Die Grenze verschiebt sich nach oben

Bei der Planung von großen Solarparks setzen Projektierer immer häufiger auf viele kleine Strangwechselrichter, statt die bisher üblichen großen Zentralwechselrichter zu verwenden. Sehen Sie auch diesen Trend?

Boris Wolff: Auch bei SMA sehen wir den weltweiten Trend, dass im Freiflächenbereich immer häufiger Strangwechselrichter verwendet werden. Die Grenze, bis zu der solche Geräte zum Einsatz kommen, scheint sich nach oben zu verschieben. Früher wurden Anlagen mit mehr als einem Megawatt Leistung generell mit Zentralwechselrichtern ausgestattet. Heute werden zum Teil auch Anlagen im zweistelligen Megawattbereich mit Strangwechselrichtern realisiert.

Sie sprechen von einer Grenze. Ab welcher Anlagengröße würden Sie denn definitiv zu einem Zentralwechselrichter raten? Und gibt es umgekehrt eine untere Grenze, ab der Sie in jedem Fall einen Strangwechselrichter empfehlen würden?

Diese Entscheidung findet in der Regel auf der EPC- beziehungsweise der Projektentwicklerseite statt. Da halten wir uns bewusst heraus. Die Gründe dafür, ob die eine oder die andere Technik zum Einsatz kommt, sind verschieden, und es gibt vielfältige Faktoren, die die Entscheidung beeinflussen können. Eine Rolle spielt zum Beispiel, in welchem Land die Anlage errichtet werden soll und welche Infrastruktur am Standort zur Verfügung steht. Auch die Topologie des Geländes ist wichtig. Oft ist auch entscheidend, mit welcher Anlagengröße und welchem Wechselrichtertyp der Kunde bisher mehr Erfahrungen gemacht hat. Man kann das also nicht einfach pauschal an der Anlagengröße festmachen. Deswegen bietet SMA neben Zentralwechselrichtern auch Strangwechselrichter für den Einsatz in Großanlagen an. Immer mehr Kunden projektieren auch gemischte Anlagen mit Strang- und Zentralwechselrichter, um die Vorteile beider Ansätze zu nutzen.

Ist die Entscheidung für den EPC eine reine Kostenfrage?

Die Investitionskosten für die Wechselrichter sind ja nur ein Teil der Überlegungen. Es kommen auch andere Faktoren zum Tragen, die sich auf die Gesamtprojektkosten auswirken. Ein Aspekt ist zum Beispiel, wie gut zugänglich das Gelände ist. Davon hängt ab, ob die Anlieferung von Zentralwechselrichtern und entsprechend großen Transformatoren mit Lkw überhaupt möglich ist. Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass verschiedene EPCs für gleiche Projekte unterschiedliche Herangehensweisen haben. Je nach Art der Realisierung unterscheiden sich dann eben auch die Gesamtkosten für ein Projekt.

Die Grenze, bis zu der Strangwechselrichter eingesetzt werden, verschiebt sich auch aus Ihrer Erfahrung nach oben. Was führt im Markt dazu, dass es zu dieser Verschiebung kommt?

Es sind einfach unterschiedliche Trigger. Wir haben Kunden, die sagen: Ich baue nur zentral. Wir haben Kunden, die sagen: Ich baue nur mit Strangwechselrichtern. Das sind aber meistens Kunden, die traditionell aus der einen oder anderen Ecke kommen und mit der jeweiligen Art des Projektdesigns auch besser vertraut sind. Hinzu kommt, dass Strangwechselrichter heute einen Preispunkt haben, der in der Vergangenheit nur Zentralwechselrichtern vorbehalten war, und damit für einen größeren Abnehmerkreis attraktiv sind – auch wenn die zentralen Technologien sich ebenfalls weiterentwickelt haben. Außerdem hängt es davon ab, wo die Anlagen gebaut werden. In Deutschland zum Beispiel stehen nur noch sehr wenige Flächen zur Verfügung, die den Einsatz von Blockgrößen im Megawattbereich als sinnvoll erscheinen lassen. Im Nahen Osten sieht das komplett anders aus.

Denken Sie, dass die aktuelle Debatte auch von größeren Strangwechselrichter-Herstellern angeheizt wird?

Wir stellen derzeit schon fest, dass insbesondere einige chinesische Hersteller gegen die Verwendung von Zentralwechselrichtern argumentieren – das müssen sie auch, weil diese Anbieter fast ausnahmslos Strangwechselrichter im Programm haben. Viele der von diesen Anbietern aufgeführten Argumente basieren allerdings auf der Prämisse, dass qualitativ minderwertige oder schlecht konzipierte Zentralwechselrichter eingesetzt werden. Aus chinesischer Sicht und Erfahrung nachvollziehbar, denn der Zentralwechselrichter war ja nun in China wirklich keine Erfolgsgeschichte. Zentralwechselrichter westlicher Hersteller mit erprobter, hoher Qualität halten diesen Vergleichen allerdings mit Leichtigkeit stand.

Ein wichtiges Ziel bei der Entscheidung für den einen oder anderen Wechselrichter ist ja, die Ausfallzeiten der Anlage oder von Anlagenteilen so gering wie möglich zu halten. Haben Sie einen Zahlenvergleich, wie sich die Down-Time von Strangwechselrichtern im Vergleich zu Zentralwechselrichtern verhält?

Ein direkter Zahlenvergleich liegt uns leider nicht vor, auch weil diese Daten von Kunden in der Regel sehr vertraulich behandelt werden. Es gibt aber große Projektentwickler, die hausinterne Vergleiche angestellt haben. Demzufolge sind die Sunny-Central-Zentralwechselrichter von SMA mit einer Verfügbarkeit von deutlich über 99 Prozent führend, was die Zuverlässigkeit betrifft. Für uns ist das der Beweis, dass sorgfältig designte Zentralwechselrichter keinen nachweisbaren Nachteil gegenüber Strangwechselrichtern haben.

Dann müsste man ja jetzt noch den Vergleich mit der Down-Time vom Strangwechselrichter haben. Kann man da auch 99 Prozent und mehr erreichen?

Grundsätzlich kann man mit beiden Wechselrichterarten sehr hohe Verfügbarkeiten erreichen – vernünftiges Design vorausgesetzt. Das ist also keine Frage, ob Strang oder Zentral. Die Down-Time eines dezentralen PV-Kraftwerks hängt aber auch nicht nur vom Wechselrichterdesign ab. Beispielsweise spielen auch die eingesetzten Transformatoren eine Rolle. Wenn deren Qualität nicht ausreicht für den Einsatz in einem großen PV-Kraftwerk mit speziellem Lastenprofil und zusätzlicher Bereitstellung von Blindleistung, können die Transformatoren ausfallen. In diesem Fall wäre sogar eine 100-prozentige Verfügbarkeit der Wechselrichter kein Vorteil mehr. Große PV-Kraftwerke sind Gesamtsysteme, in denen alle Komponenten sorgfältig aufeinander abgestimmt sein müssen, damit höchste Erträge realisiert werden können.

Das Gespräch führte Michael Fuhs.