Siemens und die Insolvenz von Caterva

Siemens hat – wie andere Konzerne in Deutschland auch – seine Schwierigkeiten mit der Energiewende. Vorstandschef Joe Kaeser kündigte im November vergangenen Jahres die Streichung von weltweit 6900 Jobs, vor allem in der Kraftwerkssparte, an. Er begründete dies mit den Folgen der Energiewende. Dabei versucht Siemens seit langem, selbst an dieser zu partizipieren. So ist 2013 Caterva als Spin-off der Siemens AG gegründet worden. Nach pv magazine vorliegenden Informationen hatte Siemens seit der Ausgründung Caterva als einziger Investor mit einem zweistelligen Millionenbetrag finanziert. Konkret sollen es mehr als zwölf Millionen Euro bis dato gewesen sein.

So weit so gut. Drei Jahre später. Mitte 2016 setzte der Münchner Konzern die eigenständige Einheit next47 auf. Siemens rief sie ins Leben, um seine Innovationskraft zu stärken und in vielversprechende Start-ups weltweit zu investieren. Die Grundausstattung beträgt eine Milliarde Euro für fünf Jahre, wie Siemens-Sprecher Florian Martini auf Anfrage von pv magazine bestätigt.

Next47 wirbt damit, dass es in Gründer investieren will, die „groß denken“, und Unternehmen aufbauen will, die „die Art zu leben und zu arbeiten verändern“. Einer der definierten Schwerpunkte sind dezentrale Energiesysteme und speziell Schwarmspeicher. Genau auf diesem Gebiet gehört Caterva zu den Vorreitern. Als erstes deutsches Unternehmen erreichte es eine Präqualifikation bei den Netzbetreibern für Regelenergie aus vernetzten Photovoltaik-Heimspeichern bereits vor mehr als einem Jahr. Genau das sind Schwarmspeicher. So verwunderte es auch nicht, dass Caterva seit 2016 von next47 weiter betreut und finanziert wurde, wie es Siemens-Sprecher Martini ausdrückt. Er verweist aber zugleich darauf, dass Caterva ein eigenständiges Unternehmen sei. Allerdings gehört Siemens zu den Gesellschaftern des Speicheranbieters.

Sogar aus dem Start-up-Finanzierungumfeld von Siemens ist zu hören, dass es bei Caterva gar nicht so schlecht gelaufen sei. Selbst von Break-even in den nächsten zwei Jahren ist dabei die Rede. Allerdings hätte es dazu einer weiteren Investitionsspritze bedurft. Aus dem Jahresabschluss von Caterva für 2016 geht ein Fehlbetrag von knapp 12,8 Millionen Euro hervor. Die Fortführungsprognose ist dennoch positiv. „Die Liquidität der Gesellschaft reicht – unter Berücksichtigung bestehender Finanzierungszusagen – mindestens bis zum 30. September 2017 aus. Es wird davon ausgegangen, dass auch für die Zeit nach dem 30. September 2017 Liquiditätszuführungen aus dem Gesellschafterkreis oder durch Dritte erfolgen“, heißt es im Geschäftsbericht.

Nach pv magazine-Informationen hat sich Caterva genau darum bemüht. Ein sehr niedriger einstelliger Millionenbetrag von next47 wäre erforderlich gewesen, um andere Investoren zu gewinnen. Doch offenbar wollte weder die Siemens-Einheit selbst frische Mittel für Caterva zur Verfügung stellen noch einen weiteren Investor in der Gesellschaft akzeptieren.

Siemens-Sprecher Florian Martini beantwortet die Frage, warum keine weiteren Mittel für Caterva bereitgestellt wurden, eher ausweichend. „Grundsätzlich ist es nun mal so, dass auch Start-ups, die mit next47 zusammenarbeiten, für ihren Geschäftserfolg selbst verantwortlich sind – das gilt auch für Caterva. Wenn vereinbarte Meilensteine nicht erreicht werden, ist next47 leider gezwungen, Konsequenzen zu ziehen – wie das im Venture Capital-Umfeld üblich ist“, sagt er.

Bereits kurz vor Weihnachten 2017 hatte Caterva die Reißleine gezogen. Nicht ganz dazu passt ein Interview mit Siemens-Vorstand Janina Kugel. In einem im Januar 2018 veröffentlichten Beitrag in der Zeitschrift „Wirtschaft und Weiterbildung“ hebt sie Caterva als ein Beispiel für die Innovationskraft und Start-up-Kompatibilität von Siemens hervor. Wann auch immer das Interview geführt wurde, es kann nicht so lange vor dem Antrag auf Insolvenz geschehen sein. Siemens-Sprecher Martini hat den Artikel nicht vorliegen und will ihn daher nicht kommentieren. „Die Zusammenarbeit mit Caterva war in der Vergangenheit durchaus erfolgreich, insofern ist das ja nicht per se falsch“, sagt er.

Im Siemens-Umfeld sind nicht alle glücklich über die „Aufgabe“ von Caterva. Die Entscheidung, keine weiteren Mittel für Caterva zur Verfügung zu stellen, ist vielleicht sowieso nicht in der Konzernzentrale in München gefallen, sondern im fernen Silicon Valley. Dort residiert next 47 mit dem Auftrag, weltweit nach vielversprechenden Start-ups im Energiebereich zu suchen. Was auch immer der Grund gewesen war, Caterva fallen zu lassen, es könnte negative Folgen haben. Denn welches Start-up wolle sich vor diesem Hintergrund mit einem Investor next47 einlassen, selbst wenn mit Siemens ein Weltkonzern dahinter stehe. Außerdem kann ein neuer Investor nun „ohne jegliche Altlasten eine hervorragende Technologie und ein eingespieltes Team übernehmen – wahrscheinlich auch noch zum Schnäppchenpreis“, wie ein Caterva-Anhänger sagt.

Eines ist klar, es ist zumindest unglücklich gelaufen. Mit dem nun laufenden vorläufigen Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung sind die Löhne der 26 Mitarbeiter erstmal für drei Monate gesichert. Darüber hinaus könnte es für Caterva letztendlich die Suche nach neuen Investoren erleichtern. Daher zeigt sich Geschäftsführer Markus Brehler auch optimistisch: „Derzeit suchen wir mit Unterstützung von Pandion Partners, MT Management und dem Generalbevollmächtigten Carlos Mack aktiv nach Investoren. Das erste Feedback ist sehr vielversprechend.“