Europa als Vorbild

Ist Gainesville vielleicht der Wendepunkt für die Solarpolitik in den Vereinigten Staaten? Am 1. März führte Gainesville Regional Utilities (GRU), der örtliche öffentliche Stromversorger, unter dem Namen Solar Energy Purchase Agreements (Abnahmeverträge für Solarenergie, kurz SEPAs) seine neue Solarpolitik ein. Zwar mag die Obergrenze von vier Megawatt Photovoltaik im Jahr niedrig erscheinen – aber gegenwärtig sind in Florida nur zwei Megawatt installiert.

Letzten Sommer nahm Ed Regan, der stellvertretende Generaldirektor der GRU, an einer unter anderem von der Solar Electric Power Association organisierten Mission teil, die untersuchte, was genau Einspeisetarife eigentlich sind. Das Überraschende ist, dass Regan nur neun Monate brauchte, um die Ergebnisse in Politik umzusetzen. „Ich habe bereits ungefähr zwei Megawatt auf dem Tisch, die am allerersten Tag zugewiesen werden könnten“, erklärte Rachael Meek, die bei GRU als Geschäftsanalystin für die SEPAs zuständig ist, noch im Februar. Doch die vier Megawatt für 2009 und die vier für 2010 wurden bereits vergeben.

Preismodell muss sich bewähren

Ed Regan hofft, dass ein leicht abgesetzter Tarif Anfang 2010 angeboten werden kann. „Wir müssen einfach sehen, ob unser Preismodell stimmt, und der Stadtrat kann das Programm nach Belieben erweitern“, sagt Regan. „Es ist viel schwieriger, einen niedrigen Preis zu erhöhen – Leute, die bereits an Bord sind, fühlen sich dann nämlich stark benachteiligt. Aber senken können wir den Preis zur Erhaltung der Nachfrage natürlich immer.“ „Wir wollen auf alle Fälle viele kleine, verteilte Systeme und keine großen Bodenanlagen“, kommentiert Regan die Vier-Megawatt-Grenze, die theoretisch mit einer einzigen Solaranlage in Industriegröße erreicht werden könnte. „Momentan haben wir einfach eine Menge angestauter Nachfrage, und deshalb müssen wir abwarten, wie attraktiv die Preise sind, wenn dieses erste Interesse sich gelegt hat. Ich glaube, die Nachfrage geht schnell zurück, wenn die erste Investorenwelle einmal bedient ist.“

Florida rechnet per Net Metering ab und subventioniert auch einen Großteil des Kaufpreises. Aber Regan sagt, seine Firma sei trotzdem nicht zufrieden. Die Entscheidung für eine produktionsgestützte Vergütung war laut Regan schnell gefällt, weil seine Kollegen sich bereits für eine Unterstützung der Solarenergie im Allgemeinen ausgesprochen hatten. Auf die in Florida gezahlten vier Dollar Vorausprämie pro installiertem Watt setzte sein Versorgungsunternehmen noch 1,50 Dollar drauf – die Kosten für ein Dachsystem belaufen sich auf ungefähr sieben bis acht Dollar pro installiertem Watt. Laut Christy Herig, Regionaldirektorin der Solar Electric Power Association für den Osten der USA, kommen fast 13 Prozent aller Vergütungsanträge in Florida aus Gainesville. „Wir gaben den Leuten dieses Geld“, erklärt Regan, „aber dann haben wir nie wieder etwas von ihnen gehört. Wir hatten keine Ahnung, ob ihre Systeme noch ordnungsgemäß funktionierten – wir wussten nicht einmal, ob sie überhaupt noch vorhanden waren.“

Unkompliziertes System

Die neue Vergütung ist ziemlich unkompliziert. 32 US-Cent werden für jede ins Netz eingespeiste Kilowattstunde Solarstrom gezahlt (im Vergleich dazu liegt der Durchschnittsstrompreis im Großraum Gainesville bei ungefähr 12,5 Cent). Der Tarif ist auf 20 Jahre garantiert. Kunden innerhalb des Bereichs der GRU haben die Wahl zwischen dem alten und dem neuen System. Bleibt die Frage, ob die SEPAs letztendlich wirklich mehr bringen als die „alte“ Kombination aus Net Metering und Vorausprämien – und ob die Hausbesitzer den Unterschied auch tatsächlich verstehen. „Wir bewerben die SEPAs im Augenblick nicht aktiv“, sagt Meek, „aber meiner Erfahrung nach haben sich die Leute noch nicht so sehr an Net Metering gewöhnt, dass sie nichts mehr von einer möglichen Alternative wissen wollen. Die Berechnung für die alte Vergütung ist sogar viel komplizierter als für die SEPAs, wodurch die Entscheidung leichtfallen sollte.“

Dass die SEPAs in Gainesville mit der Höhe der früheren Vergütung vergleichbar sind, hat seinen Grund: Sie sollen nicht teurer sein. „Wir nahmen den lukrativsten Kunden des Net-Metering-Systems als Beispiel und fanden heraus, dass dieser 26 Cent pro Kilowattstunde bekäme. Dann fügten wir diesem Betrag noch einen konservativ geschätzten Beitrag für die unter dem neuen Einspeisetarif anfallende Einkommensteuer hinzu, womit wir bei 32 Cent waren“, erklärt Regan. Trotz der scheinbar hohen Vergütung unter den SEPAs glauben weder Meek noch Regan, dass die Investitionsrendite im Rahmen der neuen Einspeisevergütung in jedem Fall höher ist. „Einspeisetarife scheinen die bessere Wahl, aber das Einkommen aus der Stromerzeugung ist zu versteuern, weshalb es etwas auf die Situation des Einzelnen ankommt“, erklärt Meek. „Kommerzielle Investoren profitieren wahrscheinlich eher von den Einspeisetarifen“, stimmt Regan zu und fügt an, dass alle Beteiligten wahrscheinlich trotzdem von der besseren Planungsqualität profitieren.

Und was springt für Regans Elektrizitätswerk heraus? Schließlich stimuliert der Einspeisetarif den Kunden dazu, selbst Strom zu erzeugen – und mit dem E-Werk in Konkurrenz zu treten. „Als öffentliches Versorgungsunternehmen sind wir Teil der Gemeinschaft, und die neue Vergütung ist eine gute Sache für diese Gemeinschaft. Uns geht es um das Sozialwohl im höheren Sinne“, sagt Regan. Bedeutet das, dass private Energieversorger die Sache anders sehen? Regan schaut über seinen Schreibtisch hinweg zu seiner Kollegin Diane Wilson hinüber. „Sagen wir einfach, dass sie geschlossen dagegen sind“, meint sie diplomatisch.

Die neue Vergütung lockt nicht nur Investoren aus ganz Amerika an, sie lässt Ed Regan auch viel Aufklärungsarbeit leisten – in ganz Amerika. „In letzter Zeit muss ich oft erklären, was Einspeisetarife sind“, sagt er. John Burges, ein Energieinvestor aus Florida, fordert die Einrichtung von Einspeisetarifen für ganz Florida. Der zuständige Lokalverband der Power Association hat sich vor einem Jahr hinter den Einspeisetarif gestellt. Läuft es in Gainesville gut, so könnte es in Florida Druck für die Verabschiedung eines Florida-weiten Einspeisetarifs geben.

Deutschen Erfolg wiederholen

„Ich arbeite hart an der Wiederholung des deutschen Erfolgs in Kalifornien“, sagt Craig Lewis von RightCycle Enterprises. Er untersucht seit ein paar Wochen, wie genau die Zusatzkosten in Deutschland über die Energieversorger auf alle Stromkunden verteilt werden. Aber irgendwann kann Deutschland nicht mehr als Vorbild dienen. Zum Beispiel folgen die Grenzen zwischen den Stromnetzen der verschiedenen Betreiber nur selten den politischen Staatsgrenzen; soll deshalb Deutschland Modell stehen, wäre eine nationale Strategie vielleicht der beste Weg.

Außerdem wird der Strom in den USA anders abgerechnet als in Deutschland. In den USA ist die Stromversorgung meist noch vertikal strukturiert: Der Stromversorger ist auch der Netzbetreiber, und amerikanische Haushalte können normalerweise ihre Versorgungsunternehmen genauso wenig wählen wie die Deutschen ihre Netzbetreiber. Auch der Zähler wird anders abgelesen. Die Amerikaner zahlen jeden Monat eine unterschiedliche Stromrechnung; der Betrag richtet sich nach der genauen Anzahl an verbrauchten Kilowattstunden. In Gebieten ohne automatische Zählerablesung (also fast überall in den Vereinigten Staaten) fahren Techniker des Versorgungsunternehmens jeden Haushalt an und lesen die Stromzähler monatlich vor Ort ab.

Bei Gainesville Regional Utilities hat man beschlossen, die Einspeisezähler für SEPA-Kunden zunächst zusammen mit den Stromzählern abzulesen, damit der für die Stromerzeugung bezahlte Betrag ebenfalls der genauen Anzahl an produzierten Kilowattstunden entspricht – eine teure Lösung. „Das kostet uns ungefähr 50 Cent pro Haushalt, und so wie wir die Vergütung ausgearbeitet haben, müssen wir diesen Betrag komplett schlucken“, erklärt Regan.

Andere Vergütungsentwürfe haben unter den Befürwortern der Einspeisevergütung in den USA für Aufregung gesorgt, obwohl noch keiner von ihnen als Gesetz verabschiedet worden ist. Der erste war der von der Abgeordneten Kathleen Law entworfene Renewable Energy Sources Act (House Bill 5218) in Michigan. Laut eines Außenstehenden, der anonym bleiben möchte, kamen irgendwann Energielobbyisten zu Frau Law und „forderten sie im Prinzip zum Rückzug auf“.

Eine Menge weiterer US-Bundesstaaten folgte dem Beispiel von Frau Law. Illinois hat einen Renewable Energy Sources Act (House Bill 5855), Rhode Island einen House Bill 7616 und Minnesota einen House Bill 3537. In jüngster Zeit legte Indiana einen Advanced Renewable Energy Tariffs Act (House Bill 1622) vor, und Wisconsins Public Service Commission beschäftigt sich zum ersten Mal offiziell mit den Einspeisetarifen. Die California Energy Commission (CEC) berichtete im Dezember 2007 erstmals öffentlich, dass „Kalifornien sein 33-Prozent-Ziel für erneuerbare Energien bis 2020 ohne Einspeisetarife nicht erreichen wird“; es werden gegenwärtig Workshops zu diesem Thema gehalten.

Manche behaupten, dass es in Kalifornien bereits eine Art Einspeisetarif gibt, aber davon hält Paul Gipe, unabhängiger Windenergieexperte, nichts. „Hierbei handelt es sich bestenfalls um einen sehr unausgegorenen Einspeisetarif mit einem Preis für alle“, erklärt er. Tatsächlich richtet sich der Preis nach dem sogenannten „Market Price Referent“ – quasi das „Grenzkraftwerk“ – und nicht nach dem Preisniveau, das zur Kostendeckung des jeweiligen Generators für erneuerbare Energie nötig ist. „Weniger als 20 Megawatt Erzeugungskapazität für erneuerbare Energien sind unter dieser Politik neu installiert worden, und soweit ich weiß, sind keinerlei Solaranlagen dabei.“

Kanada Vorreiter für Nordamerika

Tatsächlich kam der erste echte Einspeisetarif auf der Basis des europäischen Modells in Nordamerika aus Kanada, und Gipe gehörte zu seinen Architekten. Seit März 2006 werden in Ontario elf kanadische Cent (knapp 0,9 US-Cent) pro Kilowattstunde für Strom von kleinen Wasser-, Wind- und Biomassegeneratoren und 42 kanadische Cent (knapp 34 US-Cent) für Solarstrom vergütet. Diese Politik war so erfolgreich, dass die für die ersten zehn Jahre gesetzte Obergrenze von 1.000 Megawatt bereits innerhalb des ersten Jahres erreicht wurde. Seit 2007 wird in Ontario das weitere Vorgehen diskutiert, und bald könnte die neue politische Strategie für Ontario bekannt gegeben werden.

Im Moment sind die öffentlichen amerikanischen Versorgungsunternehmen leicht zu überzeugen, während die Stromversorger im Investorenbesitz die neue Politik richtigerweise als das ansehen, was sie ist: eine Demokratisierung der Stromerzeugung und deshalb eine Bedrohung für Monopolstrukturen. Man kann den Einspeisetarifen deshalb für das Jahr 2009 ganz klar eine echte Chance einräumen. Während eine Einspeiseinitiative des US-Senators Jay Inslee wie alle auf Staatsebene vorgelegten Anträge seit ihrer ersten Lesung im Repräsentantenhaus im Grunde auf Eis gelegt wurde, unterstützt laut Paul Gipe nun ein Senator, dessen Namen er nicht verraten will, den Gedanken und könnte die Kugel eventuell wieder ins Rollen bringen. Es könnte sich um den Demokraten Bill Nelson aus Florida handeln. Ed Regan sagt, dass Nelson großes Interesse an den neuen Strompreisen in Gainesville gezeigt hat.