Quo vadis, Conergy?

„Heute ist ein großer Tag für Brandenburg“, sagte Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns vor zwei Jahren, als Conergy in Frankfurt (Oder) eine hochmoderne Fabrik für Solarmodule errichten wollte. Er hatte Grund sich zu freuen. Für 250 Millionen Euro kaufte Conergy das Gelände und die Fabrik mit der kurz vorher Communicant gescheitert war: ein milliardenschweres Konsortium aus Intel, arabischen Investoren und dem Land Brandenburg, die in der Oderstadt Halbleiter produzieren wollten. Das ehrgeizige Projekt wurde nie zu Ende gebracht und entwickelte sich zum Millionengrab für Brandenburg. Conergy schien den Wandel zu bringen. Die Werkshalle wurde umgebaut, mehr als 4.000 Bewerbungen wurden gesichtet. 1.000 Arbeitsplätze sollten geschaffen werden, um ab diesem Sommer 250 Megawatt Wafer, Solarzellen und Module vom Band laufen zu lassen.

Denn Conergy hatte große Pläne. In der Zukunft wollten sie im großen Stil für den Eigenbedarf produzieren. “Mit einer 20-Megawatt-Fabrik brauchen wir nicht anzufangen“, sagte Hans-Martin Rüter, Gründer und damaliger Vorstandschef im März 2007 einem Solarmagazin. “Wir haben für 2008 in unseren Zielplänen festgelegt, mehr als 400 Megawatt zu verkaufen – mit steigender Tendenz für die folgenden Jahre.” Kaum mit dem Bau begonnen, war der Vorstandschef in Gedanken schon viel weiter. Langfristig sollte das Gelände weiter ausgebaut werden – die Produktion im Gigawattmaßstab schien in greifbarer Nähe.

Davon ist zurzeit keine Rede mehr. 300 Festangestellte und 70 Zeitarbeiter hat das Werk heute und die Produktion ist nicht voll ausgelastet.

Sturz aus großer Höhe

Denn alles kam ganz anders als geplant. Im März 2007 hatte das Unternehmen ein Minus im dreistelligen Millionenbereich erwirtschaftet. Rüter hatte sich zu viel vorgenommen. Mit dem Vertrieb Solartechnik war Conergy in wenigen Jahren zu einem der größten Unternehmen der Solarbranche geworden. Um das Wachstum weiter voranzutreiben, hatte er das Angebot an Produkten ständig erweitert, war in 28 Länder gegangen und hatte begonnen in andere Formen der alternativen Energien zu investieren. Dabei hatte er wohl den Überblick verloren. Das Unternehmen war überfordert: Projekte gerieten ins Stocken, die Börsenkurse stürzten ab. Der Höhenflug war zu Ende – im November 2007 nahm Rüter seinen Hut.

Unter dem vorläufigen neuen Vorstand Dieter Ammer hat sich die Unternehmensstrategie gewandelt. „Wir haben die Weichen gestellt, um in den wirtschaftlich attraktivsten Geschäftsfeldern unsere führende Position weiter auszubauen“, sagte Dieter Ammer beim Amtsantritt. Er hat sogleich begonnen das Unternehmen neu auszurichten und die Expansion wieder einzudämmen. Seitdem sich Conergy von Wärmepumpen und Biogas weitgehend befreit und über 550 Mitarbeiter entlas sen. Als ganz Conergy kränkelte, war die Fabrik im Osten Deutschlands nur eins von vielen Problemen. Jetzt richtet sich das Augenmerk wieder verstärkt auf die Fabrik, um die es im Juni erneut Wirbel gab. „Die Fabrik wird verkauft“, meldeten mehrere Zeitschriften. Conergy dementierte umgehend und verwies auf ein Missverständnis. „Wir verkaufen nicht, wir suchen einen Joint-Venture-Partner“, sagte Unternehmenssprecher Alexander Leinhos. „Dieser soll das Unternehmen von der Rohstoffseite unterstützen und helfen den Produktionsprozess in Frankfurt an der Oder zu verbessern.“

Verfehlte Planung

Denn in der Fabrik gibt es einige Probleme. Conergy hatte es versäumt sich rechtzeitig mit Silizium für die Herstellung von Wafern zu versorgen. „Eine Altlast aus dem Jahr 2006,“ sagt Leinhos. „Das Management wollte warten, bis die Preise für Silizium fallen. Das haben sie aber nicht getan.“ Daraufhin wurde die Produktion stark reduziert und vor allem fertige Wafer und Solarzellen gekauft. Möglicherweise um nicht den gleichen Fehler wie beim Siliziumnachschub zu machen, wollte Hans-Martin Rüter die langfristige Versorgung mit Wafern sicherstellen. Noch im Oktober 2007, einen Monat bevor er die Firma verließ, schloss er einen Vertrag über Waferlieferungen im Wert von sieben bis acht Milliarden US-Dollar ab. Von diesem Juli an sollte MEMC Electronic Materials bis ins Jahr 2018 das Werk mit jährlich steigenden Mengen versorgen.

Dafür ist die Fabrik heute noch nicht bereit. Denn auch die Herstellung von Zellen und Modulen verläuft nicht reibungslos. Gerüchte, dass die Produktion manchmal tagelang stillstehe, dementiert Unternehmenssprecher Leinhos aber. „Zeitweise wurden Teile der Produktion gestoppt, um Prozesse zu optimieren“, sagt er, räumt aber ein, dass man in Frankfurt (Oder) eigentlich schon weiter fortgeschritten sein wollte. Wie viele Zellen und Module dort hergestellt werden will Conergy nicht bekannt geben. Leinhos beruft sich auf die bevorstehende Hauptversammlung. „In der Quiet-Period können wir leider keine Statuszahlen veröffentlichen“ sagt er. Vielleicht sollen negative Meldungen aus Frankfurt mögliche Investoren nicht verschrecken. Denn das könnte die geplante die Kapitalerhöhung von 450 Millionen Euro behindern, mit der Conergy seine ausstehenden Schulden und Verpflichtungen begleichen will.

Auslastung bleibt geheim

Leinhos verweist stattdessen auf das Photovoltaik-Kraftwerk El Calaverón, das die Conergy Tochter Epuron in Spanien geplant und verkauft hat. Das 21,1 Megawatt Kraftwerk wurde diesen Sommer fertig gestellt. Die 96.000 polykristallinen Module stammen zwar aus Frankfurt (Oder), aber um sie zu produzieren, mussten Wafer und Zellen dazugekauft werden. Tatsächlich entsprechen 21,1 Megawatt weniger als einem Zehntel der geplanten Produktionsmenge.

Epuron baut nach Unternehmensangaben in den USA und Spanien drei weitere Kraftwerke mit Modulen von Conergy. Diese Anlagen werden zu einem Teil auch mit OEM-Produkten beliefert. Wie viele tatsächlich aus Frankfurt stammen, lässt sich nicht nachvollziehen. Profitabel läuft die Fabrik wahrscheinlich nicht. Denn ein Maschinenpark, der nicht ausgelastet ist, kann sich nicht amortisieren. „Ich schätze, dass das Werk in Frankfurt an der Oder in diesem Jahr 40 Millionen Euro Verlust macht“, sagt Sven Diermeier, Wertpapieranalyst bei Independent Research in Frankfurt am Main. Von den Schwierigkeiten in der Fabrik ist er nicht überrascht. „Schuld ist nicht nur der Siliziummangel“, sagt er. „ Wahrscheinlich hat sich Conergy die Hochfahrphase leichter vorgestellt.“ Diermeier glaubt, dass die Probleme in der Zukunft sogar noch zunehmen, falls Conergy die Produktion nicht bald in den Griff bekommt: „Wenn die technischen Prozesse nicht gut abgestimmt sind, dann wird zu viel Ausschuß produziert. Höhere Qualitität bedeutet höhrere Leistungsfähigkeit der Produkte und bessere Qualität wird teurer verkauft.” Conergy will weiteren Schaden abwenden und hat den Vertrag über die Waferlieferungen von MEMC an den gesunkenen Bedarf der Fabrik angepasst. Rechtzeitig zum Lieferbeginn im Juli haben die beiden Firmen die Zahl der bestellten Wafer annähernd halbiert und auf den Wert von vier Milliarden Dollar reduziert.

Die neue Unternehmensstrategie bedeutet vor allem, dass sich Conergy wieder auf seine ursprünglichen Stärken besinnen will. Das Untertnehmen habe den Zugang zum Kunden und werde die zukünftig wachsenden Mengen an Modulen aufs Dach bringt, schreibt Unternehmenschef Dieter Ammer im ersten Quartalsbericht dieses Jahres. Das bedeutet, dass sich Conergy in Zukunft wieder auf den Vertrieb konzentrieren will: auf Großkunden, Installateure und Projektierer. Die Modulproduktion, ist damit wieder in den Hintergrund gerückt. Conergy versteht sich laut Leinhos als Down-Stream-Player mit einer Solarmodulfabrik Hucke-Pack. Ob das auch bedeutet, dass der Hucke-Pack jederzeit abgelegt werden kann, sagt er aber nicht.