Agora Energiewende skizziert das große Bild

Agora Energiewende hat am Dienstag in Berlin sein Impulspapier „Energiewende 2030: The Big Picture“ präsentiert. Auf mehr als 80 Seiten hat der Berliner Think-Tank alle seine bisherigen Arbeiten zusammengetragen und daraus die Trends, Ziele, Strategien sowie eine 10-Punkte-Agenda für die zweite Phase der Transformation hin zu einem erneuerbaren Energiesystem abgeleitet. Hintergrund ist, dass Deutschland seine zugesagten Klimaschutzziele bis 2030 erreicht, die eine Minderung der Treibhausgase um 55 Prozent gegenüber 1990 vorsehen. Neben der Versorgungssicherheit stehen auch bezahlbare Energiepreise für Privathaushalte und Industrie dabei im Fokus.

„Die nächste Legislaturperiode wird entscheidend sein, wenn es um das Erreichen der Klimaschutzziele geht“, sagt Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende, bei der Vorstellung der Studie mit Blick auf die Bundestagswahl im Herbst. So müsse die Stilllegung der Braunkohlekraftwerke angegangen werden, was ein mehrjährige Vorlaufzeit brauche. Auch eine Reform des Abgaben- und Umlagensystems auf fossile und erneuerbare Energien müsse dringend angepackt werden, um die Investitionen in die richtigen Bahnen zu lenken, so Graichen weiter. Dies betreffe neben dem Stromsektor vor allem auch den Wärme- und Verkehrsbereich, in dem die Energiewende gleichermaßen vorangetrieben werden müsse, um die Klimaschutzziele und die versprochene Dekarbonisierung bis 2050 zu erreichen.

Insgesamt sieben Ds der Energiewende hat der Berliner Think-Tank identifiziert. Dahinter verbergen sich Trends, die das Energiesystem in den kommenden Jahren prägen werden. Für Agora Energiewende sind es: Degression der Kosten, Dekarbonisierung, Deflation der Energiepreise, Dominanz der Fixkosten, Dezentralität, Digitalisierung und Demokratisierung. Diese Trends würden sowohl national als auch international die Richtung vorgeben, in die sich die Energiesysteme entwickeln.

Die stark gesunkenen Kosten für Photovoltaik und Windkraft hebt Graichen hervor. Nach Berechnungen von Agora Energiewende sei das Ausbauziel im Stromsektor leicht zu erhöhen. Es müsse einen Anteil von 60 Prozent bis 2030 geben, was aber zu erreichen sei, wenn die derzeitigen Ausbaukorridore der Bundesregierung künftig eingehalten würden, sagt Graichen. „Die gute Nachricht lautet: Die notwendigen Technologien für den Schritt bis 2030 sind alle kostengünstig vorhanden. Die herausfordernde Botschaft ist aber auch: Jetzt geht es nicht mehr um die Integration von ein paar Wind- und Solaranlagen, sondern es steht die umfassende Transformation der Energiesektoren Strom, Wärme, Verkehr an“, so Graichen weiter. In der zweiten Phase der Energiewende müsse dabei „efficiency first“ einen neuen und herausgehobenen Stellenwert erhalten. Zudem müsse die Energiewende nun stärker in den europäischen Kontext eingebettet werden.

Die zehn Punkte für eine Agenda Energiewende setzt der Berliner Think-Tank schließlich aus den „Megatrends“ und den Kernelementen für eine kosteneffiziente Energiewende zusammen. Zu den 7Ds gesellen sich damit noch die Strategien: massive Steigerung der Effizienz, Ausbau der Erneuerbaren sowie Abschied von Kohle und Öl. Damit lasse sich der volkswirtschaftliche Nutzen der Energiewende maximieren und die Kosten minimieren. „Die Energiewende ist aufgrund der stark gesunkenen Kosten für erneuerbare Energien und Batterien inzwischen auch zu einem Wettbewerbsthema zwischen den Volkswirtschaften geworden“, erklärt Graichen weiter. „Viele Regionen der Welt ziehen beim Wind- und Solarausbau gerade massiv nach, manche – wie China und Kalifornien – sind dabei, Deutschland zu überholen. Wir dürfen jetzt daher nicht nachlassen, sondern sollten die Energiewende mit einer Industriepolitik flankieren, damit Deutschland von dem rasant wachsenden globalen Markt der Energiewende-Technologien profitiert.“

Eine weniger wichtige Rolle spielen in den Szenarien von Agora Energiewende die Speichersysteme. Sie kommen quasi gar nicht vor. Graichen meint, dass sie nicht relevant für das Stromsystem bis 2030 würden. Zwar würden private Photovoltaik-Anlagen dann wohl fast ausnahmslos mit Heimspeichern installiert und auch Photovoltaik-Anlagen, die aus dem EEG fallen, nachgerüstet, dennoch spiele dies nur eine untergeordnete Rolle. Angesprochen auf die in Deutschland realisierten oder geplanten Großspeicherprojekte – etwa von Wemag, Steag oder LEAG – sagt Graichen, dass er nicht glaube, dass sich die Projekte über die Erbringung von Primärregelenergie wirtschaftlich betreiben ließen. Agora Energiewende geht davon aus, dass vor allem Gaskraftwerke 2030 in diesem Bereich eingesetzt werden.