Es geht auch um Symbolik

pv magazine: Sie haben zusammen mit anderen Unternehmen aus der Eco Innovation Alliance ein Schreiben veröffentlicht, in dem es heißt, dass Start-ups und Innovationsunternehmen mit disruptiven Energien und unkonventionellen Herangehensweisen ganz entscheidende Beiträge zur Energie-, Wärme- und Mobilitätswende leisten können. Wo stehen große und disruptive Ideen heute im Raum?

Philipp Schröder: Da machen wir jetzt mal Buzzword-Bingo. Das beste Beispiel ist für mich unser gemeinsames Projekt mit Tennet: Wir haben einen Speicherpool, wir sind Energielieferant und wir sind Bilanzkreismanager. Nur so können wir Tennet beim so genannten Redispatching alle dafür notwendigen Funktionen aus einer Hand anbieten und Tennet kann direkt darauf zugreifen. Die Transaktionen zwischen Netzbetreiber und unseren Speichern können wir über – jetzt kommt das Buzzword – Blockchain abbilden. Und das ist erst der Anfang, denn auf diesem Weg lassen sich ja alle möglichen Netzdienstleistungen auf nationaler oder auch regionaler Ebene umsetzen. Wir glauben, dass man ähnliches auch in anderen Märkten machen kann. In Australien ist es ähnlich, ebenso in verschiedenen europäischen Märkten und zeitnah auch in Asien.

Dann gehen wir mal weg von den Buzzwörtern. Es laufen gerade die Koalitionsverhandlungen. Was kann die Politik tun, um solche Entwicklungen zu fördern?

Wir sehen einen Dreiklang: Wir sehen die FDP als Chance, weil auch wir von der bürokratischen Energiewende weg wollen. Wir sehen die Grünen als Garant für Nachhaltigkeit und die Energiewende. Und wir hoffen, dass die CDU versteht, dass der Wohlstand in Deutschland davon abhängt, ob wir im Energie- und Mobilitätsbereich in den nächsten zehn Jahren Unternehmen hervorbringen können, die global im Export eine Chance haben.

Was sind konkret die Hoffnungen in die FDP?

Wir haben eine relativ gute Chance, dass wir durch die FDP marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen und faire Wettbewerbsbedingungen bekommen. Dazu muss man Hürden abbauen. Ein Stichwort ist zum Beispiel, dass ein Speicher auch Strom ins Netz zurückspeisen darf, um an der Strombörse zu handeln, ohne Endverbraucherabgaben zahlen zu müssen. Auch Themen wie die Direktvermarktungspflicht sind interessant. Wir sind ja gar nichts gegen eine Absenkung dieser Grenzen. Ich glaube, dafür ist die FDP gut. Auch dafür, dass man vielleicht tatsächlich das EEG aufgibt und sich überlegt, wie ein Marktmodell aussehen kann, das danach funktioniert. Wir wollen weg von diesem ewigen Kampf nach mehr Vergütung und hin zu einem Marktmodell, in dem nach dem Verantwortungsprinzip Kosten allokiert werden. So schafft man den Marktplatz, auf dem wir wettbewerbsfähig arbeiten können.

… und Ihre Hoffnungen in die Grünen?

Auf der anderen Seite hoffen wir, dass die Grünen der Garant für die ökologischen Prämissen sind, die wir auch in der Energiepolitik nicht aus den Augen verlieren sollten. Deswegen hoffen wir einfach mal, dass die Mischung vielleicht zu einem wirtschaftsliberalen Befreiungsschlag führt und auf der anderen Seite trotzdem ein konsequentes Weiterverfolgen der Energiewende gesichert ist.

Bei der CDU haben Sie Ihre Hoffnung verhaltener formuliert. Richtig?

Ich persönlich finde sehr spannend, was man im Kanzleramt in Person von Kanzleramtsminister Peter Altmaier erkannt hat. Dort hat man erkannt, dass es Plattformindustrien gibt, in denen Deutschland Exportmöglichkeiten hat. Diese Plattformindustrien sind durch die Sektorenkopplung Energie und Mobilität. In diesen Bereichen kommt der große Wandel und Peter Altmaier sieht den Zugzwang. Wir müssen uns überlegen, welche Produkte in Deutschland so erfolgreich werden können, dass sie zu einem Exportschlager werden, um unseren Wohlstand zu sichern. Man sieht auch das Risiko. Wenn Deutschland den Anschluss verpasst, werden wir ein echtes Problem bekommen.

Wir müssen für die Energiewende aber auch den Photovoltaik-Zubau steigern. Im Großanlagenbereich kann man das relativ einfach über Erhöhung von Ausschreibungsquoten machen, aber gerade im Gewerbe- und im Einfamilienhausbereich ist die Frage, was die Politik überhaupt für Möglichkeiten hat.

Wenn man marktwirtschaftlich denkt muss man über das Verursacherprinzip reden. Um das konsequent umzusetzen, muss man Kosten richtig allokieren und sich fragen, was die volkswirtschaftlichen Kosten von Entscheidungen sind.

Warum haben die Erneuerbaren bei einem fairen Wettbewerb gute Aussichten?

Wir haben viel bessere Möglichkeiten, Flexibilität zu garantieren und die im Markt darzustellen. Außerdem ist Solarenergie zwischenzeitlich noch einmal wesentlich günstiger geworden und deswegen ist es volkswirtschaftlich in unserem Interesse, sie weiter auszubauen. Wir setzen uns dafür ein, die Ausbauziele für die Photovoltaik deutlich hochzusetzen, ebenso im Windbereich. Wir müssen das erklären, dass die Kilowattstunde Strom aus Solar- und Onshore-Windanlagen die günstigste ist. Dann müssen wir im zweiten Schritt erklären, dass das System viel weiter ist als viele Politiker, insbesondere bei der FDP glauben. Die Themen Flexibilität, Smart Metering, Direktvermarktung, Energiespeicher sind in den letzten fünf oder sechs Jahren in Deutschland mitgewachsen. Dadurch ist das System ist bereit für eine Energiewende, in der wir Subventionen abbauen und vielleicht auf das EEG ganz verzichten. Bestimmte Steuerungselemente wird es sicherlich noch brauchen. Die hat es auch bei Kohle, Gas und Atomkraft immer gebraucht. Wenn wir hinbekommen, das zu erklären, dann könnte man sich auf neue Lösungen und faire Marktbedingungen einigen. Es wäre ein Punktsieg für die FDP und auch für die CDU, wenn das EEG als solches nicht mehr besteht und sich auf einen anderen Namen einigt. Das ist eine Chance, auf der anderen Seite günstige Bedingungen zu bekommen. Es geht ja auch um Symbolik.

Trotzdem muss es sich ja für Investoren lohnen, in Solaranalagen und Speicher zu investieren.

Bestimmte eteuerliche Anreize sind sinnvoll und gerechtfertigt. Die kann man begründen. Es macht nun einmal Sinn, dass private Investoren selber eine Solaranlage und einen Speicher bauen und das muss attraktiv bleiben. Das kann man erreichen, indem man zum Beispiel die Themen Stromsteuer und EEG-Umlage für den Eigenverbrauch überdenkt. Jetzt sind wir beim Klein-Klein. Es kann jedenfalls auch ohne EEG funktionieren. Natürlich haben wir als Firma auch ein Interesse daran, noch mehr auf Eigenverbrauch zu gehen, auch um das Netz zu entlasten und das Netz bereit zu machen für noch höhere Lasten im Bereich von Erneuerbaren. Wir sind bei den Grünen eng involviert. Wir haben inzwischen auch im Kanzleramt ein ganz gutes Ohr und jetzt müssen wir vor allem an der FDP signalisieren, dass wir auch bereit sind, zu übernehmen, selbst wettbewerbsfähige Produkte in den Markt zu bringen.

Ich will noch an einer anderen Stelle einhaken, den Exporten der Zukunft. Energie und Mobilität als die große Chance für Deutschland. Wenn wir nach China schauen, sehen wir eine sehr engagierte Zielsetzung. In fünf Jahren darf eine Batterie dort nur noch so und so viel kosten, die Effizienz der Solarmodule muss jedes Jahr um so und so viel Prozent steigen. Ist es sinnvoll, dass man solche Ziele setzt und kann man dagegen konkurrieren?

Das funktioniert in einer Planwirtschaft ganz gut. Allerdings muss man sich die Unternehmen auch genau ansehen. Man sagt nicht zu Unrecht, dass viele nicht mehr wirtschaftlich agieren können. Die sind einfach sehr gut finanziert und bekommen planwirtschaftliche Ziele. Wir sind nun mal keine Planwirtschaft. Wir haben Gott sei Dank auch kein Regime, das so arbeitet. Es ist außerdem fair, wenn man eine gewisse Technologieoffenheit beibehält und den Marktplatz ertüchtigt. Das ist der Vorschlag, den wir gegenüber dem Kanzleramt konkret gemacht haben.

Jetzt kommen Sie wieder auf das Schreiben der Eco Alliance zu sprechen.

Genau. Wir haben absichtlich nicht gesagt: Befreit Energiespeicher in Deutschland von der Steuer. Sondern wir haben gesagt: Sorgt doch bitte dafür, dass Technologieunternehmen in Deutschland so wettbewerbsfähig Kapital einsammeln können, dass sie in der Lage sind, dies oder das zu tun. Momentan geht Geld in Fördertöpfe. Zum Beispiel dafür, dass RWE für sieben Millionen Euro Ladesäulen baut oder dass BMW über die Mobilität der Zukunft nachdenkt. Es gab einmal eine Zeit, da sind in Deutschland Unternehmen wie BMW, Horch, Daimler oder Bosch entstanden. Das war die Gründerzeit, in der Technologie erfunden worden ist. Die ist nicht vom Staat aufoktroyiert worden.

Was fehlt heute, damit es wieder eine Gründerzeit gibt?

Wir haben ein großes Problem. Auf der einen Seite sind die Bedingungen dafür da: Wir haben einen liberalisierten Strommarkt. Wir haben Leute, die tolle Dinge vorhaben, zum Beispiel die Elektro-Scooter für die Post bauen. Wir haben Lilium mit dem Flugzeug für jedermann oder eben auch Sonnen. Es gibt viele gute Innovationen, aber wir haben keine Chance gegen die normative Kraft des Faktischen im Silicon Valley und in China. Unser Problem ist daher nicht, dass die deutsche Regierung eine Regulierung erlässt, die dann dazu führt, dass nur noch ein bestimmter Brennwertkessel zugelassen wird und sich ein Hersteller freut, oder nur ein bestimmter Energiespeicher zugelassen wird, so dass sich Sonnen freut. Sondern wir brauchen Hundert Sonnen, Hundert Sono Motors und Hundert Liliums, die im Wettbewerb miteinander stehen, Technologien zu entwickeln. Stattdessen haben wir in Deutschland eine Innovationsförderung, die auf bürokratische Förderprogramme aufbaut und sich an Konzerne richtet. Was bringt es uns denn, wenn wir einen National Champion heranzüchten, der nur in Deutschland National Champion sein kann, aber im Ausland nicht wettbewerbsfähig ist? Das bringt der Volkswirtschaft gar nichts, weil unser Markt nicht groß genug ist.

Wie ist es möglich, diese Hunderte von Unternehmen zu finanzieren?

Wir haben keinen Innovations-Hub und keinen Zufluss von Kapital. Ich gebe ein Beispiel, wie es anders gehen kann: In Frankreich gibt es ein Programm, nach dem Investitionen in Start-ups abschreibungsfähig sind. Das heißt, wenn Sie und ich mit unserem Lohn, in einen Fonds investieren würden, der in Start-ups investiert, oder direkt in ein Start-up, könnten Sie von der Lohnsteuer als ganz normaler Otto Normalverbraucher Geld absetzen. Dadurch fließt Geld in junge Technologieunternehmen. Dasselbe passiert im Silicon Valley und dasselbe passiert durch staatliche Maßnahmen in China. Deswegen gibt es dort Wertschöpfungsketten, die wie ein Turbolader für Technologien wirken. Wir haben diesen Turbolader nicht, obwohl wir technisch und auch von der Infrastruktur die Voraussetzungen hätten, mit so einem Turbolader in Deutschland Ideen zu erdenken, die auch exportfähig sind.

Sonnen ist doch der gegenteilige Beweis, dass es möglich ist, als deutsches Unternehme, sehr viel Geld einzuwerben.

Aber wir sind die Ausnahme und glauben Sie mir: Ich kenne viele Momente in der Geschichte von Sonnen, wo wir auch beinahe gescheitert wären. Wir haben hart gearbeitet, aber auch Glück gehabt. Dadurch haben wir Möglichkeiten, die andere so nicht haben. Wir brauchen mehr Innovationskraft durch Firmen, die auch mal scheitern. Und ein Scheitern können Sie nur finanzieren, wenn Sie eine Abschreibemöglichkeit haben wie in den USA und Frankreich. Die Alternative, auf die man derzeit in Deutschland setzt, sind Förderprogramme und Gründerfonds. Der deutsche Gründerfonds finanziert zwei Millionen Euro. Das ist lächerlich. Ebenso die KfW-Programme. Wir sind kein Beispiel dafür, dass es in Deutschland gut läuft. Die Bundesregierung und der deutsche Standort waren für uns nur ein Nachteil. Wir mussten uns alles selber irgendwo holen. Wir haben die Finanzierung aus Europa, aus dem Silicon Valley und aus Asien. Keiner unserer Investoren, der in den letzten beiden Jahren für die spätere Wachstumsphase bei uns eingestiegen ist, kommt aus Deutschland.

Das Gespräch führte Michael Fuhs.