Warten auf das zweite Quartal

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Felix Kowoll rechnet zurzeit mit dem Schlimmsten. Seit Juli dieses Jahres ist das Auftragsvolumen zurückgegangen, die große Jahresendrallye ist ausgefallen und zum 1. Januar 2011 sinkt die Einspeisevergütung um weitere 13 Prozent. „Das ist“, sagt der Geschäftsführer des Installationsbetriebs Sirius Solar in Kiel, „jenseits von Gut und Böse. Ich kann nicht abschätzen, ob und wann im nächsten Jahr der Markt wieder anspringt.“ Henning Wicht, Analyst beim Marktforschungsunternehmen iSuppli, glaubt dagegen an rosige Zahlen und nicht einmal daran, dass die Politik bremst (siehe Seite 20 und 24). 2011 sollen seiner Einschätzung nach Planer, Handwerker und Investoren in Deutschland noch mehr Photovoltaikanlagen bauen als schon im Boomjahr 2010. 

Felix Kowoll ist Handwerker und sieht die Praxis. Henning Wicht dagegen blickt von oben auf die Branche und kümmert sich um die Märkte, Kosten- und Preisstrukturen auf dem ganzen Globus. 

Er wagte, bevor die Kürzungsdiskussion Ende November wieder losbrach, eine extrem positive Vorhersage: „Wir erwarten, dass das nächste Jahr stark wird, mit rund 9,4 Gigawatt Zubau.“ 

Nicht ganz so enthusiastisch, aber immer noch sehr optimistisch äußern sich auch andere Marktforscher. Zum Beispiel Markus Lohr vom Marktforschungsinstitut EuPD Research: „Wir erwarten 2011 einen leichten Rückgang im Vergleich zu diesem Jahr. Ein Marktvolumen von sechs Gigawatt ist nicht unwahrscheinlich.“ Trotz ihrer unterschiedlichen Schätzungen waren sich die beiden Experten in einem Punkt einig: Sie sahen für das Jahr 2011 einen dynamischen Markt voraus, der sich hauptsächlich auf Dachanlagen konzentrieren wird und Raum für positive Entwicklungen bietet.

Henning Wicht sieht für 2011 folgendes Szenario: „Der deutsche Markt wird nicht gleich zu Jahresanfang anspringen. Die Schere von Modulproduktion und der Nachfrage an Modulen geht dann extrem auseinander. Es wird einen massiven Modulpreisverfall geben und entsprechend springt auch die Nachfrage wieder an.“ 

Das Ergebnis würde laut Henning Wicht ein sehr starkes zweites Halbjahr sein, mit einem Zubau, der die Zahlen von diesem Jahr noch übertrifft. Eine Einschätzung, die er für diesen sehr bewegten Markt angemessen findet. „Es besteht immer die Gefahr, dass man den Markt unterschätzt. In der Vergangenheit haben die meisten gesagt, mit Tarifsenkungen von neun oder zehn Prozent im Jahr 2010 wird der Markt einbrechen.“ Stattdessen wurde 2010 zum Boomjahr. 

Allerdings fällt der Rekordumsatz 2010 hauptsächlich auf das erste Halbjahr. Dann wurde die Einspeisevergütung zum 1. Juli und zum 1. Oktober außerplanmäßig gesenkt, und die Zahl der Aufträge ging wieder stark zurück. Trotzdem: „Die Modulpreise sind 2010 nicht gesunken“, sagt Christian Laibacher, „dadurch gab es teilweise extreme Einbrüche, aber die werden durch das erste Halbjahr ziemlich ausgeglichen.“ Laibacher ist der Geschäftsführer des Installationsbetriebs HSL Laibacher und von ESC Europe Solar Concept, einem Betrieb, der Photovoltaiksysteme in Europa vertreibt. Beide Unternehmen sind im hessischen Wiesen angesiedelt.

Warten auf die Preissenkung

Jetzt sinkt die Vergütung erneut um 13 Prozent. Da macht sich bei vielen Betrieben die Angst breit, wie gut sie das kommende Jahr überstehen werden. Denn die Kosten für Module und Systeme im Verhältnis zur Einspeisevergütung sind der Dreh- und Angelpunkt für die Marktentwicklung. Am 1. Januar bekommen Anlagen bis 30 Kilowatt den höchsten Satz von 28,74 Cent pro eingespeister Kilowattstunde, den zweitniedrigsten Satz erhalten Anlagen ab 1.000 Kilowatt, entsprechend 21,56 Cent. Niedriger ist nur die Vergütung für Anlagen längs von Autobahnen und Gleisen. 

Für den Eigenverbrauch bei Gebäuden mit einer Anlage bis 30 Kilowatt und einer Eigennutzungsquote über 30 Prozent bekommt der Hausbesitzer 16,74 Cent pro selbst verbrauchter Kilowattstunde, bei der Eigennutzungsquote bis zu 30 Prozent gilt ein geringerer Satz von 12,36 Cents. Für alle größeren Anlagen gelten niedrigere Sätze. 

Bei einer Senkung der Einspeisevergütung um 13 Prozent „braucht man eine Absenkung der Systempreise um rund zehn Prozent, um den Einschnitt auszugleichen“, sagt Analyst Henning Wicht (siehe Kasten). In diesem Bereich könnten seiner Ansicht nach alle Beteiligten, vom Modulhersteller bis zum Installateur, weiterhin bestehen. „Angetrieben durch die mangelnde Nachfrage und den Preisdruck zu Jahresbeginn, erwarten wir, dass die Preise schon im ersten Quartal nachgeben werden“, sagt Wicht. „Von jetzt 1,40 Euro pro Watt auf ungefähr 1,28 Euro pro Watt.“ Da bei den recht stabilen Modulpreisen im vergangenen Jahr die Installateure und Projektierer bereits die Senkung der Vergütung im Sommer ausgleichen mussten, sieht er, dass jetzt die Modulhersteller, aber auch die Investoren bei ihren Margen und Renditen Abstriche machen müssten, um die neue Situation aufzufangen. Der Analyst glaubt, dass die Modulpreise noch viel weiter sinken könnten, bis zu minus 15 Prozent. 

Christian Laibacher beobachtet als Mann der Praxis Entwicklungen des Marktes aus der Nähe. Seine Erfahrungen sind teilweise nicht so weit entfernt von Henning Wichts Analysen. „Ich habe im dritten und vierten Quartal das Problem gesehen, dass die Hersteller ausverkauft waren. Die Großhändler hatten überall bestellt, um die Ware zu sichern.“ Dann ist der Markt eingebrochen, und die Händler wollten nachverhandeln, um die Preise an die neuen Bedingungen anzupassen. Die Hersteller aber hatten bereits alle Module verkauft und keinen Handlungsbedarf. „Dementsprechend ist der Marktpreis sehr hoch gewesen, das wird sich aber im nächsten Jahr revidieren“, sagt Laibacher. Er sieht, dass der Markt bereits wieder in Bewegung kommt: „Wir haben schon die ersten Gespräche geführt, aber es läuft im Moment nur auf zehn Prozent hinaus.“ 

Seiner Meinung nach müssten die Modulkosten jedoch zwischen 16 und 17 Prozent sinken, um die Senkung der Einspeisevergütung auszugleichen, und er glaubt, dass die Hersteller das auch leisten können.

In den letzten Jahren haben vor allem die hohen und sicheren Renditen Hausbesitzer, Landwirte und größere Investoren in großer Zahl verlockt, ihr Geld in Solaranlagen zu investieren. Wie sieht das im kommenden Jahr aus? Dazu muss man vorwegschicken, dass Renditeberechnungen immer problematisch sind, weil hier viele Annahmen gemacht werden. Das betrifft die Höhe der Systemkosten genauso wie den Schuldzins oder die Laufzeit der Anlage. Geschönte Parameter führen schnell zu falschen Ergebnissen und übertriebenen Erwartungen. 

Unterschiedliche Ergebnisse

„Mit Selbstverbrauch erwarten wir 2011 eine Rendite von acht bis zehn Prozent“, sagt Henning Wicht. Dabei bezieht er sich auf einen mittleren Standort mit einer Einstrahlung von 900 Kilowattstunden und einem Eigenkapitalanteil von maximal 30 Prozent. Den Systempreis für eine kleine Aufdachanlage sieht er Anfang des Jahres bei ungefähr 2.700 Euro pro Kilowatt liegen. Über Ausnutzen des Eigenverbrauchsbonus, eine Laufzeit von 25 Jahren und einen Wiederanlagezins von vier Prozent kommt Wicht selbst für das erste Halbjahr auf etwas mehr als zehn Prozent Rendite.

Die Systemkosten für das nächste Jahr setzt Markus Lohr von EuPD Research bei etwas weniger als 2.700 Euro pro Kilowattpeak an. Bei einer Einstrahlung von 977 Kilowattstunden, wie sie etwa 

im Mittel in München zu erwarten ist, kommt er bei einer zu 100 Prozent eigenfinanzierten Anlage auf eine Rendite von 5,78 Prozent, bei einem Eigenkapitalanteil von 50 Prozent sogar auf 6,31 Prozent. 

Allerdings kommt es, um den Markt einzuschätzen, nicht unbedingt auf die absoluten Zahlen an, sondern wie sich die Renditen verändern. Bei der Berechnung von Henning Wicht liegt die Rendite im ersten Halbjahr 2011 sogar etwas über der des zweiten Halbjahres 2010, bei nur um zehn Prozent gesunkenen Systempreisen.

Optimistische Analysten

Und dazu wird es seiner Ansicht nach auf jeden Fall kommen. Denn während man sich in Deutschland Sorgen macht, werden weltweit die Produktionskapazitäten ausgebaut. Bei den Modulen liegt die angekündigte Jahresendkapazität laut einer Erhebung von iSuppli für Siliziummodule in diesem Jahr bei 33 und für Dünnschicht bei sieben Gigawatt. Im nächsten Jahr soll sie auf 42 und zwölf Gigawatt steigen. „Da entsteht natürlich ein großer Druck, die Produktion auch zu verkaufen“, sagt Wicht. Italien und Frankreich, Japan und die USA werden zurzeit als die wichtigsten aufstrebenden Märkte gewertet, aber die Märkte wachsen nicht genug, um die zusätzlichen Produktionsmengen aufzunehmen. 

Außerdem steht in Deutschland die größte Installationskapazität bereit, die Anschlussverfahren sind etabliert, und viele wünschen sich mehr Solarenergie. Henning Wicht glaubt daher, dass auch die Eigeninitiative der Installateure zum Wachstum des Marktes beitragen wird. „Wir haben eine tatsächliche Installationskapazität von rund einem Gigawatt pro Monat. In Spitzenmonaten wurden über zwei Gigawatt installiert. Diese Firmen werden den Teufel tun und im kommenden Jahr nicht installieren. Sie werden von Haus zu Haus gehen und Solaranlagen verkaufen.“

Markt für Spezialisten

Christian Laibacher ist dagegen an diesem Punkt skeptisch. Er glaubt, dass im Jahr 2011 nur die Spezialisten überleben werden: „Jetzt wird sich die Spreu vom Weizen trennen: Die ganzen Dachdecker- und Gas-Wasser-Firmen, die in den letzten Jahren auch Photovoltaik gemacht haben, werden sich nach und nach vom Markt zurückziehen, weil die Marge auch für die Installateure schlechter wird.“ Am Markt werden sich, so glaubt Laibacher, vor allem die Betriebe halten, deren Kerngeschäft ohnehin der Energiebereich ist. „Das wird mehr in Richtung Eigenverbrauch und Energiemanagement-Systeme gehen, um den Strom im Haus zu verbrauchen.“ 

Erst das nächste Jahr wird zeigen, wer die unterschiedlichen Kräfte, die auf den Markt wirken, richtig eingeschätzt hat. Henning Wicht bleibt übrigens auch Mitte Dezember bei seinen Aussagen vom November, obwohl sich die Stimmen häufen, die Einspeisevergütung noch stärker zu senken. Die Politik habe gar nicht so viele Möglichkeiten, den Zubau zu beschränken. Plane sie etwa eine Extraabsenkung zur Jahresmitte, würde sich vermutlich ein Szenario wie 2010 wiederholen, als die Diskussion um die Absenkung zur Zubaurallye anspornte.

Renditeabschätzungen

Beispiel EuPD Research 100% Eigenkapital 50% Eigenkapital

Systemkosten (Annahme) 2.674 Euro/kWp 2.674 Euro/kWp

Rendite (mod. int. Zinsfuß) 2,84 Prozent 2,59 Prozent

Rentdite (interner Zinsfuß) 5,78 Prozent 6,31 Prozent

Beispiel iSuppli 2. Halbjahr 2010 1. Halbjahr 2011

Systemkosten (Annahme) 3.000 Euro/kWp 2.700 Euro/kWp

Einspeisevergütung 32,88 Cent 28,61 Cent

Return of Invest 10,01 Prozent 10,29 Prozent

Die für den Artikel befragten Analysten kommen bei ihren Berechnungen für die Rendite zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Doch das bedeutet nicht, dass sich einer der beiden verrechnet hat. Es liegt vielmehr an den Voraussetzungen, die in die Rechnung eingehen, und verrät etwas darüber, wie genau man hinschauen muss.

Das Beispiel von EuPD Research für eine Anlage bei München zeigt vier unterschiedliche Renditewerte. 2,84 Prozent kommen etwa zustande, wenn man die Anlage nicht per Kredit finanziert und die jährlichen Ausschüttungen bis zum Stichtag nach 20 Jahren mit einem realistischen Zinssatz von zwei Prozent angelegt werden (modifizierter interner Zinsfuß). Der höchste Wert von 6,31 Prozent kommt zustande, wenn man die Hälfte der Anlage per Kredit finanziert und die jährlichen Ausschüttungen zum gleichen Prozentsatz wie die finale Rendite anlegt. 

Dass man noch höhere Renditen ausrechnen kann, zeigt iSuppli. Das liegt unter anderem daran, dass in diese Rechnung eine Lebensdauer der Anlage von 25 Jahren statt von 20 Jahren eingeht und 80 Prozent der Kosten kreditfinanziert sind. Außerdem gehen die Analysten in dem Beispiel davon aus, dass 30 Prozent des Stromes selbst verbraucht werden, so dass er nach der Eigenverbrauchsregelung vorteilhafter vergütet wird als eingespeister Sonnenstrom. Da durch den Eigenverbrauch weniger Netzstrom gekauft werden muss, ist der Eigenverbrauchsvorteil umso höher, je teurer der Netzstrom ist. Die Analysten rechnen dabei mit einer Strompreisinflation von vier Prozent. Dadurch steigt der Eigenverbrauchsvorteil jedes Jahr. Das erklärt zum Teil auch, dass die Rendite von 2010 zu 2011 nach den iSuppli-Berechnungen leicht steigt, obwohl die Systemkosten mit zehn Prozent weniger sinken als die Einspeisevergütung mit 13 Prozent. Daraus folgen die hohen Zubauprognosen von iSuppli. Dass der Eigenverbrauch in der Höhe von 30 Prozent oft ohne viele zusätzliche Maßnahmen machbar ist, macht das Szenario plausibel, je nach Erwartung an den Strompreis.