Stromnachfrage steuern, Stromversorgung sichern

Industriebetriebe in Baden-Württemberg und Bayern könnten kurzfristig mehr als ein Gigawatt ihrer Stromnachfrage zeitlich verschieben und so einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit in Süddeutschland leisten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung und der Forschungsgesellschaft für Energiewirtschaft, die gemeinsam von den Umweltministerien von Baden-Württemberg und Bayern und der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende in Auftrag gegeben und begleitet wurde. Den Auftraggebern zufolge zeigt die Studie, dass die Steuerung des Stromverbrauchs ein wichtiges Instrument sei, um die Sicherheit bei der Stromversorgung zu gewährleisten. Die Laststeuerung sei bisher noch viel zu wenig beachtet worden.

In den letzten beiden Wintern haben die Netzbetreiber laut Pressemeldung alte Kraftwerke mit einer Leistung von bis zu 2,6 Gigawatt als sogenannte Kaltreserve unter Vertrag genommen, die bei drohenden Versorgungsengpässen hochgefahren werden. Mit der Abschaltung der Kernkraftwerke Grafenrheinfeld (2015) und Gundremmingen B (2017) entstehe zusätzlicher Bedarf für die Deckung der Spitzennachfrage insbesondere in Süddeutschland. Als wichtige Handlungsfelder gelten bislang der Netzausbau, die Weiterentwicklung der Speichertechnologien sowie der Bau neuer Kraftwerke. Die neue Studie zeigt jedoch, so die Auftraggeber, dass auch auf der Nachfrageseite angesetzt werden kann: Einen erheblichen Teil des Bedarfs könnte die süddeutsche Industrie durch Flexibilisierung ihrer Prozesse abdecken. Über 850 Megawatt Stromverbrauch könnten über einen Zeitraum von zwei Stunden abgeschaltet und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden, bei einem kürzeren Bedarfsfall von nur 30 Minuten wären es sogar 1,2 Gigawatt – das entspricht ein bis zwei großen Spitzenlastkraftwerken. Da viele Netzengpass-Situationen nur für kurze Zeit bestehen, könne die Industrie somit einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten. Hinzu komme ein weiteres relevantes Lastverschiebungspotenzial im Bereich der Wärmepumpen und Nachtspeicherheizungen, dessen Höhe jedoch abhängig von Tageszeit und Temperatur sei.

„Um diese nennenswerten Potenziale zu heben, reichen aber die Anreize des bestehenden Strommarktes nicht aus“, sagt Rainer Baake, Direktor der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende. „Wir brauchen daher einen wettbewerblichen Markt für Versorgungssicherheit als Ergänzung zum bestehenden Energiemarkt.“ Daher wollen die Umweltministerien von Bayern und Baden-Württemberg gemeinsam mit Agora Energiewende in den kommenden Monaten untersuchen, wie die Regeln des Strommarkts verändert werden müssen, damit auch die Nachfrageseite aktiv daran teilnimmt. Entsprechende Modelle sollen in die Diskussionen zum zukünftigen Strommarktdesign auf Bundesebene eingebracht werden.

Vorschläge für ein neues Marktdesign, mit dem zum Beispiel Anreize zum Bau neuer Kraftwerke geschaffen würden, lägen bereits auf dem Tisch, erklärte Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller. Er selbst habe zum Beispiel einen Vorstoß zur Schaffung eines sogenannten Kapazitätsmarktes unternommen. Unter Kapazitäten sei dabei aber nicht nur der Neubau von flexiblen Kraftwerken zu verstehen. „Der notwendige Kapazitätsmarkt muss die drei Kapazitäten Erzeugung, Speicher und eben auch einen zu flexibilisierenden Verbrauch im Sinne von steuerbaren Lasten umfassen“, sagte Untersteller. Bayerns Umweltminister Marcel Huber betonte: „Stromerzeugung und Verbrauch müssen aufeinander abgestimmt werden. Die Bundesregierung ist gefordert, auch diesen Gedanken bis zur Sommerpause in die Eckpunkte für eine zukunftsfähigen Strommarkt einzuarbeiten.“ Um die Potenziale des Lastmanagements in die Praxis umzusetzen, werde der Freistaat auch eigene Projekte weiter vorantreiben. (Petra Hannen)