Die Welt in 10 Jahren

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Vor zehn Jahren hat die Solarbranche erstmals zwei Märkte mit einem Volumen von deutlich über einem Gigawatt erreicht: Spanien und Deutschland. 2008 war bis zum Eintritt eines Moratoriums in Spanien ein Boomjahr, an dessen Ende Solarmodule dort bis zu 3,80 Euro pro Wattpeak gekostet haben. Gegenüber 2006 war der weltweite Solarmarkt um 250 Prozent gewachsen. In Deutschland war es das Jahr der EEG-Novelle, die mit den vormals gesetzten fünf Prozent, um die jedes Jahr die Einspeisevergütung sinken sollte, brach.

Ab Anfang 2009 sollte diese Degression deutlich höher ausfallen. Trotzdem wurden viel mehr Anlagen gebaut als von der Regierung erwartet – mit einer Vergütung von bis zu 46 Cent pro Kilowattstunde war der Druck immens, die Vergütung noch viel schneller abzusenken als geplant. Seitdem ist in Deutschland die Branche nicht wirklich aus einer Dauerverteidigung des politisch beschlossenen weiteren solaren Ausbaus herausgekommen, gerade während der deutschen Boomjahre war dies die vorherrschende Stimmung.

Inzwischen ist die Photovoltaik in vielen Ländern die billigste Energiequelle, auch in Deutschland, und der Weltmarkt ist auf über 100 Gigawatt pro Jahr an Neuinstallationen gewachsen. Das haben vor zehn Jahren selbst die größten Optimisten nicht erwartet. Die Solarbranche hat viel mehr erreicht, als sie je versprochen hat. Und wie kürzlich einer der Technologieväter, der bekannte australische Wissenschaftler Martin Green, im Interview mit pv magazine sagte: Erst jetzt läuft die Technologieentwicklung in der Photovoltaik-Produktion auf einem hohen Tempo. Er wagte sogar, den Satz zu sagen, dass bis 2016 die Produktion eher im Schneckentempo Entwicklungen hervorgebracht hat. Nun, das Tempo hat sich wirklich massiv erhöht – immer günstiger und leistungsfähiger werden Solarmodule und andere Komponenten wie Leistungselektronik und Batterien.

Und dennoch erwarte ich für Deutschland in den kommenden zehn Jahren wenig politischen Willen zur Umsetzung zentraler Projekte, die der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft dienen. In einem so stark regulierten Markt wie der Energiewirtschaft sind Innovationen so zum Scheitern an veralteten Regeln verurteilt. Das Digitalisierungsgesetz ist schon veraltet gewesen, als es gültig wurde, das Mieterstromgesetz im EEG ist ein absurdes Bürokratiemonster.

Luft holen und weiter

Als Branche müssen wir daher alles tun, um ein neues Energierecht zu erarbeiten – als Nachfolger aller heutigen Regelungen aller Erzeuger, Verteiler und Verbraucher, offen für Innovationen, die eben nicht in starren Paragrafen niedergeschrieben werden können. An dieser Stelle bedarf es des Muts zur Eröffnung. Als Mittelständler ist mir natürlich wichtig, dass Bürger und kleine und mittlere Betriebe darin eine starke Rolle spielen. Dies zu gestalten wird ein harter Kampf, ebenso der notwendige Kampf für eine sachgerechte Kohlendioxid-Mindestabgabe. Diese muss kommen, verbunden mit der robusten Durchsetzung von Giftemissionsgrenzen in der Energieerzeugung und im Verkehr.

Was können wir mit unseren Technologien dazu beitragen, also wie geht es weiter mit den Kosten und der Betriebssicherheit? Zunächst muss unser Selbstverständnis 24/7 lauten. Die Energieversorgung muss immer bereitstehen. Also müssen die kommenden Schritte und unser Tun genau dies entlang der Kette Erzeugung-Verteilung-Verbrauch umsetzen.

Windkraft und Photovoltaik werden dabei den Löwenanteil an der Erzeugung erbringen, denn die Bioenergieerzeugung muss auf ein wirklich nachhaltiges Niveau gebracht werden. Nachhaltig heißt dort: Weg von der hochintensiven Landwirtschaft auf fast 18 Prozent der Fläche für Bionenergie in Deutschland hin zu mehr Ökologie. Und ja, es wird dort in den kommenden Jahren intensive Flächenkonflikte geben, auch zwischen den verschiedenen erneuerbaren Energieerzeugern. Denn „Solar auf Acker ist bäh“ bei gleichzeitigen Gift- und Düngerorgien für deutlich teurere und ineffiziente Bioenergie – so geht das nicht weiter.

Neue Strategien zur ökologisch sinnvollen Doppelnutzung müssen her und auch Entscheidungen: Noch zehn Jahre Landwirtschaft in diesem Tempo werden unser Ökosystem extrem schädigen. Solar und Wind müssen ab sofort als Team antreten. Das Netzbetriebsmittel Speicher muss dabei schnell klar definiert werden, um schon vonseiten der Hybriderzeugung direkt auch die Netze mitzudenken. Alle Produkte sind da – von den Regelungen bis zur Hardware: Diese wird zudem immer billiger.

Solar an Gebäuden muss in den kommenden zehn Jahren mit besseren Produkten vorangetrieben werden, dazu gehört die Gebäudeintegration, aber auch die Bereitstellung von ultraleichten Solarmodulen für die vielen Dächer, die statisch sonst nur mit hohem Aufwand oder gar nicht als Fläche für Photovoltaik nutzbar sind. Ich bin optimistisch, dass wir solche Produkte in den kommenden Jahren in Serie sehen werden.

Politisch muss rund um die Gebäude vor allem ein Ende der dauernden Diskriminierung, sei es durch willkürlichen Denkmalschutz oder durch das Baurecht, erreicht werden. Rund um die Weiterentwicklung der Energieeinsparverordnung EnEV ist aufgrund der erreichten Wirtschaftlichkeit auch eine umfangreiche Baupflicht denkbar. So wie in Kalifornien. Dann kommen da noch die ganzen Fintechs und andere Finanzkonstrukte – vielleicht haben in zehn Jahren EPCs selbst kleine Finanzierungsinstrumente.

Der Umbruch in der Finanzwirtschaft wird jedenfalls umfangreiche Mittel bereitstellen, um Projekte zu finanzieren, die bisher daran scheitern, dass Banken sich um den ersten Platz in Grundbucheinträgen streiten, was unverständlich ist. Denn trotz anderslautender Urteile gehen sie davon aus, dass die Photovoltaik-Anlage Teil des Gebäudes ist, und wollen daher den Eintrag. Das ist nur eine der absurden Hürden, die heute noch im Kleingedruckten existieren, wenn man investieren will.

Um unsinnige Bürokratie für Photovoltaik an Gebäuden zu überwinden, müssen auch neue Ideen für den Bereich „hinter dem Zähler“, aber auch zur Versorgung von Bürgern, die in den Gebäuden leben, kommen. Das heutige Konstrukt rund um das EEG muss in einem neuen Energierecht aufgehen wie schon beschrieben.

Bisher war alles Schneckentempo

Vielleicht hatte Martin Green recht mit dem Schneckentempo: So erwartete die IEA vor zehn Jahren für heute einen mittleren Siliziumverbrauch von weniger als drei Gramm pro Wattpeak. Wir liegen mit mehr als vier Gramm pro Wattpeak noch deutlich darüber. Die IEA sprach damals von weniger als zwei Gramm, die nach 2020 erreicht würden. Also sage ich einmal: Das schaffen wir bis 2028. Bei einem Preis dauerhaft unter zehn US-Dollar pro Kilogramm wären das dann nur noch zwei Cent pro Wattpeak gegenüber heute 7,65 Cent pro Wattpeak. Allein diese Entwicklung würde die Polymodule um fast 20 Prozent günstiger machen. Kostet das Polysilizium vielleicht sogar nur noch fünf Dollar pro Wattpeak, liegt dessen Kostenanteil im Modul nur noch bei einem Cent pro Wattpeak. Das ist im Bereich des Möglichen.

Und noch viel mehr. Aus Zellen werden Halbzellen, dann Schindeln. Teure Materialien wie Silber werden weniger oder verschwinden. Wafer werden effizienter gesägt und dann ohne Sägen direkt abgeschieden. Und so dürfte das Ziel 15 US-Cent pro Wattpeak für 2028 nicht zu ambitioniert sein, das ist die Hälfte des Weltmarktpreises von polykristallinen Modulen, den man bezahlt, wenn man in großen Mengen kauft. Eine 100-Megawattpeak-Anlage in Deutschland wäre dann für 300 Euro pro Kilowattpeak realisierbar. Die Kilowattstunden-Kosten möge sich dann jeder ausrechnen – ich denke, da fällt die „drei“. Also unter drei Cent pro Kilowattstunde wird Solarstrom in Deutschland kosten, und es wird in der EU daher viele Solar-Wind-Hybride im großen Megawatt- oder Gigawatt-Maßstab geben, um Industrie und Großräume zu versorgen. Stationäre Großspeicher werden bis dahin Energie auch über längere Zeit zu ähnlichen Kosten einspeichern und abrufbar machen und natürlich die Netze stabilisieren.

An und in den Gebäuden werden Systeme pro Kilowatt natürlich mehr kosten, denn sie müssen auch weiterhin individuell angepasst werden. Vor allem für Altbauten wird sich daran wenig ändern. Neue Bauelemente kommen, denn der Halbleiter darin ist billig und lässt die Innovationen jetzt endlich zu, auf die wir so lange gewartet haben. Die Vorteile der Einheit zwischen Erzeugung und Verbrauch (zumindest auch in der Nähe) werden allerdings in einer Gesamtbetrachtung auch bei voller Versorgung schnell dazu führen, dass sich alle Netzfragen neu stellen. Natürlich wird die digitale Entwicklung in diesem Zusammenhang jede Form von Bilanzierung, „Communitys“ und wie die verschiedenen Modelle alle heißen, ermöglichen, so diese nicht von reaktionärer Politik unterdrückt werden.

Und um nicht falsch verstanden zu werden: Wo Bioenergie nachhaltige Kreisläufe plus Wind und Solar ermöglicht, werden viele Gemeinden in Deutschland und der EU bald die Frage stellen: Ist es nicht wirtschaftlicher, uns vom Übertragungsnetz zu trennen und autonom zu werden? Für Übertragungsnetze gilt ein N-minus-eins-Kriterium, nach dem es so gebaut werden muss, dass es auch beim Ausfall einer wichtigen Komponente stabil bleibt. Doch bei den hohen Netzkosten wird auch dieses Kriterium schon sehr bald vor Ort billiger zu erreichen sein. Also dann mal weiter Vollgas – oder besser „Vollstrom“!Karl-Heinz Remmers

Welch eine Entwicklung

Die Systempreise waren in den letzten zehn Jahren bekanntermaßen im freien Fall. Nach Zahlen von EuPD Research, extrapoliert nach 2008, hat damals ein Kilowatt Freiflächenanlage rund 4.000 Euro gekostet. Heute sind es im Schnitt, nach der gleichen Statistik, 831 Euro. Die nächsten Technologiesprünge sind bereits sichtbar: Halbzellenmodule, bifaziale Module, vielleicht in einigen Jahre Tandemzellen mit Perowskiten oder Technologien, die wir noch nicht kennen. So verwundern die Expertenschätzungen (Martin Ammon, EuPD; Günter Haug, Baywa r.e.; Karl Heinz Remmers, Solarpraxis) nicht, die in den nächsten zehn Jahren 300 bis 530 Euro pro Kilowattpeak für möglich halten. Kleine Anlagen werden nicht so günstig werden. Doch auch in dem Segment halten Experten eine Reduktion von heute 1.300 auf 700 Euro für möglich, unter Beibehaltung heutiger Handwerkermargen.

Korreliert mit den Systemkosten fallen die Gestehungskosten für den Solarstrom. Vor zehn Jahren wurde eine Vergütung von 44 Cent pro Kilowattstunde gezahlt. Heute bieten Investoren in Ausschreibungen an zu bauen, wenn sie 4,9 Cent pro Kilowattstunde bekommen. Mit den prognostizierten Systemkosten hochgerechnet wird Solarstrom in zehn Jahren zwischen 1,6 und 3,1 Cent pro Kilowattstunde kostetn Eine billigere Stromerzeugung gibt es nicht.

— Der Autor Karl-Heinz Remmers war von 2008 bis 2015 Herausgeber von pvŽ magazine, bevor er den Stab weiter an den heutigen Herausgeber Eckhart Gouras übergeben hat. Er ist CEO der Solarpraxis AG und seit fast drei Jahrzehnten in der Solarbranche aktiv. —

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