Enttäuschung über DKE-Entwurf zu Photovoltaik-Balkonmodulen

pv magazine: Wie bewerten Sie den DKE-Entwurf für Stecker-Solarmodule?

Marcus Vietzke (Foto): Die Bezeichnung „Guerilla-Photovoltaik“ ist ja leider dadurch entstanden, dass es für diese Geräte lange keine Regeln gab. Netzbetreiber versuchten das für sie unbeliebte Thema mit Hinweis auf die fehlende Norm einfach abzuschmettern. Trotzdem haben sich wohl bereits rund 20.000 Deutsche solche steckbaren Solarmodule installiert. Sie landeten damit in einer rechtlichen Grauzone. Insofern begrüßen wir, dass sich die DKE nun endlich mit dem Thema beschäftigt und erwarten, dass der Anschluss nun anwenderfreundlich geregelt wird.

Macht der Entwurf den Weg zur Installation von sogenannter „Guerilla-Photovoltaik“ in Deutschland leichter?

Leider sieht es bisher nicht danach aus. Der Entwurf für die DIN VDE 0100-551-1 macht die Installation steckbarer Photovoltaik-Geräte bis 600 Watt nicht leichter, sondern im Gegenteil: Während in der restlichen EU, der Abschnitt 551.7.2 auch die Einspeisung in Endstromkreise – etwa über die übliche Haushaltssteckdose erlaubt, wird diese Möglichkeit in Deutschland nicht zugelassen, ohne sinnvolle Begründung. Damit fehlt die Möglichkeit für Verbraucher, solche Geräte kostengünstig und einfach selbst in Betrieb zu nehmen, so wie das bei Haushaltsgeräten sonst üblich ist. Es wird auch für einfache Wechselstrom-Solarmodule ein separater Einspeisestromkreis gefordert, der immer eine zusätzliche Elektroinstallation durch einen Fachbetrieb erfordert.

Bringt der Normentwurf also keine Verbesserungen mit sich?

Der Aufwand zur normgerechten Installation solcher Systeme bleibt unverhältnismäßig hoch. Die Anmeldung beim Energieversorger wird voraussichtlich sogar schwieriger: Wenn der Entwurf so in die Norm einfließt, werden auch die fortschrittlichen Netzbetreiber, die bisher die Installation mit SchuKo-Stecker geduldet haben, einen Einspeisestromkreis fordern. Im Ergebnis werden Bewohner von Mehrfamilienhäusern durch bürokratische Hürden aus der Energiewende ausgeschlossen. Sie können ihr Solarmodul beim Energieversorger anmelden, müssen sich dann aber die Zustimmung ihres Vermieters für die Installation des Einspeisestromkreises einholen. Oder sie betreiben ihr Stecker-Solarmodul wie bisher in der Grauzone. Das wäre kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Und das ist auch nicht im Sinn und Zweck der Normengebung, denn das Ergebnis ist nicht mehr Sicherheit, sondern weniger.

Was fehlt aus Ihrer Sicht in dem Entwurf? Gibt es Erfahrungen aus anderen Ländern, von denen Deutschland lernen könnte?

Bei dem aktuellen DKE-Entwurf geht es um Netzeinbindung von Photovoltaik-Anlagen mit Systemstecker bis 4,6 Kilovoltampere (kVA). Es fehlen aber Regelungen für die Netzeinbindung von Photovoltaik-Geräten bis 600 Watt – also für kleine Anlagen, für die es in anderen Ländern Bagatellgrenzen gibt. Die Einbindung könnte ganz einfach über den SchuKo-Stecker Stecker (Typ F) im Endstromkreis erfolgen. Unsere Endstromkreise werden nach DIN VDE 0298-4 ausgeführt. Ein Blick in die Norm zeigt: Es gibt Reserven, die sicher für die Einspeisung genutzt werden können. Diese haben die österreichischen, schweizerischen und niederländischen Gremien auch anerkannt. Das deutsche Gremium ignoriert das bisher. Deutsche Ingenieure haben sichere Systeme entwickelt und führen mit Gutachten sowie in der Praxis den Nachweis, dass kleine Photovoltaik-Geräte im Endstromkreis sicher zu betreiben sind. Der DKE-Entwurf spiegelt diese Erfahrung in seiner jetzigen Form nicht wieder. In den Niederlanden, Österreich und der Schweiz dürfen die Geräte hingegen jederzeit betrieben werden.

Haben Sie im Vorfeld versucht, diese Aspekte einzubringen?

Ja, natürlich. Mir sind sechs Unternehmen bekannt, die dem DKE-Arbeitskreis schon im Vorfeld TÜV- und SGS-Gutachten vorgelegt haben. Auch auf die Regelungen in den Niederlanden (500W/2,25A), Österreich (600 VA) und der Schweiz (600W/2,6A) und ihre Anwendbarkeit auf Deutschland haben wir hingewiesen. Auch die Tatsache, dass bereits über 20.000 Photovoltaik-Geräte mit SchuKo-Stecker ohne Zwischenfall im Einsatz sind, haben wir im Vorfeld eingebracht. All das wurde nicht berücksichtigt.

Wie können die Sicherheitsbedenken bezüglich Stecker-Solarmodule ausgeräumt werden?

Die Sicherheitsbedenken sind für die kleinen Anlagen bereits ausgeräumt. Für jedes Argument, das bisher gegen die Anlagenklasse vorgebracht wurde, gibt es anerkannte Untersuchungen, die die Unbedenklichkeit bescheinigen. Dass die Untersuchungen, die die österreichischen, schweizerischen und niederländischen Normungsgremien überzeugt haben, dem DKE-Gremium einfach nicht ausreichen, ist vielleicht ein Indiz dafür, dass es dort noch ganz andere Interessen gibt und es gar nicht vorrangig um die sichere Einbindung geht. Derzeit dominieren der VDE, die Netzbetreiber und Stecker-Hersteller das Gremium. Der Verdacht liegt nahe, dass über die inzwischen überholte Sicherheitsthematik die ganze Anlagenklasse diskreditiert werden soll, weil dezentrale Klein-PV-Geräte zur Selbstmontage dort nicht gewollt sind.

Wie sieht das weitere Normungsverfahren aus?

Der Entwurf ist veröffentlicht. Jetzt kann jeder interessierte Bürger bis Weihnachten Einsprüche einreichen. Das läuft über die Webseiteentwuerfe.normenbibliothek.de. Dann werden die Einsprüche geprüft. Sollte es im Gremium keine Einigung geben, folgt ein Schlichtungsverfahren. Danach kommt die europäische Normung.Hier werden die Deutschen ihren Entwurf dann unter anderem mit ihren österreichischen, schweizerischen und niederländischen Kollegen diskutieren. Für Deutschland und für den Betrieb dezentraler kleiner Photovoltaik-Anlagen wird aber noch ein weiterer Normentwurf interessant, der demnächst folgt und die Steckverbindung regeln soll. Wenn dieser eine Systemsteckdose vorschreibt, wäre der SchuKo-Stecker vom Tisch. Beide Normen haben damit das Potenzial die Energiewende für die Mieter vorerst zu verhindern. Aber soweit ist es ja noch nicht. Letztlich kann jeder Bürger versuchen, das Normungsverfahren zu beeinflussen. Veröffentlichungen wie kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, die sich mit Balkon-PV befassen, zeigen, dass auch das Interesse der breiten Öffentlichkeit wächst. Jetzt sollten alle Interessierten an einem Strang ziehen.

Die Fragen stellte Sandra Enkhardt.

Unterpvplug.de können Sie sich weiter über die Thematik informieren und werden über das weitere Verfahren auf dem Laufenden gehalten.