Energieversorger und Netzbetreiber auf der Suche

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Der Netzbetreiber EWE hat 75 Prozent erneuerbare Energien im Netz. Doch richtig glücklich ist Vorstandsvorsitzender Werner Brinker nicht. Die Netzinvestitionen seien sehr hoch und das Geld würde dabei fehlen, neue strategische Geschäftsfelder zu entwickeln, erklärte er auf der Handelsblatt-Tagung Energiewirtschaft 2014, die am Donnerstag in Berlin zu Ende ging. Es gebe nämlich eine Durchschnittsverzug von sieben Jahren, bis die Investitionen in die Netznutzungsentgelte eingerechnet werden könnten. Von zehn Prozent Rendite könne man daher nur träumen.

Das gelte auch für andere Geschäftsfelder. Jedes Jahr würden nach den Vorstellungen des Bundeskabinetts 12 Terawattstunden zusätzlich aus erneuerbaren Energien erzeugt, bei einem Jahresverbrauch von jährlich rund 600 Terawattstunden in Deutschland. Da sei doch bei konventionellen Energien kein Wachstum mehr möglich.

Er unterschied im Energiemarkt Einsteiger, Selbstversorger und Verteidiger. Sie gehörten zu den Verteidigern, die dazu verpflichtet seien, Netzstabilität und Grundversorgung sicher zu stellen. Eine Aufgabe, die immer komplexer werde. Sie würden damit gegen Einsteiger konkurrieren, die ihren mit erneuerbaren Energien erzeugten Strom selbst verbrauchen und keine Verpflichtungen hätten. Das sei keine gute Position. Sein Fazit: „Im Bereich der konventionellen Stromerzeugung macht es keinen Spaß mehr.“

In der Vortragssession „Wachstumsmöglichkeiten für die Energiewirtschaft“ herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass die herkömmlichen Geschäftsmodelle ausgedient haben. Allerdings sieht Robert Hienz, Vorstandsvorsitzender der Eon Connecting Energies, einen spannenden Markt kommen. Der Energiemarkt sei in Europa 110 Milliarden Euro groß. Prognosen sehen den Markt für dezentrale Energien in 2020 bei 14 Milliarden Euro. Das sei eine „echte Wachstumsperspektive“, die das Kerngeschäft der Eon-Tochter ist.

Das sieht im übrigen auch der EWE-Vorstandsvorsitzende Brinker so, wobei auch er in andere Geschäftsfelder drängt. Sein Unternehmen betreibt in Deutschland Direktvermarktung, entwickelt virtuelle Kraftwerke aus dezentralen Erzeugungsanlagen und Lastmanagement. Er spricht mit Fertighausherstellern, Smart-Home-Projekte mit ihnen umzusetzen, denn bei Smart Home gibt es Überschneidungen mit den Kommunikationstechnologien des Netzbetriebs. Außerdem entwickelt er Batteriewechselstationen für Elektroautos, bei denen Roboter innerhalb von drei Minuten die Module tauschen. Eine Station mit 1500 Batterien hätte nämlich das Potenzial mit zehn Megawatt zur Netzstabilisierung beizutragen. Das wissen um die Mechanismen, mit denen Stabilität im Stromnetz erreicht werden kann, könne er nutzen, um Produkte für Kunden zu entwickeln.

Die Stärke der Energieversorgersunternehmen (EVU) ist nach Aussage von Ralph Trapp, Geschäftsführer des Bereichs Energieversorgungswirtschaft bei der Unternehmensberatung Accenture, bei dem Kundenzugang. „Cross Selling“ ist hier das Stichwort. Aus Kundenservice wird Kundenbeziehungsmanagement. Kunden interessieren sich für Strom und bekommen zusätzliche Produkte angeboten. „Sie interessieren sich für ein Produkt und am Ende haben sie vier“, sagt er.

Heike Heim, Vorstandsvorsitzende der Energieversorgung Offenbach, setzt dagegen nach wie vor auf Energieerzeugung, und zwar aus erneuerbaren Energien. Sie haben jetzt in vier Windparks investiert und einen Erneuerbaren-Anteil von 50 Prozent. Das Problem sei jedoch, dass die Unternehmenskultur in EVUs nicht gerade innovationsförderlich sei. Es sei wichtig, Ressortdenken überwinden und eine fehlerverzeihende Kultur zu entwickeln.

Auch die Stadtwerke München suchen ihr Heil teilweise in erneuerbaren Energien, jedoch zu einem großen Teil mit Windkraft und im Ausland. „Man kann immer noch sagen, dass die Profitabilität immer noch in Ordnung ist“, erklärt Florian Bieberbach, Vorsitzender der Geschäftsführung. Natürlich gebe es erhebliche politische Risiken. Man brauche vor allem Partner und Risikokapital.

Im Ausland sind jedoch auch Geschäfte mit konventionellen Energien noch wirtschaftlicher. Als weiteres Standbein sind die Stadtwerke München in der Ölförderung aktiv. Da seien auch Renditen von zehn Prozent nach Steuern machbar.

Und EWE ist 2006 in den türkischen Gasmarkt eingestiegen, will dort bald auch Strom verkaufen, und ist mit dem Geschäft sehr zufrieden. In Deutschland sieht Vorstandsvorsitzende Brinker Gas auf dem Wärmemarkt dagegen als Auslaufmodell. Wenn man die Klima und CO2-Ziele erreichen wolle, könne es keine Gasheizungen mehr geben. Dann benötige man Strom für den Wärmemarkt. (Michael Fuhs)

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