Kampf der Giganten oder: Was steckt hinter den Hanwha Q-Cells Patentklagen?

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Die aktuelle Marktsituation lässt sich – zumindest für Mitteleuropa – folgendermaßen zusammenfassen: alles bleibt beim Alten. Weder hat sich im letzten Monat am Preisniveau etwas verändert, noch hat sich die allgemeine Verfügbarkeit der unterschiedlichen Modultypen verbessert – im Gegenteil. Konnte man im letzten Monat bei vielen Lieferanten noch relativ zuverlässig polykristalline Module zur kurzfristigen Lieferung ordern, so wird man im März bereits am Monatsanfang auch bei mittlerer Leistungsklassen („Mainstream“-Modulen) auf April, Mai oder sogar Juni vertröstet. Das ist allerdings recht misslich für den Installateur und Betreiber, wenn die Photovoltaik-Anlage aufgrund der Vergütungssituation bis Monatsende am Netz angeschlossen sein muss. Ab April werden Dachanlagen zwischen 40 und 750 Kilowatt im deutschen EEG dann nur noch mit 8,90 Cent pro Kilowattstunde vergütet – zwar nicht wie zuvor angedroht, der Tarif für Freiflächen, aber auch nicht wirklich viel höher. Abgesehen von kleineren Schwankungen stagnieren die Modulpreise seit Jahresanfang, während der Einspeisetarif jeden Monat drastisch fällt.

Da es also an dieser Front aktuell nicht viel zu berichten gibt, was von mir nicht schon in den letzten Kommentaren thematisiert wurde, will ich mein Augenmerk in diesem Monat einmal mehr auf die Hersteller selbst und deren Strategien richten. Aus aktuellem Anlass, nämlich der Einreichung von Patentrechtsklagen des Herstellers Hanwha Q-Cells gegen drei seiner Mitbewerber, rücken neben Hanwha Q-Cells auch die Modulproduzenten Jinko Solar und Longi Solar in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Auch die REC Group wurde bekanntlich in den Streit miteinbezogen, aber ich will mich hier nur auf die drei Unternehmen mit Produktionskapazitäten jenseits der 7-Gigawatt-Größe beziehen, welche allesamt die Marktführerschaft anstreben oder verteidigen wollen – ein Kampf der Giganten eben.

Die angegriffenen Hersteller berichten allerdings, dass sie nur über die Presse von dieser Klage, beziehungsweise Klageandrohung, gehört haben. Post vom Gericht hat offenbar bis Mitte des Monats noch keiner der Beklagten erhalten. Dennoch kursieren bereits mehr oder weniger ausführliche Stellungnahmen und Gegendarstellungen der Unternehmen. Natürlich stellt sich sofort die Frage, warum dieser Streit an die Öffentlichkeit dringt, noch bevor die Klage in Deutschland und den USA überhaupt zugelassen wurde – ist es Kalkül oder nur eine peinliche Panne? Was verspricht sich Hanwha Q-Cells von diesem Frontalangriff auf einige seiner größten Konkurrenten, insbesondere bei einem Rechtsstreit mit ungewissem Ausgang, der sich noch dazu über Jahre hinziehen kann? Bei Hanwha Q-Cells scheint man sich sehr sicher zu sein, dass man mit der bereits vor etwa vier Jahren vorgestellten Quantum-Zelle Vorreiter beim Einsatz der PERC-Technologie war und alle Kontrahenten nur abgekupfert haben. Diese weisen den Vorwurf weit von sich und bestehen darauf, diese Technologie parallel dazu selbst entwickelt zu haben und sie rechtmäßig einsetzen zu dürfen.

Was eine erfolgreich verlaufende Patentrechtsklage für Konsequenzen für die Beklagten hat, darauf kann ich hier im Detail nicht eingehen. Ich verweise dazu auf den Fall Apple, bei dem der Smartphone-Gigant einige seiner iPhone-Modelle vorsichthalber vom Markt genommen hat, um größeren Schadensersatzforderungen zu entgehen. Es handelt sich dabei allerdings um eine erfolgreiche Klage eines seiner Vorlieferanten, die einen langen Vorlauf hatte und bei der das Urteil auch nur gegen Zahlung einer sehr hohen Sicherheitsleistung durch den Kläger vollstreckt wird. Ob es in unserem Falle hier überhaupt so weit kommt und ob Q-Cells die finanzielle Stärke hat, den Streit bis zum Ende durchzustehen, ist fraglich. Möglicherweise leistet der milliardenschwere Mutterkonzern Hanwha ja Schützenhilfe. Bereits jetzt im Markt befindliche Produkte von Jinko Solar, Longi Solar oder REC dürften keinesfalls von einem Verbot betroffen sein – deren Nutzer können erst einmal aufatmen.

Was könnte aber die Strategie hinter dieser Maßnahme des koreanischen Modulproduzenten sein?

Der einstige europäische Branchenprimus Q-Cells hat nach seinem Absturz und der Insolvenzanmeldung im Jahr 2012 eine ganze Menge Marktanteile aufzuholen, die seitdem an die Konkurrenz verloren gegangen sind. Allerdings ist das durch eine aggressive Produkt- und Preispolitik, sowie nicht zuletzt durch die finanziellen Möglichkeiten, die sich durch den Einstieg des koreanischen Technologiekonzerns Hanwha ergeben haben, bereits recht gut gelungen. Zumindest in Deutschland ist Q-Cells mit einem Marktanteil nahe 30 Prozent bereits wieder Marktführer. Aber auf europäischer Ebene ist die Situation schon nicht mehr so eindeutig. Hier drängt vor allem Jinko Solar in den Markt. Der Konzern führt seit gut einem Jahr die BloombergNEF-Liste der größten und finanzkräftigsten Zell- und Modulhersteller an und will sich in dieser Position im Weltmarkt auch weiterhin behaupten. Daneben gibt es den Newcomer Longi Solar, der es dank seiner konsequenten Wachstumsstrategie innerhalb von kürzester Zeit in die Top-Ten der Produzenten mit der größten Kapazität geschafft hat. Ist es also Zufall, dass sich genau diese zwei Unternehmen unter den Beklagten wiederfinden?

Hat sich Hanwha Q-Cells vielleicht übernommen in diesem Verdrängungswettbewerb? Ist der Konzern zu schnell gewachsen, hat zu viel Personal aufgebaut, zu hohe Entwicklungs- und Produktionskosten in Kauf genommen bei im letzten Jahr dramatisch gefallenen Modulverkaufspreisen, hat also ein akutes Wirtschaftlichkeitsproblem? Böse Zungen behaupten, der „Laden“ sollte erst einmal seine internen Prozesse in den Griff bekommen, um wieder verlässlich lieferfähig zu werden, bevor er sich in langjährige Rechtsstreitigkeiten verstricken lässt. Nun, vielleicht sieht man aber genau darin den Schlüssel, den Ausweg aus der abwärts zeigenden Preisspirale, nämlich die Konkurrenz indirekt an den eigenen Kosten der Entwicklung und Markteinführung der patentgeschützten Produkte zu beteiligen.

Dies könnte aber aufgrund der Langwierigkeit und Komplexität solcher Rechtsstreitigkeiten in einer Sackgasse münden. Die momentane Verschnaufpause im stetigen Modulpreisverfall könnte bald wieder zu Ende sein, wenn nämlich der Schweinezyklus seine nächste Runde dreht. Dann sind andere Überlebensstrategien gefragt als wild um sich zu schlagen. Wie wäre es mit qualitativ hochwertigen, preiswerten aber vor allem leicht verfügbaren Produkten?

Übersicht der nach Technologie unterschiedenen Preispunkte im März 2019 inklusive der Veränderungen zum Vormonat (Stand 13.03.2019):

— Der Autor Martin Schachinger ist studierter Elektroingenieur und seit über 20 Jahren im Bereich Photovoltaik und regenerative Energien aktiv. 2004 machte er sich selbständig und gründete die international bekannte Online-Handelsplattform pvXchange.com, über die Großhändler, Installateure und Servicefirmen neben Standardkomponenten auch Solarmodule und –wechselrichter beziehen können, welche nicht mehr hergestellt werden, aber für die Instandsetzung defekter Photovoltaik-Anlagen dringend benötigt werden. —

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