Wenn Naturgesetze auf Systemfehler stoßen: Warum wir unseren Energiereichtum verschwenden

Eco Stor, Großspeicher, Bollingstedt

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Wir sind eigentlich reich, vor allem an Solarenergie, wie es der 26. April eindrucksvoll gezeigt hat. An diesem Tag hätten wir uns rechnerisch zu 100 Prozent aus Erneuerbaren versorgen können. Aber wir konnten es nicht, die Erneuerbaren mussten abgeregelt werden, wertvolle Energie aus Wind und Sonne konnte nicht gespeichert werden. Trotz der Abregelungen von 11,5 Gigawatt Solar- und Windleistung fiel der Strompreis auf bis zu -500 Euro pro Megawattstunde. Allein dieser Tag bescherte den Steuerzahlern eine Rechnung von etwa 266 Millionen Euro. Und zwar nur dafür, dass Stromüberschüsse entsorgt und staatliche Garantievergütungen und teure Netzeingriffe gezahlt werden mussten. Und nur wenige Stunden später mussten wir Strom aus Gas für +200 Euro pro Megawattstunde erzeugen. Aus einem Brennstoff, den wir nicht haben, für den geopolitische Konflikte geführt werden und der uns im kommenden Winter erneut fehlen könnte.

Das ist kein Naturgesetz. Das ist ein Systemfehler. Wir haben Energiereichtum, aber wir können ihn nicht nutzen. Und wir zahlen sogar dafür, dass wir ihn nicht nutzen.

Die erste Phase der Energiewende war erfolgreich: Photovoltaik und Windkraft sind heute die günstigsten Stromquellen. Doch mit steigenden Anteilen erneuerbarer Energien verändern sich die Anforderungen. Entscheidend werden nun Flexibilität und Speicher. Stromspeicher sind daher kein Zusatz, sie sind vielmehr die Voraussetzung für ein funktionierendes System. Sie können die Lücke zwischen Erzeugung und Verbrauch schließen und damit eine sichere und kosteneffiziente Versorgung ermöglichen.

Gerade Bayern verfügt mit rund 27 Gigawatt installierter Photovoltaik-Leistung über einen enormen Energiereichtum. Speicher könnten diesen Vorteil nutzbar machen. Doch während sie im privaten und gewerblichen Bereich bei Neuanlagen längst Standard sind, spielen sie im Stromsystem bisher nur eine Nebenrolle.

Die Gründe sind bekannt. Genehmigungen dauern zu lange, das aktuelle Planungsrecht schafft mehr Unsicherheit als Sicherheit. Investoren finden keine verlässlichen Rahmenbedingungen. Es werden sämtliche regulativen Scheren und Sägen angesetzt, um die wachsende Pflanze des Speicherhochlaufs im Zaum zu halten. Nur ist das kein leichter Heckenschnitt, sondern eine radikale Kappung von Wachstumstrieben. Oder ganz einfach: Speicher scheinen trotz gegenteiliger Fensterreden politisch nicht gewollt zu sein. Ist es, weil die Politik Vorbehalte gegen eine Infrastrukturleistung hat, die privat finanziert und somit außerhalb ihres direkten Einflussbereichs ist? Die Folge ist, dass Investitionen abwandern und hier nicht passieren. Die Standortentscheidungen für den Speicherhochlauf fallen jetzt und Bayern droht, sie zu verlieren.

Dabei wäre der Freistaat nicht machtlos. Schnellere Verfahren, klare Flächenpolitik und verlässliche Rahmenbedingungen könnten Investitionen in Batteriespeicher ermöglichen und beschleunigen. Doch selbst das reicht nicht aus. Denn die zentrale, eigentliche Frage entscheidet sich nicht in München, sondern in Berlin.

Die energiepolitische Debatte auf Bundesebene bewegt sich zunehmend in Richtung einer Gas-only-Strategie. Das ist problematisch. Sie ist teurer als technologieoffene Ansätze und verstärkt die Abhängigkeit von Importen. Andere Länder zeigen dabei durchaus, dass es anders geht. So setzt Großbritannien auf technologieoffene Kapazitätsmärkte und verbindet so Versorgungssicherheit mit Kosteneffizienz. Große Batteriespeicher spielen dabei eine zentrale Rolle.

Uns ist völlig klar, dass Gaskraftwerke auch künftig eine Rolle spielen werden. Doch eine einseitige Ausrichtung auf Gas ist weder resilient noch wirtschaftlich sinnvoll.

Gleichzeitig wird über die Kosten dieser Strategie kaum gesprochen. Dabei steht schon jetzt fest, wer sie tragen muss, nämlich Industrie und Haushalte. Also wir alle. Denn europarechtlich gilt das Verursacherprinzip: Die Hauptlast tragen diejenigen, die ihren Verbrauch in Knappheitssituationen nicht flexibel anpassen können.

Dabei liegen die Lösungen auf dem Tisch. Berechnungen zeigen: Mit einer Speicherleistung von rund 50 Gigawatt könnten große Teile der aktuellen negativen Preiseffekte vermieden werden. Überschüssige Energie würde gespeichert und später genutzt, statt verloren zu gehen und durch teure fossile Energie ersetzt zu werden. Diese Größenordnung ist erreichbar. Die Netzbetreiber haben bereits deutlich höhere Anschlussleistungen für Speicher genehmigt. Entscheidend ist nun die schnelle Umsetzung.

Die wirtschaftlichen Chancen dieser Richtung wären erheblich. Eine Gas-only-Strategie ist nicht nur ineffizient. Sie ist die teuerste Option. Und damit ein trojanisches Pferd für Verbraucher und Industrie. Während Gaspreise zuletzt stark gestiegen sind, zeigt sich gleichzeitig, wie stabil und günstig erneuerbare Energien sein können.

Hierin bestätigt sich eine neue Gewissheit: Bei der Umstellung auf Strom hat die ökonomische Vernunft die Seite gewechselt. ‚All-Electric‘ ist vom grünen Experiment zum wirtschaftlichen Standard geworden. Wir haben Energiereichtum, aber ein System, das uns zwingt, ihn zu verschwenden. Lasst uns doch daran arbeiten, dieses System zu verbessern.

Georg Gallmetzer, Mitbegründer und Geschäftsführer von Eco Stor— Der Autor Georg Gallmetzer ist Mitgründer der Eco Stor GmbH, Chief Business Development Officer und Geschäftsführer. Er verantwortet den Bereich der Projektentwicklung, Regulierung, Kommunikation und Geschäftsentwicklung. Gemeinsam mit seinen Teams sorgt er für die Gestaltung des Regulierungsrahmens für Batteriespeicher in Deutschland, entwickelt baureife Großspeicherprojekte und innovative Geschäftsfelder für die Stärkung der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens im Umfeld der Energiewende. https://www.eco-stor.de/de

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