Photovoltaik-Hersteller stehen am Beginn eines neuen Abschwungs

„Wir sind in einem frühen Stadium des nächsten Abschwungs des Solarmodul-Ökosystems.“ Dies schrieben die Analysten von Roth Capital Partners vor rund einem Monat. Sie erwarten für mindestens die nächsten 1,5 Jahre ein schwerwiegendes Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. „Der Sektor sieht sich dem perfekten Sturm gegenüber, da es 2017 eine schwache Nachfrage in den Top3-Ländern – USA, Japan und China – geben wird, während die Tier1- und Tier2-Hersteller gemeinsam Zellkapazitäten von 12 Gigawatt im Jahr 2016 aufgebaut haben, was die vor uns liegende Gefahr und Herausforderung noch verschlimmert“, schreiben die Analysten.

Bereits Anfang März dieses Jahres bekam das Thema Überkapazitäten einen gewissen Stellenwert. Seither versuchen die Analysten von Roth Capital herauszufinden, wie stark und lang der Abschwung diesmal für die Photovoltaik-Hersteller sein könnte. Die Situation erinnert sehr an 2011/2012, als viele Modulhersteller in Folge von Überkapazitäten und Preisverfall vom Markt verschwanden. Auch jetzt seien wieder deutliche Rückgänge bei den durchschnittlichen Verkaufspreisen und in Folge dessen bei den Margen der Photovoltaik-Hersteller zu verzeichnen. Bis der Boden erreicht sei, sei es voraussichtlich noch ein langer Weg, so die Analysten weiter.

Während der durchschnittliche Verkaufspreis (ASP) für Solarmodule im ersten Quartal noch bei 53 bis 58 US-Dollarcent pro Watt gelegen habe und auch im zweiten Quartal stabil geblieben sei, sei mit Beginn des zweiten Halbjahrs ein deutlicher Abwärtstrend zu verzeichnen. Im vierten Quartal werde der ASP wohl 47 US-Dollarcent pro Watt erreichen, je nachdem wo die Hauptsatzmärkte der Hersteller seien. Dies sei allein im zweiten Halbjahr 2016 eine Preisreduktion von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es sei aber auch denkbar, dass der ASP bis Jahresende auf 43 US-Dollarcent pro Watt sinke, was an die sogenannten „cash costs“ einiger Hersteller herankommen dürfte. Im kommenden Jahr könnten die Preise dann bis auf 34 US-Dollarcent pro Watt sinken, was die Bruttomargen von Herstellern deutlich wird fallen lassen.

Der neuerliche Preisverfall bei Solarmodulen könnte zu einem stärkeren Photovoltaik-Zubau in einigen Ländern führen, so die Analysten in ihrem Papier. Sie gehen allerdings erst einmal von einer deutlich schwächeren Photovoltaik-Nachfrage im zweiten Quartal und vor allem auch im kommenden Jahr aus. Nach knapp 72 Gigawatt Zubau in diesem Jahr dürften es im nächsten Jahr nur noch 64 Gigawatt sein. Dies liege vor allem an der erwarteten Schwäche der derzeit drei größten Märkte, die rund acht Gigawatt im Jahresvergleich weniger zubauen dürften. Die USA dürften in diesem Jahr auf 14,5 Gigawatt neu installierte Photovoltaik-Leistung kommen; 2017 dann noch auf 12 Gigawatt. In China sei ein Rückgang von geschätzten 18-20 Gigawatt in diesem Jahr auf dann noch 15 Gigawatt zu erwarten. In Japan gehe es von 7,5 auf 5,5 Gigawatt zurück.

Die Kürzung der Photovoltaik-Einspeisetarife in China zur Jahresmitte hat bereits 2016 den verstärkten Preisverfall ausgelöst. Nun haben im Laufe des Jahres viele Photovoltaik-Hersteller, gerade in China, ihre Kapazitäten massiv ausgebaut oder sind noch dabei. So erwarten die Analysten von Roth Capital, dass allein für Solarzellen zwölf Gigawatt Kapazitäten in diesem Jahr dazukommen. Daraus ergebe sich für das kommende Jahr angesichts der sinkenden Nachfrage um acht Gigawatt ein Ungleichgewicht von rund 20 Gigawatt. Bis sich ein neues Gleichgewicht herstellt, werde es voraussichtlich mindestens bis zum Jahresende 2017 dauern. Auch 2011/2012 habe der Abschwung etwa 1,5 Jahre die Photovoltaik-Hersteller im Griff gehabt.

In diesem Jahr dürften die Preise für Solarmodule um etwa 20 Prozent sinken, allerdings seien auch bis zu 30 Prozent im Jahresvergleich denkbar. Hersteller, die nicht bereit seien, ihre Preise zu senken, dürften Schwierigkeiten bekommen, Käufer zu finden, heißt es in dem Papier weiter. Dieser Trend werde sich auch im kommenden Jahr unvermindert fortsetzen, so dass die durchschnittlichen Verkaufsreise dann auf bis zu 34 US-Dollarcent pro Watt sinken dürfen.

BNEF geht von höherer Nachfrage 2017 aus

Ähnlich ist auch die Markteinschätzung bei den Analysten von Bloomberg New Energy Finance (BNEF). Ihr Marktausblick für das dritte Quartal ist überschrieben mit: „Solarstrom – nicht jeder braucht ihn genau jetzt“. Auch die BNEF-Analyse sieht eine neue Phase des Überangebots bei Polysilizium und Solarmodulen gekommen, die zu massiv sinkenden Preisen führt. Sie sind dabei optimistischer, was die Entwicklung der weltweiten Nachfrage angeht. Je nach Szenario rechnen sie mit einem Zuwachs um knapp fünf bis gut sieben Gigawatt im kommenden Jahr. Für 2016 erwartet BNEF einen weltweiten Zubau von 68,3 bis 72 Gigawatt; 2017 dann 73,2 bis 79,2 Gigawatt. Allerdings verweist auch BNEF darauf, dass allein die Tier1-Modulhersteller bereits über Produktionskapazitäten von 64,5 Gigawatt verfügten.

„Für das zweite Halbjahr 2016 erwarten wir eine Modulschwemme von 30 bis 40 Prozent, was die großen Lagerbestände reflektiert und einen Preiskollaps in allen Märkten, inklusive den USA“, schreiben die Analysten Anfang September. BNEF erwartet wie Roth Capital bis zum Jahresende einen Verfall der durchschnittlichen Verkaufspreise um 20 Prozent, wobei die großen Hersteller noch zweistellige Bruttomargen erzielen könnten. Dies sei vor allem auf die billigeren Wafer- und Solarzellenpreise zurückzuführen. Für Anfang 2017 erwarten die Analysten Modulpreise von etwa 46 US-Dollarcent pro Watt, selbst in Märkten, in denen es Anti-Dumping- und Anti-Subventionsmaßnahmen gegen die chinesischen Photovoltaik-Hersteller gebe.

Für Hersteller von Solarmodulen seien weiteren die USA, Europa und Japan die Märkte, in denen die besten Preise erzielt werden könnten, obgleich auch dort in diesem Jahr Reduktionen spürbar geworden seien. Die chinesischen Photovoltaik-Hersteller umgingen zunehmend die Zahlung von Zöllen oder Mindestpreisen in den USA und Europa durch die Belieferung aus Fabriken außerhalb Chinas. In Japan wiederum kämen die chinesischen Hersteller nach einer Gesetzesänderung nun vermehrt zum Zug. Bislang erzielten sie dabei meist Preise um die 53 US-Dollarcent pro Watt. Mittlerweile gebe es Angebote um die 45 US-Dollarcent pro Watt und auch dieser Preis werde bis zum Jahresende wohl noch auf 43 US-Dollarcent sinken. BNEF zufolge lagen die durchschnittlichen Angebotspreise von Tier1-Herstellern aus China im Juli zwischen 42 und 44 US-Dollarcent pro Watt, wobei Jinko Solar mit 41 US-Dollarcent pro Watt noch darunter lag.

Interessant ist auch die Analyse von BNEF zu den anderen Segmenten. Bei Polysilizium hätten die chinesischen Hersteller in diesem Jahr erstmals einen Anteil von mehr als 50 Prozent an der weltweiten Produktion erreicht. Dabei seien die Kapazitäten insgesamt um 40 Prozent auf 415.000 Tonnen ausgebaut worden. Während es im ersten Halbjahr noch ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage gegeben habe, gebe es im zweiten Halbjahr ein deutliches Überangebot. Die für die Photovoltaik-Industrie bestimmte Menge an Polysilizium reiche aus, um 79 Gigawatt Solarzellen herzustellen. Der Spotmarktpreis werde Ende des Jahres bei etwa 15 US-Dollar pro Kilogramm liegen, so die Analysten. BNEF erwartet bis mindestens 2018 – auch angesichts der weiteren angekündigten Ausbaupläne von Herstellern – eine anhaltende Überkapazität in diesem Segment.

Bei Solarzellen sind ebenfalls Kapazitäten zugebaut worden. In den ersten sieben Monaten 2016 seien die Preise für multikristalline Zellen um 20 Prozent und für monokristalline um 15 Prozent gesunken. Bis zum Jahresende seien weitere deutliche Preisreduktionen zu erwarten. Auch in diesem Segment seien die Überkapazitäten erst seit dem zweiten Halbjahr zum Tragen gekommen. (Sandra Enkhardt)