Wallboxen sind im Mehrfamilienhaus eine Herausforderung

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pv magazine: Was sind die Erfahrungen, wenn Eigentümer in Mehrfamilienhäusern Wallboxen installieren möchte?

Matthias Suttner: Das Problem ist, bevor ich in einer Wohnungseigentümergemeinschaft Ladestationen aufbauen kann, brauche ich einen Beschluss der Eigentümerversammlung. Wenn es gut läuft, bekommt man den. Oft ist es so, dass in den Eigentümerversammlungen im ersten Jahr die Hausverwaltung beauftragt wird, Angebote einzuholen und sich über das Thema zu informieren. Ein Jahr später in der nächsten Versammlung werden diese Ergebnisse präsentiert und möglicherweise wird dann beim nächsten Schritt abgestimmt. Dieser Entscheidungsprozess in einer Wohnungs-Eigentümergemeinschaft ist langwierig. Das kann auch dazu führen, dass aktuelle Förderungen leider nicht so einfach genutzt werden können.

Muss man in Mehrfamilienwohnungen, egal ob Mietshaus oder Haus mit Eigentumswohnungen, die Ladeinfrastruktur, nicht modular planen?

Ja. In der Vergangenheit war es durchaus so, dass sich der erste Eigentümer oder Mieter sein Elektroauto gekauft hat und eine Ladeinfrastruktur brauchte. Der hat dann einfach eine 22-Kilowatt-Wallbox in die Garage gehängt. Damit ist der Netzanschluss dieses Gebäudes erschöpft. Das ist kein sehr solidarisches Prinzip und wird von daher auch selten in Eigentümergemeinschaften einfach so durchgewunken. Wenn ein Einzelner sich eine Ladestation installieren möchte, muss man eben auch ein gesamtheitliches Konzept machen. Daraus resultiert dann dieser etwas längere Planungshorizont von ein oder zwei Jahren. Es macht wirklich Sinn, vorausschauend zu planen. Das heißt, man baut eine zentrale Verteilung auf. Gerade bei größeren Wohnungseigentümer-Gemeinschaften ist es sinnvoll, einen gemeinschaftlichen Energiezähler zu nutzen, für den man dann die Stromkosten auf das gesamte Objekt umlegt. Das geht oft mit einer kleinen fünfstelligen Summe von zehn- bis zwanzigtausend Euro. Und dann kann man jeden Stellplatz noch mal für ein- bis zweitausend Euro Installationskosten sukzessive mitanbinden. Wenn man jedoch eine Infrastruktur hat, bei der im Keller für zum Beispiel fünf Parteien jeweils die eigenen EVU-Zähler hängen, kann man natürlich auch direkt von jedem Zähler eine Leitung zum Stellplatz legen. Man muss allerdings jedes Mal irgendwo aus dem Elektroraum raus und Brandschotts öffnen und wieder verschließen. Das ist relativ viel Aufwand für die einzelne Installation, was es dann in Summe wieder teuer macht.

Also doch auch da eine gemeinsame Abrechnung?

Ich bin eher der Meinung, dass die zentrale Lösung sinnvoller ist. Vielleicht hat man sogar Einkaufsvorteile, wenn man sich auf einen Stromanbieter einigt und mittelfristig 20, 30 oder mehr Elektroautos dranhängen. Die Abrechnung kann man mit Abschlägen machen und am Jahresende den Restbetrag ausgleichen. Man braucht jemand, der sich um dieses Abrechnungsthema kümmert. Entweder macht man es selbst, also zum Beispiel die Hausverwaltung übernimmt es als Dienstleistung, oder man holt sich einfach einen externen Betreiber rein. Viele Stadtwerke gehen in die Richtung und bieten Abo-Modelle für Ladeinfrastruktur an. Sie offerieren zum Beispiel ein Komplettangebot inklusive Wallbox, Strom und Installation. Manchmal gehen sie auch etwas in Vorleistung bei den Installationskosten.

pv magazine Marktübersicht Elektroauto-Ladelösungen

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Die Anfangsinvestition ist natürlich ein Batzen, wenn nur ein Teil der Bewohner Interesse hat.

Ja, natürlich. Die Stadtwerke tragen im Moment noch öfter einen Anteil davon. Wenn zum Beispiel fünf Parteien die Installation machen und es kostet pro Person 2000 Euro, dann ist im Prinzip diese Grundinstallation gezahlt, die Stadtwerke haben nur keinen Gewinn gemacht. Den holen sie sich dann eben mit einem Vertrag über zehn Jahre, während denen die gesamte Infrastruktur eben mit diesem Partner gemacht werden muss.

Ist das dann noch ein Thema für die Photovoltaik-Installationsbetriebe?

Es ist zumindest eine große Chance für das Elektrohandwerk vor Ort. Jedes Stadtwerk, mit dem wir sprechen, sucht händeringend nach guten Partnern.

Mit „ChargePilot“ bieten Sie ja Lademanagement an, mit dem Sie alle möglichen Wallboxen einbinden können. Man muss es aber extra dazukaufen. Bei etlichen Wallboxen kann man aber bis zu einer bestimmten Anzahl ein Energiemanagement und Lademanagement einrichten. Reicht das im Mehrfamilienhaus?

Ja, das reicht grundsätzlich für kleinere Objekte. Aber eben mit der Einschränkung, dass ich an den Hersteller gebunden bin. Das heißt, wenn ich in ein paar Jahren vielleicht die vierte, fünfte Ladestation an das System anbinden möchte, kann es natürlich passieren, dass der Hersteller möglicherweise das Produkt eingestellt hat, vielleicht gar keine Wallboxen mehr vertreibt, oder dass zukünftige Produkte nicht mehr kompatibel sind. Dann ist das System nicht mehr erweiterbar und ich muss komplett umsteigen. Eine offene Lösung wie „ChargePilot“ ist etwas komplexer, kostet tendenziell auch mehr und macht dann Sinn, wenn ich weiter skalieren möchte. Wenn ich anfangs schnittstellenoffen bleibe und Wallboxen nutze, die kompatibel mit unserem Lade- und Energiemanagementsystem sind und solch ein rudimentäres Energiemanagement haben, geht es natürlich auch. Die kann ich dann auch noch später integrieren.

Wie organisiert man am besten die Abrechnung?

„ChargePilot“ hat im Monitoring eine kostenlose manuelle Abrechnungsmöglichkeit. Wenn man zum Beispiel in einem Mehrfamilienhaus als Hausverwaltung einmal im Jahr Kosten umlegen möchte, kann ich das über dieses Portal machen und eine Excel-Datei ziehen. Das kann man auch als Arbeitgeber für zehn Mitarbeiter mit Elektroautos manuell relativ einfach abbilden. Das ist einfach die günstigste Variante. Wir bieten auch eine automatisierte Abrechnung über eine kostenpflichtige Lösung an. Und man kann andere Abrechnungsdienstleister anbinden. Die Lösungen unterscheiden sich sehr deutlich im Preis und im Funktionsumfang. Manche müssen ja auch öffentliches Laden abbilden. Offene standardisierte Schnittstellen sind wichtig, damit man den Anbieter auch wechseln kann, wenn man andere Funktionen benötigt oder mit dem aktuellen Anbieter unzufrieden ist.

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