Kohle statt Erdgas – für den Klimaschutz ist das egal!

Hans-Josef Fell

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Klimaminister Robert Habeck hat vorgeschlagen, in der Reserve befindliche Kohlekraftwerke übergangsmäßig wieder ans Netz zu nehmen.

Vielfach wird in den Medien kritisiert, dass dies dem Klimaschutz schaden würde. So wird befürchtet, dass Treibhausgasemissionen beim Umstieg von Erdgaskraftwerken auf Kohlekraftwerke steigen, wie von der Vorsitzenden der Geschäftsführung des BDEW Kerstin Andrae und dem Präsidenten der Bundesnetzagentur Klaus Müller artikuliert. Offensichtlich haben beide immer noch nicht verstanden, dass Erdgas mindestens genauso klimaschädlich wie Kohle ist. Leider bedienen sie mit ihren Aussagen das irrtümliche Image von Erdgas als klimafreundlicher Brückentechnologie.

Dabei ist längst klar: Erdgaskraftwerke sind mindestens genauso schädlich für unser Klima wie Kohlekraftwerke. Wenn sie mit Frackinggas, was teilweise auch über die russischen Pipelines geliefert wird, betrieben werden, dann können sie sogar bis zu 30 Prozent mehr Treibhausgase emittieren als Kohlekraftwerke. Grund sind die hohen Methanemissionen, die beim Fördern, dem Transport und anderen Leckagen der Erdgasinfrastruktur anfallen.

Für den Klimaschutz hat der Wechsel vom Erdgas zur Kohle genauso wenig positiven Einfluss, wie die jahrzehntelange Falschbehauptung, der Wechsel von Kohle auf Erdgas wäre klimafreundlich. Die ganze These von Erdgas als Brückentechnologie fußt auf der Propagandabehauptung der Erdgaswirtschaft vom angeblich klimafreundlichen Erdgas.

Insofern ist der Vorschlag von Robert Habeck hilfreich für den Ausstieg aus der russischen Kriegsfinanzierung, welcher längst überfällig ist. Sofern jetzt nur heimische Braunkohle übergangsmäßig für ein Jahr verwendet wird, dann macht das Sinn, um die Kriegsfinanzierung über Erdgaseinkäufe endlich zu stoppen – auch wenn dies nicht dem Klimaschutz dient. Aber das war ja – wie oben dargestellt – mit Erdgas auch nicht der Fall.

Allerdings sollten nun nicht Steinkohlekraftwerke aus der Reserve geholt werden, denn in Deutschland wird keine Steinkohle mehr gefördert. Diese müsste dann beispielsweise aus Kolumbien importiert werden, was ja Kanzler Scholz bereits versuchte einzufädeln.

In Kolumbien hat gerade eine Wahlsensation stattgefunden: Dort hat der Umweltschützer Gustavo Petro knapp die Präsidentschaftswahl gewonnen. Er will die ökologisch verheerende und menschenrechtswidrige Gewinnung von Bodenschätzen in Kolumbien zurückdrängen. Das gilt insbesondere für Kohle. Die deutsche Regierung muss nun aufpassen, dass sie mit dem richtigen Stopp der Erdgaslieferungen aus Russland nicht woanders verheerenden Schaden anrichtet. Das bedeutet: Wenn wir also mehr Steinkohle aus Kolumbien wollen, dann fallen wir der Ökologisierung und friedenspolitischen Entwicklung des neuen Präsidenten in den Rücken.

Hinzu kommt, dass Jens Spahn von der Union heute gefordert hat, Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Er hat wohl immer noch nicht gehört, dass der größte Teil der Brennelemente-Lieferungen in die EU aus Russland kommen. Da Deutschland ja keine neuen Brennelemente für die drei letzten Reaktoren bestellt hat, würde eine Laufzeitverlängerung wiederum der russischen Kriegsfinanzierung dienen, die ja durch Erdgasabschaltung verringert werden sollte. Jens Spahn, der ohne energiepolitische Expertise vom Gesundheitsminister in das Amt des energiepolitischen Sprechers der Union gerutscht ist, sollte erstmal energiepolitische Erfahrung sammeln, bevor er sich mit solchen Äußerungen blamiert. Auch als Gesundheitsminister hatte er sich nie für den Rückgang von Kohle, Erdöl und Erdgasnutzungen in Kraftwerken, Heizungen und im Verkehr eingesetzt, obwohl dies die Hauptquelle für gesundheitsschädlichen Feinstaub ist, der über 7 Millionen Tote mit Lungenkrankheiten im Jahr weltweit verursacht – wesentlich mehr als es bisher Coronatote.

Daher läuft alles darauf hinaus, neben übergangsmäßigen starken Energiesparmaßnahmen, wie sie von Saskja Esken endlich ins Spiel gebracht wurden, auch den steilen Ausbau der erneuerbaren Energien zu forcieren.

Im Gassektor spielt dabei das Biogas eine entscheidende Rolle. Ein Drittel des Gasbezugs aus Russland kann durch Flexibilisierung und Ausbau des Biogases ersetzt werden. Und das insbesondere im Stromsektor, aber auch im Wärmesektor, wie eine im Februar 2022 veröffentlichte Studie der Energy Watch Group darlegt.

Wenn in diesem Jahr genau diese Biogasstrategie mit der EEG-Novelle begonnen und bis zum übernächsten Jahr vollzogen wird, dann macht es Sinn, für ein bis zwei Jahre die Braunkohle vermehrt zu nutzen, um sie dann in einem Kohleausstieg deutlich vor 2030 völlig zu beenden. Das wäre dann auch wirksamer Klimaschutz und gleichzeitig ein wichtiger Beitrag für den Sofortboykott russischer Energie.

Doch leider sieht es im aktuellen EEG-Regierungsentwurf nicht nach der notwendigen Offensive für Biogas und anderen erneuerbare Energien aus. Umso mehr muss diese Sitzungswoche im Bundestag genutzt werden, um in den Verhandlungen zum EEG alle Register für einen schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien noch zu ziehen. Alle, die politischen Einfluss haben, sollten diese obigen Zusammenhänge ins Gespräch der Abgeordneten bringen und so für einen steilen Ausbau der erneuerbaren Energien zu sorgen.

— Der Autor Hans-Josef Fell saß für die Grünen von 1998 bis 2013 im Deutschen Bundestag. Der Energieexperte war im Jahr 2000 Mitautor des EEG. Nun ist er Präsident der Energy Watch Group (EWG). Mehr zu seiner Arbeit finden Sie unter www.hans-josef-fell.de. —

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