Deutlicher Anstieg der CO2-Emissionen 2021 – Umfangreiches Sofortprogramm angekündigt

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2020 hatte der mit der Corona-Pandemie verbundene Lockdown noch dafür gesorgt, dass die CO2-Emissionen in Deutschland kräftig sanken und die Bundesregierung ihre Senkung von 40 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 erreichte. Nur ein Jahr später ist dieses Ziel wieder futsch. Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) stiegen die Emissionen um 33 Millionen auf 762 Millionen Tonnen 2021 an. Damit beträgt die Reduktion gegenüber 1990 nur noch 38,7 Prozent.

Der Hauptteil der zusätzlichen CO2-Emissionen entstand im vergangenen Jahr im Energiesektor.  Dort lagen sie um rund 27 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente höher als noch 2020, wie das Umweltbundesamt ermittelte. Die Gründe dafür waren die wieder gestiegene Stromnachfrage sowie die gleichzeitig gesunkene Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Vor allem bei der Windkraft war ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen, während die Erzeugung der Photovoltaik-Anlagen durchschnittlich ausfiel. Aber auch die Sektoren Verkehr und Gebäude hätte die Vorgaben zu Jahresemissionsmengen aus dem Bundesklimaschutz nicht eingehalten. Bis 2030 ist das Ziel, die Emissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren.

Die Bundesregierung will auf die aktuelle Entwicklung mit einem umfangreichen Sofortprogramm reagieren. „Der Anstieg der Treibhausgasemissionen hat sich leider abgezeichnet. Dem wird die Bundesregierung jetzt mit einem ⁠ Klimaschutz ⁠-Sofortprogramm zügig entgegenwirken“, erklärte Patrick Graichen, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klima. „A & O ist ein wesentlich höheres Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Wir müssen es schaffen, dreimal so viele Kapazitäten wie bisher zu installieren, um den Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung bis 2030 auf 80 Prozent zu steigern. Eine Hängepartie wie in den letzten Jahren darf es dabei nicht mehr geben“, so Graichen weiter. Die Erkenntnis, wie stark Sicherheit und Energieversorgung zusammenhingen, habe der Ukraine-Krieg verdeutlicht. Daher sollten alle „Stolpersteine“ für den Ausbau von Photovoltaik und Windkraft zügig beseitigt werden. „Die schnellere Abkehr von fossilen Energien muss alle Bereiche umfassen – von der Industrieproduktion über den Gebäudebereich bis hin zur Mobilität und der Landwirtschaft. Entscheidend ist dabei, die soziale Balance zu wahren“, so Graichen weiter.

UBA-Präsident Dirk Messner bekräftigte die Notwendigkeit eines schnellen Handelns. „„Die Reduzierung der Treibhausgasemissionen von 2020 ist fast zur Hälfte schon wieder verloren“, sagte er. „Wir müssen schnell mehr Sonnen- und Windenergieanlagen bauen. Unsere Gebäude müssen wir auf Wärmepumpen umstellen und so schnell wie möglich aufhören Öl- und Gasheizungen einzubauen. Bei unseren Häusern können wir auch mit Energiesparen noch einiges erreichen, vor allem indem wir sie besser energetisch sanieren“, erklärte Messner. Dies helfe auch, die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Zusätzlich könne jeder Einzelne noch etwas dazu beitragen, dem Klima zu helfen. Messner empfiehlt dazu: „Etwas weniger heizen, das Auto öfter mal stehen lassen oder, wenn es doch notwendig ist, langsamer fahren.“

Für die einzelnen Sektoren veröffentlichte das UBA die jeweiligen CO2-Emissionen. So entfielen auf die Energiewirtschaft rund 247 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – 12,4 Prozent mehr als 2020. Immerhin lägen die Werte aber noch unter dem Ausstoß 2019. Für den Verkehrssektor ermittelte das UBA für das vergangene Jahr rund 148 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Dies liegt 1,2 Prozent über dem Ergebnis für 2020 und 3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente über dem für 2021 im Bundesklimaschutzgesetz anvisierten Ziel für den Sektor.

Auch die Industrie produzierte mehr CO2-Emissionen im vergangenen Jahr. Das UBA ermittelte einen Anstieg von 5,5 Prozent auf etwa 181 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Allerdings blieb der Sektor ganz knapp unter dem verankerten Ziel von 182 Millionen Tonnen. Nicht so der Gebäudebereich. Die Emissionen gingen zwar um 3,3 Prozent zurück. Mit den 115 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten blieb er aber über dem angestrebten Einsparzielen, die bei 113 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten festgeschrieben waren. Auch in der Landwirtschaft gingen die Emissionen zurück. Das UBA verzeichnete 61 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, was deutlich unterhalb der zulässigen Jahresemissionsmenge liege. Ähnlich die Entwicklung im Abfallsektor. Die Emissionen sanken um rund 4,3 Prozent auf etwa 8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente.

Weiteres Vorgehen

Die Emissionsdaten für 2021 würden nun vom Expertenrat für Klimafragen innerhalb eines Monats geprüft und bewertet. Danach haben die zuständigen Ministerien nach den Vorgaben des Gesetzes drei Monate Zeit, um ein Sofortprogramm zu veröffentlichen. Dort müssten konkrete Maßnahmen vorschlagen, wie der Gebäude- und Verkehrssektor in den kommenden Jahren auf den festgelegten Zielpfad gebracht werden könnten. Zugleich arbeitet die Bundesregierung bereits an einem Klimaschutzprogramm, um die Anforderungen so weit wie möglich zu erfüllen. „Um die Ziele der Bundesregierung bis 2030 zu erreichen, müssen nun pro Jahr sechs Prozent Emissionen gemindert werden. Seit 2010 waren es im Schnitt nicht einmal zwei Prozent“, erklärte Messner zu den Herausforderungen.

Während es bei den CO2-Emissionen einen Rückschlag gab, erfüllte Deutschland sein verbindlich festgelegtes EU-Ziel für den Erneuerbaren-Anteil am Bruttoendenergieverbrauch. Es erhöhte sich 2021 weiter – von 19,3 auf 19,7 Prozent. Dazu trug maßgeblich die Nutzung erneuerbarer Energien für Wärme und Kälte bei. Sie kamen aufgrund des kalten Winters mehr zum Zug, während die Heizöl-Nutzung zurückging. Im Stromsektor sank der erneuerbaren Anteil dagegen 2021 aufgrund der ungünstigen Windbedingungen. Er betrug nach 45,2 Prozent 2020 nur noch 41,1 Prozent am Bruttostromverbrauch, wie das UBA mitteilte.

BEE, Dena und BDEW fordert Neujustierung und Nachbesserungen

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) forderte auf Basis der Zahlen eine Neujustierung der Energiepolitik und eine Handlungswende. „Die Nach-Corona-Welt setzt die Negativspirale beim Klimaschutz, die wir vor Corona erlebten, weiter ungebremst fort. Das ist klimapolitisch verantwortungslos angesichts der aktuellen massiven Warnungen des Weltklimarats IPCC und sicherheitspolitisch fatal angesichts der weiterhin bestehenden Abhängigkeiten von fossilen Energien, die den Ausstoß der Treibhausgase in Deutschland ebenso beflügeln wie die Kosten für Strom, Wärme und Mobilität. Die politisch proklamierte ‚Zeitenwende‘ ist umgehend in eine Handlungswende in der Energiepolitik zu überführen“, erklärte BEE-Präsidentin Simone Peter. Die Energiewende in allen Sektoren müsse beschleunigt werden. Dazu brauche es erhebliche Nachbesserungen in den Energiepaketen. So blieben auch die Vorschläge aus dem EEG-Referentenentwurf „hinter den klima- und inzwischen auch sicherheitspolitischen Notwendigkeiten zurück“, so Peter weiter.

Noch deutlicher ist die Kritik von Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena). „Der Bericht scheint zur Unzeit zu erscheinen: Russlands Krieg in der Ukraine, die damit verbundenen Sanktionen und die heute noch gar nicht absehbaren Konsequenzen auf die Weltwirtschaft fordern von uns, neu zu denken“, kommentierte die Veröffentlichung der Zahlen des UBA. „Die Sektorziele aus dem Klimaschutzgesetz sowie sämtliche Analysen und Systemstudien der vergangenen 12 Monate erscheinen wie von gestern, sie müssen in Zeiten großer Unsicherheit zügig auf den Prüfstand.“

Nach Ansicht von Kuhlmann sollte zwar an den mittelfristigen Klimazielen festgehalten werden. Zugleich müsse sich Deutschland aber von der Vorstellung trennen, es könne einen exakten Plan für den Weg zur Klimaneutralität festlegen. „Versorgungssicherheit, Energieeffizienz, die Wasserstoffstrategie, aber auch die Rolle von Kohle- und Gaskraftwerken, die Skalierbarkeit von innovativen Klimatechnologien und vieles mehr muss neu überlegt werden“, sagte Kuhlmann. Der Fokus auf den Ausbau der Erneuerbaren im Stromsektor sei wichtig, aber nicht alles. Es brauche rasch Maßnahmen zur Beschleunigung von Energiewende- und Klimaschutzmaßnahmen. „Für die ebenfalls erforderlichen und aktuell diskutierten Entlastungspakete heißt das aber auch: Maßnahmen, die eher verbrauchssteigernde Effekte haben, sind kontraproduktiv“, erklärte Kuhlmann.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) forderte von der Bundesregierung ebenfalls, alle möglichen Mittel zu ergreifen, um den Erneuerbaren-Ausbau voranzutreiben. „Die Zahlen machen die Dringlichkeit des Erneuerbaren-Ausbaus noch einmal überdeutlich“, erklärte BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae. Für einen beschleunigten Photovoltaik-Zubau forderte der Verband einen „konsistenten Instrumentenmix aus finanziellen Anreizen für Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürger, mehr Flexibilität bei der Wahl der Nutzung des erzeugten Photovoltaik-Stroms und eine deutliche Entbürokratisierung rund um den Bau und die Nutzung von Photovoltaik-Anlagen“. „Bund und Länder müssen zudem mehr Flächen für Photovoltaik-Anlagen bereitstellen, zum Beispiel durch eine Photovoltaik-Pflicht für öffentliche Neubauten oder innovative Konzepte wie Agri-Photovoltaik oder schwimmende Solaranlagen“, so Andreae. Auch Hemmschwellen für die Installation von Photovoltaik-Dachanlagen müssten beseitigt werden.

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