Agora Energiewende fordert Sofortprogramm zur Senkung der Redispatchkosten

Zu Jahresbeginn sorgte der Übertragungsnetzbetreiber Tennet für Aufsehen, als er die Erhöhung seiner Redispatchkosten auf etwa eine Milliarde Euro im vergangenen Jahr bekanntgab. Agora Energiewende legte nun die Studie „Toolbox für die Stromnetze“ vor, die verschiedene Maßnahmen aufzeigt, die die Transportkapazitäten der bestehenden Übertragungsnetze innerhalb von zwei bis vier Jahren erheblich vergrößern würden. Ein flächendeckendes Sofortprogramm sei notwendig, um die Funktion des Strommarktes deutlich zu verbessern, heißt es von dem Berliner Think-Tank am Dienstag. Netzeingriffe wie der Redispatch von Kraftwerken und die Abregelungen von Windkraftanlagen auch bei steigenden Anteilen Erneuerbarer wären damit seltener nötig.

Als kurzfristige Maßnahmen sieht Agora Energiewende vor allem den Einsatz von Hochtemperaturleiterseilen, mit denen sich bis zu doppelt so viel Energie über vorhandene Hochspannungstrassen transportieren lässt, und den Einbau von speziellen Transformatoren etwa an Umspannwerken, mit denen sich Strom von stark belasteten Netzabschnitten auf freie Netzabschnitte umleiten lässt. Mit einer kontinuierlichen Temperaturüberwachung ließe sich zudem die Leistungsfähigkeit der bestehenden Freileitungen weiter erhöhen. Langfristig könnte eine optimalere Nutzung der Höchstspannungsnetze mit einer automatisierten Steuerung erreichen. Mit diesen Maßnahmen zur Netzoptimierung lasse sich die Zeit bis zur Fertigstellung der neuen Stromautobahnen Mitte des kommenden Jahrzehnts überbrücken, heißt es bei Agora Energiewende weiter. Zudem müsse damit nicht der Ausbau von Photovoltaik, Windkraft und Co. gedrosselt werden und die Redispatchkosten würden begrenzt.

„All diese Maßnahmen sind Stand der Technik“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, mit Blick auf die Vorschläge. Problem sei, dass sie nicht flächendeckend genutzt würden. „Es geht jetzt darum, rechtliche und regulatorische Hindernisse zu beseitigen, um mehr aus den bestehenden Netzen herauszuholen. Ziel muss es sein, schon 2020 deutlich mehr Strom durch unser Bestandsnetz zu transportieren, weil der dringend notwendige Ausbau der Stromautobahnen erst nach 2025 abgeschlossen sein wird“, so Graichen weiter.

Agora Energiewende befasst sich in der 80-seitigen Studie auch mit der Netzentwicklung ab dem Jahr 2030. Zur Netzoptimierung sei dann die Einführung einer automatisierten Systemführung der Stromübertragungsnetze notwendig. Die Digitalisierung der Stromleitungen könne drohende Netzengpässe dann in Echtzeit verhindern. Die Zahl der Netzeingriffe, die möglicherweise unnötig sind, aber dennoch vorsichtshalber durchgeführt werden, lässt sich so vermindern, wie es bei dem Berliner Think-Tank weiter heißt.

Das sei allerdings noch „Zukunftsmusik“. Es müssten viele Fragen geklärt werden, um das hohe Sicherheitsniveau aufrechtzuerhalten. „Damit solche innovativen Mittel im nächsten Jahrzehnt eingesetzt werden können, sollte die Bundesnetzagentur eine Roadmap mit den notwendigen Umsetzungsschritten entwerfen“, fordert Graichen. „Denn durch die automatisierte Betriebsführung könnte perspektivisch der bisher für die Zeit nach 2035 geplante zusätzliche Netzausbau fast vollständig ersetzt werden.“