James Watson: „Ich werde mich niemals gegen Erneuerbare aussprechen“

Teilen

pv magazine: Können Sie bitte ihren Namen und ihren Titel für die Aufzeichnung nennen?

James Watson, CEO von Solarpower Europe.

Gut, aber nicht mehr lange.

Das ist richtig (lacht). Ich denke, das erste, was ich sagen kann, ist, dass es seit ich hier bin, einige ziemlich tiefgreifende Veränderungen gegeben hat, wie die Organisation funktioniert. Ich habe viel getan, um EPIA [European Photovoltaic Industry Association] auf eine andere Ebene zu bringen. Ich denke, wir haben wirklich einige ziemlich große Erfolge erreicht.

Was sind ihre größten politischen Erfolge?
Was mir auf der politischen Ebene zuerst einfällt, ist der Zuspruch, den wir beim Abbau der Handelsbarrieren für chinesische Solarmodule [in Europa] erhalten haben. Ich denke, das war eine gute Unterstützung für den Sektor, indem gesagt wurde: Wir werden den Sektor und den Zubau in Europa nicht mehr verlangsamen, indem wir eine gescheiterte Politik verfolgen‘. Dafür mussten wir die Europäische Kommission und die EU-Mitgliedstaaten dazu bringen, dies zu verstehen und zu akzeptieren. Ich habe mich sehr gefreut, dass wir im September zu diesem Punkt gekommen sind. Es war nicht so, dass wir gefeiert und Champagnerflaschen geköpft hätten, aber aus unserer Sicht waren die Maßnahmen ein Hindernis für die Marktentwicklung und wir waren wirklich froh, dass sie beendet wurden. Das zweite, worauf ich sehr stolz bin, ist, dass Solarpower Europe auf europäischer Ebene die Initiative für eine Industriestrategie für Photovoltaik ergriffen hat. Diese wird derzeit bei der Europäischen Kommission durch das Europäische Industrieforum für saubere Energie weiterentwickelt.

Hat ihre Arbeit an den EU-Handelsbeschränkungen, die an der Industriestrategie beeinflusst?
Was ich aus dem Handelsstreit gelernt habe, ist, dass niemand in neue Kapazitäten für Solarzellen und Solarmodule [in Europa] investiert hat, obwohl die Handelsmaßnahmen bereits ergriffen wurden. So haben wir erkannt, dass es noch etwas anderes geben muss, damit die Investitionen getätigt werden. Dinge wie den Zugang zur Finanzierung oder Lockerung der Regeln für staatliche Beihilfen – das sind die Dinge, die für einen Investor [in der Solarindustrie] wirklich einen Unterschied machen. Ich bin wirklich stolz darauf, dass wir begonnen haben, auf diesen Gebieten Fortschritte zu machen.
Das wir gerade über die politische Seite diskutieren, wollte ich sagen, dass das ‚Recht auf Eigenverbrauch‘ etwas ist, woran Solarpower Europe in den vergangenen Jahren gearbeitet hat. Ich bin wirklich begeistert und erfreut, dass die Europäische Kommission, die Mitgliedstaaten und das Europäische Parlament sich darauf geeinigt haben, dass die Bürger Europas das Recht haben, ihre Photovoltaik-Anlagen zu nutzen, ohne diskriminierende Gebühren, Steuern, Belastungen oder Verbote. All das bedeutet, die „Sonnensteuer“-Idee ist gestorben. Im Jahr 2021 haben die EU-Bürger das Recht auf Eigenverbrauch, Eigenerzeugung und Speicherung ihres Solarstroms. Es kommt nicht oft vor, dass man ein neues Recht bekommt, und ich bin wirklich froh, dass wir das durchgesetzt haben.

Wenn man sich Ihren Wechsel zu Eurogas ansieht, wird man natürlich sagen, dass Sie jetzt auf die „dunkle Seite“ der fossilen Brennstoffe gehen. Was war ihre Motivation den Wechsel vorzunehmen?
Im nächsten Jahr wird die EU ein sogenanntes Gaspaket einführen. Da ich ein Lobbyist von Natur aus bin, habe ich ziemlich am Photovoltaik-Handelsstreit und dem EU-Winterpaket gearbeitet und das nächste große Ding in der Stadt wird nun das Gaspaket sein. Es wird auch darum gehen, wie Erneuerbare und dekarbonisiertes Gas mehr und mehr zu einem natürlichen Bestandteil des Gasmixes werden können. Ich dachte mir daher einfach, es wäre eine gute Gelegenheit für mich, weiterzumachen und eine wichtige Rolle im nächsten Sektor zu spielen – dem Übergang von Strom zu Gas.
Wir haben eine riesige Elekrifizierungsdiskussion erlebt. Aber auch das optimistischste Szenario von Eurelectric kommt zu dem Schluss, dass die die Elektrifizierung nur 60 Prozent Anteil bei der Versorgung der europäischen Wirtschaft mit Strom erreichen wird – das bedeutet im Umkehrschluss, dass 40 Prozent vom Gassektor kommen werden. In einem noch realistischeren Szenario geht der Mix mehr Richtung 50 zu 50.

Und Sie glauben, die Photovoltaik wird dabei eine Rolle spielen?
Eines der Schlüsselelemente für die Zukunft, von denen ich immer mehr überzeugt bin, ist die Rolle von Power-to-Gas oder Power-to-X. Im Juli dieses Jahres haben wir einen Workshop mit Hydrogen Europe veranstaltet und viel darüber gesprochen, wie Solarstrom durch Elektrolyse in Gas umgewandelt werden kann. Ich denke, wenn man diese riesige Menge an Gasinfrastruktur hat, die heute bereits existiert, ist es unwahrscheinlich, dass wir sie nicht aktiv halten und nutzen werden. Wenn man an solche Dinge denkt, dann die Möglichkeit, dieses Netz mit Gas erzeugt aus erneuerbaren Rohstoffen zu füllen.
Als wir mit unseren Prognosen für 2030, 2040, 2050 begannen, glaubten wir an 1,4 Terawatt installierte Photovoltaik-Leistung – viel davon in Südeuropa. Dies bedeutet, dass für die Photovoltaik das Risiko besteht, sich selbst zu kannibalisieren oder sie muss neue Nachfrage schaffen. Nach meiner Auffassung könnte erneuerbares Gas – Wasserstoff – diese Nachfrage schaffen. Es wird dazu kommen und damit stellen wir eine ausreichende Nachfrage [nach Photovoltaik] sicher. Aber das soll nicht heißten, dass ich nicht an Batteriespeicher glaube. Batterien wird es auch geben und sie werden gespeist. Aber ich denke eher an ein ‚und und und‘ – also Photovoltaik plus Batteriespeicher, plus Gas.

Ich weiß nicht soviel über Gasmärkte und -infrastruktur, aber ich kann mir eine Art Spannung zwischen Erneuerbaren für die Stromversorgung aus Gas und den Akteuren vorstellen, die ihre bestehenden Erdgasreserven nutzen und betreiben wollen. Macht ihnen das Sorgen?
Dazu könnte es kommen und es gibt sicher Dinge, die man sich genau ansehen muss. Aber sagen wir mal so – diejenigen, die die existierenden Gasinfrastruktur besitzen sind glücklich, so lange etwas in ihren Rohren ist. Daher generieren sie ihre Einnahmen. Mein Denken und Gefühl ist, dass wenn man so etwas besitzt, muss man auch die Zukunft im Blick haben. Und für die Zukunft würde ich vorschlagen, müssen wir dekarbonisieren, nicht nur den Strom, sondern auch das Gas. Dies bedeutet, dass an einem bestimmten Punkt in der Zukunft, die Besitzer dieser Vermögenswerte nicht darüber nachdenken müssen, wie sie etwa mit der Öl- und Gasexploration und -förderung Geld verdienen können, sondern auch darüber, wie sie Einnahmen aus anderen Quellen erzielen können. Also etwa über Photovoltaik und Windkraft als vergleichbare Methode zur Erzeugung des Stoffes wie Gas, mit dem sie ihre Rentabilität erhalten können.

Können Sie sich vorstellen, dass es zu einer Situation kommt wird, in der Sie sich gegen die Interessen der Photovoltaik engagieren oder lobbyieren müssen?
Auf keinen Fall. Ich würde den Job nicht annehmen, wenn ich anfangen müsste, gegen das zu agieren, was ich hier erreicht habe. Das wäre unsinnig. Ich werde mich niemals gegen Erneuerbare aussprechen. Das ist ein absoluter Fakt. Aus der Erdgasperspektive kann ich sehr gut über die nützliche Rolle der Erneuerbaren für den Ausgleich sprechen. Und das ist Teil der Geschichte, die wir hier bei Solarpower Europe in den vergangenen Jahren erlebt haben. Das Interessante für mich ist, wieviel dekarbonisiertes Erdgas wir in das System bekommen, um es zu unterstützen.

Lassen Sie uns auf die Diskussion über den Mindestimportpreise und die Handelsbarrieren zurückkommen: Als Sie die Entscheidung trafen, für die Abschaffung der Importbarrieren zu kämpfen, haben Sie sich im Solarsektor einige Feinde gemacht. Wie schwierig war das für Sie, und wie tief hat es Sie getroffen?
Es war eine sehr schwierige Entscheidung. Ehrlich gesagt, war es wahrscheinlich eine der schwierigsten Entscheidungen, die wir getroffen haben, seit ich hier bin. Es wurde auf Vorstandsebene intensiv diskutiert. Ich glaube, dass man kein europäischer Branchenverband sein und keine Position zum aktuell größten europäischen Thema einnehmen kann. Es wurde hart darum gerungen – das darf man nicht herunterspielen. Der damalige Präsident [von Solarpower Europe], Oliver Schäfer, war von Sunpower und die hatten eigene Fabriken in Frankreich. Natürlich haben wir [durch die Entscheidung] Mitglieder verloren, unter anderem auch Solarworld.

Glauben Sie, Sie haben sich Feinde gemacht?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich Feinde habe. Aber es gibt Leute, die mit der Linie nicht einverstanden sind, die der Verband unter meiner Führung verfolgt hat. Aber niemand ist jemals persönlich zu mir gekommen und hat gesagt: ‚Du bist ein Idiot und du hast dies, das oder das andere zerstört‘. Wir hatten eine sehr zivilisierte Diskussion, und es gibt immer zwei Seiten, die jeweils diskutiert oder argumentiert werden müssen. Ich habe mich gerne mit Leuten wie Milan [Nitzschke, EU-Prosun-Präsident] zusammengesetzt und Dinge diskutiert. Sicherlich gab es einige Risse, die unter meiner Führung hier entstanden sind. Aber da Walburga Hemetsberger [Nachfolgerin als Solarpower Europe CEO] nun kommt, wird es ihre Aufgabe sein, sie zu glätten und in Zukunft neue Beziehungen aufzubauen. Einige der Entscheidungen, die vom Verband getroffen wurden, die sehr eng mit mir verknüpft sind, können jetzt weitergeführt werden, um eine einheitliche Stimme für Photovoltaik zu schaffen.

Was sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Aufgaben für ihre Nachfolgerin?
Wenn Walburga anfängt, ist es politisch das Wichtigste, was sie und ihr Team zu bewältigen haben werden, Photovoltaik sehr positiv vor der neuen Europäischen Kommission und dem neuen Europäischen Parlament zu positionieren. Im Mai wird es ein neues Europäisches Parlament und im Oktober eine neue Europäische Kommission geben. Letztendlich wird es viel Arbeit bei der Vorbereitung und Sicherstellung des richtigen Politikbogens und der positiven Einstellung geben, um die Probleme, die uns betreffen, in ihren Fokus zu bringen. Der neue European Solar Manufacturing Council soll Anfang nächsten Jahres starten. Walburga wird einige Zeit damit verbringen müssen, herauszufinden, wie man sich mit dieser Organisation engagieren und in Beziehung setzen kann. Die Leute nennen sie auch den „Phönix von Prosun“.

Sie haben die EU-Kommission erwähnt, mir scheint das die Generaldirektion Wettbewerb (GD Wettbewerb) der Solarbranche zu verschiedenen Zeiten ihrer Amtszeit bei Solarpower Europe ein Dorn im Auge war. Geben Sie mir damit Recht?
Walburga hat einen sehr starken Wettbewerbshintergrund, und ich denke, das ist einer der Bereiche, in denen ich relativ schwach war – also bei diesen Beziehungen zur GD Wettbewerb. Erst in den letzten Wochen hatten wir das Gespräch über die Situation in Deutschland wegen der Reduzierung der Einspeisevergütungen für Dachanlagen. Eines der Dinge, in denen die GD Wettbewerb sehr gut ist, ist die Aussage: ‚Wir haben diese Maßnahme nicht von Deutschland verlangt, aber anhand unserer jährlichen Überprüfung können wir feststellen, dass es zu hohe Vergütungen gab, so dass wir erwarten, dass sie die Dinge in Einklang bringen‘. Es ist die klassische Linie der GD Wettbewerb: ‚Wir sind nicht für das verantwortlich, was die deutsche Regierung tut, aber wir müssen sicherstellen, dass die Systeme mit dem übereinstimmen, was sie bereits 2014 mit uns vereinbart haben‘. Sie haben also nicht darum gebeten, aber sie sagen, dass, wenn die Deutschen nichts tun, sie es verlangen würden.  Walburga wird sich mit der GD Wettbewerb befassen und herausfinden müssen, wie man am besten eine Beziehung zu ihnen aufbauen kann. Die GD Wettbewerb war bemüht, uns zu erklären, dass es sich nicht um eine rückwirkende Maßnahme handelt, sondern in gewisser Weise um ein rückwirkendes Gefühl, da sich einige Menschen mitten in der Realisierung der Projekte befinden, die betroffen sein werden. Es wird wirklich entscheidend sein, dass wir die richtigen Zeitpunkte für den Markt finden.

Was werden Sie persönlich an der Solarbranche vermissen?
Ich werde euch alle vermissen. Ich kam von einer Unternehmensberatung hierher und wusste ehrlich gesagt nicht wirklich, was mich erwartet. Was ich an der gesamten Branche geliebt habe, ist, dass sie voller Optimisten ist, und dass sie voller innovativer und sehr intelligenter Menschen ist. Ich lasse mich nicht von dem Sektor scheiden, ich gehe in einen anderen. Aber ich habe vor, die wichtigen Beziehungen zu erhalten. Es handelt sich um einen jungen Sektor, nicht um einen etablierten, der schnell wächst – und er ist disruptiv.