Öl, Gas, Chemie, Sunpower

Herr Boisseau, bei Total geht es in der Regel um Öl und Gas. Warum investieren Sie in die Photovoltaik?

Boisseau: Total ist bereits seit mehr als 25 Jahren auf dem Solarmarkt aktiv. Wir sind überzeugt, dass es zukünftig zu Energieknappheit kommen wird und dass auf alle Energiequellen zurückgegriffen werden muss, um der wachsenden weltweiten Nachfrage zu begegnen, die in der Zukunft hauptsächlich von Nicht-OECD-Ländern ausgehen wird. Als Energielieferant meinen wir, dass zukünftig nicht nur anhaltender Bedarf an Öl und Gas besteht, sondern zusätzlich neue Energien in bedeutendem Ausmaß vonnöten sind. Wir sind nicht nur ein Öl- und Gas-Unternehmen, sondern auch bei Chemikalien spielen wir ganz oben mit. Wir haben also technologische Kompetenzen, die nicht weit vom Solarbereich entfernt sind. Unsere Kunden fragen Solarenergie nach, insbesondere unsere Partner im Nahen Osten sind auf der Suche nach langfristigen Partnern. Das sind also die drei Gründe, weshalb wir meinen, dass die Solarenergie für uns in Frage kommt. Unsere Partnerschaft mit Sunpower hat unserem Engagement neue Impulse verliehen.

Wie viel haben Sie bereits in die Solarenergie investiert?

Boisseau: Bisher ist die Hauptinvestition der Kauf von 60 Prozent der Anteile von Sunpower, was 1,4 Milliarden US-Dollar ausmacht. Zusätzlich gibt es noch andere, kleinere Vermögenswerte.

Aus deutscher Sicht sind wir sehr überrascht. Die deutschen Branchenriesen wie etwa RWE und Eon investieren nicht so viel in die Solarenergie. Woher kommt dieser Unterschied?

Boisseau: Lassen Sie mich nicht auf deren Strategie eingehen, sondern auf unsere. Wir sind ein produzierendes Industrieunternehmen. Versorgungsunternehmen befinden sich in einem anderen Geschäftsbereich. Das ist einer der Gründe. Der andere Grund ist einfach, dass wir diese Vision haben.

Herr Werner, ein Öl-, Gas- und Chemie-Unternehmen besitzt jetzt die Mehrheit an Ihrem Unternehmen. Befürchten Sie, dass Ihr Image als grünes Solarunternehmen darunter leiden könnte?

Werner: Interessanterweise hatten wir uns im Vorfeld damit beschäftigt. Nach der Transaktion hat sich jedoch gezeigt, dass dies kein Problem darstellt. Die meisten Menschen, denen ich begegne, sind begeistert zu erleben, dass ein großes Energieunternehmen die Solarenergie anerkennt und einsetzen will. Somit ist quasi das Gegenteil der Fall. Es ist fast ein Vertrauensvotum für die Solarenergie und offenbar für Sunpower. Ich glaube, dass die Branche sich in diese Richtung bewegen muss, damit sich die Solarenergie ausbreitet und etabliert.

Könnte man es nicht so auffassen, dass Total sich ein grünes Image geben will?

Werner: Ich glaube, dieses Argument zählt, wenn Öl-Unternehmen sich im Solarbereich mit minimalen Beträgen einbringen. Total investiert bereits seit mehreren Jahren in die Solarenergie und steckt in Forschung und Entwicklung fast die Hälfte von dem, was Sunpower aufwendet. Die Investitionen entlang der Wertschöpfungskette betragen 1,4 Milliarden US-Dollar. Das ist echtes Geld, das sind aufrichtige Investitionen und eine langfristige Perspektive. Ganz deutlich soll hier kein grünes Image vorgegaukelt werden.

Boisseau: Ich stimme mit Tom vollkommen überein, möchte jedoch etwas hinzufügen. Wir sind ein Öl-, Gas- und Chemie-Unternehmen, weil diese Bereiche noch lange nachgefragt sein werden. Wir betrachten es jedoch als unsere Verantwortung, sauberer zu werden, und zwar nicht nur durch unsere Betätigung im Solarbereich, sondern auch als saubereres etabliertes Öl- und Gas-Unternehmen. Und da sind wir dran.

Total schreibt auf seiner Website, dass es auch als Betreiber von Atomanlagen groß einsteigen will. Gibt es in der Solarbranche nicht eine starke Abneigung gegen die Atomkraft? Schadet das Ihrem Geschäft?

Boisseau: Wir sind ein Energieunternehmen und wie ich gesagt habe, bestrebt, unser Angebot zu diversifizieren, um der weltweit wachsenden Energienachfrage langfristig begegnen zu können. Es ist richtig, dass wir Interesse an der Atomenergie bekundet haben. Zurzeit läuft jedoch kein konkretes Projekt. Aber ich sagte, dass alle Arten von Energie notwendig sind, um dem zukünftigen Bedarf gerecht zu werden. Deshalb arbeiten wir gleich an drei CO2 -armen Technologien: Biomasse, Clean Coal und natürlich Solar. Und das tun wir konsequent.

Wie viel Umsatz macht Total im Solarbereich im Vergleich zum Rest des Unternehmens?

Boisseau: Relativ wenig, da das Solargeschäft im Vergleich mit dem globalen Energiemarkt klein ist. Die heutige Größe ist jedoch nicht von Bedeutung. Was zählt, ist, dass wir engagiert daran arbeiten, das Geschäft so schnell wie möglich auszubauen, um es effizient, integriert und groß zu machen. Wir haben in 60 Prozent der Sunpower-Anteile investiert, und wir werden weiterhin in das Wachstum des Unternehmens investieren.

Werden Sie noch mehr Anteile an Sunpower bis hin zur vollständigen Übernahme kaufen?

Boisseau: Das ist nicht geplant. Wir beabsichtigen, bei 60 Prozent zu bleiben und Sunpower beim Wachstum zu unterstützen.

Sie haben auch Anteile an anderen Solarunternehmen,

zum Beispiel am Polysilizium-Unternehmen AE Polysilicon. Welche Gesamtstrategie verfolgen Sie im Solarbereich?

Boisseau: Es ist eine gemeinsame Strategie. Alle industriellen Vorhaben werden wir mit und über Sunpower durchführen. Nehmen wir als Beispiel AEP mit seiner US-Testanlage bei Philadelphia. Ist das Ergebnis erfolgreich, kostengünstig und für Sunpower der richtige Ansatz, um in dieses Segment der Wertschöpfungskette integriert zu werden, dann werden wir es zusammen mit Sunpower tun.

Werner: Der Wettbewerb in der Solarbranche ist extrem angestiegen. In dieser Situation hält man zunächst inne undanalysiert, was es braucht, um zu gewinnen: eine starke Bilanz, ein differenziertes Produkt, Kontrolle über das eigene Schicksal. Zudem benötigt man gute Vertriebswege und ein Top-Produkt. Durch Total hat sich die Bilanz deutlich verbessert. Es gibt aber auch andere Synergien, zum Beispiel die vertikale Integration, durch die wir mit Total profitieren können. Zudem hat Total Kenntnis von Teilen der Welt, in denen wir produzieren werden. Was Marktkanäle betrifft: Total ist in 130 Ländern vertreten. In vielen dieser Länder sind wir nicht vertreten.

Sie sprechen von vertikaler Integration. Bedeutet dies auch, dass Sie Ihre ausgelagerte Modulproduktion wieder zurückholen?

Werner: Ja, genau das bedeutet es. Gegenwärtig machen wir mit Flextronics und Jabil Geschäfte. Wir werden weiterhin mit Flextronics in Kalifornien Geschäfte machen. Von Jabil werden wir uns lösen.

Warum?

Werner: Jeder in der Solarbranche wünscht sich einen hohen Wirkungsgrad bei niedrigen Kosten. Das ist der Heilige Gral. Wir verfügen über den hohen Wirkungsgrad. Die Frage stellt sich nun nach der Kostensenkung, damit wir beides haben können. Jetzt vereinfachen wir unsere Produktionsverfahren, damit wir mit weniger Schritten Produkte mit demselben hohen Wirkungsgrad erreichen. Total hat einige Erfahrung mit der eingesetzten Technologie, mit der wir im nächsten Jahr 15 Prozent der Produktionsschritte streichen werden. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie der Zusammenschluss der beiden Unternehmen zu unserer Solarstrategie passt.

Lange Zeit galt es als effizienter, die Produktion auszulagern. Und jetzt mit Kapital im Rücken holen Sie die Produktion zurück. Ist es nur eine Frage starker Bilanzen?

Werner: Natürlich hat man keine Wahl, wenn man nicht über das Kapital verfügt. Hat man jedoch das Kapital und kann wählen, dann entscheidet man sich an verschiedenen Stellen des Lebenszyklus einer Branche für vertikale Integration beziehungsweise Desintegration. Wir sehen die Möglichkeit für einenOutsourcing-Hersteller, Teile der Wertschöpfungskette anzupassen. Wir haben jedoch eine andere Technologie, und daher unterscheiden sich unsere Anlagen zur Modulproduktion von den Anlagen anderer Unternehmen. Jabil hat daher keinen Vorteil mehr, wenn eine Menge an Produktionsanlagen erworben werden muss. Wenn es in der Zukunft einen Standard geben sollte, der die Produktion von sowohl Frontkontakt- als auch Rückkontakt-Modulen mit derselben Anlage erlaubt, dann könnte das Auslagern wieder sinnvoll sein.

Planen Sie, die Zellproduktion von AU Optronics wieder zurückzuholen?

Werner: Nein, wir planen die Fortführung des Joint Ventures.

Herr Boisseau, Sunpower ist auch stark beim Bau von Solarkraftwerken. Total betreibt bisher keine Kraftwerke. Ist dieser Geschäftsbereich für Total auch interessant?

Boisseau: Im Allgemeinen ist das Betreiben von Kraftwerken nicht unser Hauptgeschäftsbereich, jedoch tun wir dies bereits. In Abu Dhabi etwa betreiben wir derzeit das Taweelah-Kraftwerk, bei dem es sich um ein klassisches Gaskraftwerk mit Entsalzungsanlage handelt. Und ja, wir betreiben ganz selbstverständlich einige Solarkraftwerke. Sie haben bereits vom Shams-Projekt in Abu Dhabi gehört? Hierbei handelt es sich um eines der größten konzentrierten Solarkraftwerke. Der Bau hat vor einem Jahr begonnen, und das Kraftwerk wird im kommenden Juli in Betrieb gehen.

Werner: Die nachgelagerte Integration bringt ein Geschäft mit sich, das einem mit der Zeit Sichtbarkeit verschafft. Und in diesem Geschäft gibt es je nach Land und Timing auch gute Margen. Durch diese vertikale Integration ist Sunpower auf Platz drei bei den Einnahmen, auch wenn es bei den produzierten Megawatt nicht auf Platz drei ist.

Total besitzt ein weiteres Solarunternehmen, das Module herstellt, und zwar Tenesol. Passt Tenesol noch in die Strategie?

Boisseau: Tenesol passt perfekt zu Sunpower, weil Tenesol ein Modulhersteller ist, Systeme konzipiert, nachgelagerte Strominstallationen macht und Photovoltaikanlagen verwaltet, die auf Dächern installiert werden. Diese Aktivitäten ergänzen die Downstream-Aktivitäten von Sunpower in Europa. Wir erarbeiten jetzt, wie die Arbeit der beiden Unternehmen koordiniert werden kann.

Ist es auch vorstellbar, dass Tenesol ein Teil von Sunpower wird?

Boisseau: Ja, das ist eine der Möglichkeiten, die derzeit geprüft werden.

Werden Sie auch an der Modulproduktion von Tenesol festhalten?

Boisseau: Hier müssen zwei Dinge berücksichtigt werden. Zum einen gilt es zu rationalisieren, das hat Tom sehr deutlich gemacht. Zum anderen sind immer mehr Länder an regionalen Arbeitsplätzen interessiert. Das gilt in einigen Ländern besonders für den Zugang zu öffentlichen Aufträgen, besonders in Europa. Es ist daher sinnvoll, in einigen europäischen Ländern aktiv zu sein. In dieser Hinsicht ist Tenesol sowohl für Sunpower als auch für Total von Vorteil.

Das Interview führte Michael Fuhs.

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