zwei oder drei Jahren. Lebensdauer designt man in ein Produkt über die Design-Reserven hinein. Sie brauchen von jeder Komponente die größere Variante, damit das Gerät länger hält. Das kostet natürlich auch  Geld.

Kann man das nachweisen?

Das kann man nachweisen.

Wie weist man das nach?

Man macht in der Entwicklung einen Lebensdauertest. Man fährt dazu Zyklen so schnell, dass eine jahrelange Nutzungsdauer im Test in wenigen Monaten simuliert werden kann. Wir machen solche Tests mit unseren Produkten und mit denen unserer Konkurrenten. Wir sehen, dass die Qualität bei allen okay ist, aber die Lebensdauer ist deutlich unterschiedlich. Beim Sunny Highpower Peak3 konnten wir so beispielsweise bei korrekter Installation eine Lebensdauer von 25 Jahren nachweisen.

Wie viel Leistung haben Sie letztes Jahr im Großanlagenbereich verkauft?

Ganz grob 9 Gigawatt im Großanlagenbereich, 14 Gigawatt insgesamt. Einen großen Anteil am Segment der großen Anlagen haben die USA und Australien. In Deutschland sind wir mit unter einem Gigawatt noch relativ klein. Aber da wachsen wir derzeit sehr stark.

Sie haben neue Produkte vorgestellt, etwa den STPX. Was ist das?

Der STPX (Sunny Tripower X) ist der Nachfolger vom STP (Sunny Tripower), der in Deutschland 25 Kilowatt Leistung hat. Das neue Gerät hat das Energiemanagement schon integriert. Das heißt, wir gehen zu Plattformen, die ein gesamtes Lösungsangebot abbilden können. Sie übernehmen zukünftig das Energiemanagement im Gewerbe oder im Heim. Speicherung und das Laden von Elektroautos sind mitdesignt und mitgedacht. Dadurch geht die Sektorenkopplung ganz einfach.

Wie geht bei dem Gerät die Kopplung mit dem Speicher?

In dem Fall stellen wir zur Zeit noch einen Batterie-Wechselrichter mit Speicher daneben. Die Geräte sind dann ganz einfach miteinander zu kombinieren. Aber auch dort kommt bald schon der nächste Schritt und es wird dann alternativ einen Hybrid-Wechselrichter geben. Aber wichtiger ist eigentlich, dass die gesamte Intelligenz für die Sektorenkopplung bereits im Wechselrichter integriert ist.

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