Reizthema Sturmschaden an Photovoltaik-Anlagen

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Seit dem ersten April 2015 wird Mathias Muther von einem Bild eingeholt. Es zeigt ein Dach, auf dem Module kreuz und quer liegen. Zwischendrin Montagesystemteile von Aerocompact, ein österreichischer Anbieter, dessen Geschäftsführer Muther ist. Dieses Foto zeige etwas Falsches, sagt er. „Es ist eine falsche Darstellung von unseren Leistungen, von unserem Engineering. Wir haben bei der Anlage nämlich alles richtig gemacht.“ Wenn man das Foto in einem falschen Zusammenhang verwendet und nicht darauf hinweise, was wirklich die Ursache für die Zerstörung der Anlage ist, führe dies „unweigerlich zu einem Missverständnis“, so Muther weiter. Immerhin sei die Photovoltaik-Anlage bis heute mit der Unterkonstruktion und der vorgesehenen Ballastierung in Betrieb.

Als das Foto vor einiger Zeit auch bei uns im pv magazine wieder veröffentlicht wurde, ohne allerdings mit dem Finger auf irgendjemanden zu zeigen, hat er sich entschieden, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Das ist auch deshalb sinnvoll, da man an dem Beispiel lernen kann, was man beim Bau von Photovoltaik-Flachdachanlagen vermeiden sollte.

Am 23. März 2015 begann ein Montagebetrieb dem Bericht in der „Westdeutschen Zeitung“ zufolge mit Umbauarbeiten auf dem Dach der „Grotenburg“, so heißt das Krefelder Fußballstadion. „Dabei wurde begonnen, eine neue Photovoltaik-Anlage mit unser Unterkonstruktion zu errichten“, sagt Muther. Eine Woche später, in der Nacht vom 30. auf den 31. März erreicht das Sturmtief „Niklas“ die Stadt. Morgens um 10:00 Uhr verließen die Arbeiter das Dach. Abends gegen 22:00 Uhr zerstörte der Sturm die Anlage und hinterließ sie so, wie es auf dem Foto zu sehen ist.

Zerstörte Anlage auf dem Stadiondach in Krefeld im April 2015, nachdem der Sturm „Niklas“ über die Stadt gezogen ist. Es sind keine Ballaststeine und keine Windleitbleche zu sehen. Die Installateure mussten die Baustelle wegen des aufziehenden Sturm verlassen und hatten keine Zeit mehr, sie zu installieren. Dadurch war das System nicht windsicher.

Foto: Stadt Krefeld

Auf dem Foto sind zwar durcheinander gewirbelte Module zu sehen, aber keine Ballaststeine und keine Windleitbleche. Die Ballaststeine beschweren das System, so dass es dem Wind besser standhält und nicht verschoben wird. Die Windleitbleiche müssen zum Abschluss der Installation an der Rückseite der Module installiert werden, mit einem kleinen Schlitz zum Modul hin. Bläst der Wind darüber, entsteht ein Unterdruck. „Dadurch wird die abhebende Wirkung des Windes reduziert und durch den Ballast kompensiert“, erklärt Muther.

Daraus folgt Erklärung des Geschäftsführers für den Unfall. „Der Installateur war in der Montagephase und musste unterbrechen, weil der Sturm aufkam. Zu diesem Zeitpunkt waren noch keine Ballaststeine und keine Windleitbleiche montiert. Diese sind jedoch bei uns wie bei anderen Marktteilnehmern wichtige Bestandteile des Systems.“ Daher könne man bei diesem vorübergehenden Bauzustand gar nicht erwarten, dass das nicht fertig installierte System starken Windgeschwindigkeiten standhält.

Vollständige Installation mit Ballastierungssteinen und Windleitblechen. Installateure müssen sicherstellen, dass sie für einen Anlagenbereich immer Ballastierungssteine und Windleitbleche installieren können, bevor sie wegen eines Sturms vom Dach müssen.

Foto: Aerocompact

Wie hoch diese auf dem Dach genau war, ist nicht bekannt. Bei der nächsten Messstation in Düsseldorf wurden der „Westdeutschen Zeitung“ zufolge 76 Kilometer pro Stunde gemessen. Nach DIN EN 1991-1-4/NA muss eine Photovoltaik-Anlage bei einem Mischprofil der Geländekategorien II und III am Standort Krefeld dann in 20 Meter Höhe umgerechnet rund 130 Kilometer pro Stunde aushalten.

Laut Aerocompact war die Ballastierung für das Projekt richtig berechnet worden und solche Windgeschwindigkeiten hätten bei einer fertigen Installation die Anlage niemals beschädigt. „Unsere Anlagen sind mit dem richtigen Ballast sogar für Windgeschwindigkeiten bis zu 250 Kilometer pro Stunde freigegeben und getestet“, sagt Muther. Beim TÜV Rheinland sei in Versagenstests gezeigt worden, dass die Tragwerksstruktur dieser Geschwindigkeit standhalte. Das System sei also mechanisch auf entsprechende Geschwindigkeiten auslegbar.

Nach Aussage von Mathias Muther gibt es auch bereits Standorte, wo Systeme für diese Maximalgeschwindigkeit entsprechend von Windgutachten des I.F.I Instituts für Industrieaerodynamik ausgelegt wurden, eine der bekannten Adressen für solche Aufgaben. „Sie sind auch in Hurrikan-Gebieten wie Puerto Rico, der Dominikanischen Republik und den Bahamas installiert“, sagt er. Mit dem System sei weltweit bereits eine Photovoltaik-Leistung von über einem Gigawatt installiert. „Es liegt keine einzige Beanstandung vor“, sagt Muther.

Solche eine Aussage lässt sich ebenso wenig wie bei anderen Systemen überprüfen. Im Fall Krefeld zeige sich aber auch an der Zahlungsbereitschaft der Versicherung des Installateurs oder Betreibers, dass Aerocompact nichts für die Verwüstung durch den Sturm kann. Außerdem sei die Anlage mit dem gleichen Aerocompact-System, mit der ursprünglich berechneten Ballastierung und vom gleichen Installationsbetrieb wiederaufgebaut worden, so Muther. Dort steht sie bis heute.

Eine Lehre solle man aus dem Zwischenfall aber trotzdem ziehen, so Muther. Man solle die Installationsanleitung der Hersteller ernst nehmen. In der 2015 gültigen Version habe auf Seite 17 gestanden: „Verlassen sie die Baustelle erst, wenn bei jedem Modul das Windleitblech und der Ballast laut Ballastplan verbaut ist.“ Damit man das Dach auch dann verlassen kann, wenn man vom Sturm überrascht wird, müsse man eben schrittweise, „Modulfeld für Modulfeld“ bauen, so Muther. Also, die Photovoltaik-Anlage bereichsweise vollständig montieren, bevor man Unterkonstruktion und Module für den nächsten Bereich aufs Dach bringt.

Allerdings darf man wohl bezweifeln, dass man im Falle von „Niklas“ wirklich so leicht überrascht werden konnte. „Damals berichteten die Medien auch im Vorfeld intensiv darüber“, sagt Muther. Ob man in einem geplanten Installationszeitraum mit einem Sturmereignis rechnen muss, kann man zum Beispiel bei Deutschen Wetterdienst oder seiner App in Erfahrung bringen, sagt DWD-Pressesprecher Uwe Kirsche.