European Utility Week: „Das Vertrauen in die Zukunft kommt zurück“

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Europa ist um eine Veranstaltung reicher, die nun auch offiziell die gesamte Energieindustrie erreichen will. „Von Ende zu Ende“ nennt das Paddy Young, Direktor der European Utility Week. Dieses Jahr firmierte die Veranstaltungswoche noch unter dem gewohnten Namen und fand in Kombination mit der Messe Powergen statt, die den Bereich Erzeugung umfasst. Nächstes Jahr wird sie in „Enlit“ umbenannt. Das kommt vom englischen Enligthenment, also Erleuchtung, und soll explizit mehr Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Erzeugung ansprechen.

Erleuchtet im wörtlichen Sinne dürften wohl die wenigsten die diesjährige Veranstaltung verlassen haben. Doch wer mit Versorgern Geschäfte machen oder sich über die neuesten Entwicklungen in dem Sektor informieren wollte, war vermutlich nicht fehl am Platze. Die Versorger waren zwar bei weitem nicht alle nicht mit Ständen vertreten, aber omnipräsent, ebenso wie Aussteller, die sich an diese Zielgruppe richten.

Vor Jahren – und vor Zukäufen und Fusionen mit anderen Messen – lag der Ursprung der European Business Week im Smart-Meter-Bereich. Das war in den zwei Messehallen auch heute noch zu sehen. Ein Schwerpunkt war das Meter Data Management, kurz MDM, da Verteilnetzbetreiber Smart Meter ausgerollt haben oder ausrollen müssen und sie das Handling der vielen Daten vor Herausforderungen stellt. So präsentierte beispielsweise Energyworx eine Lösung, die laut Director Solutions Rinse Veltman die Google-Cloud nutzt, um Smart-Meter-Daten zu speichern und zu verarbeiten. Das Unternehmen, in das unter anderem Engie investiert hat, überlässt das Handling der Daten dem großen Internetkonzern und setzt darauf eine MDM-Plattform. Diese können Nutzer für ihre Bedürfnisse und Analysen anpassen. Im Prinzip sei das System selbst zum Monitoring von Photovoltaik-Systemen und zur Steuerung von Batteriespeichern geeignet, so Veltman. Es müsse jedoch jemand die Plattform entsprechend konfigurieren.

Nach groß ausgestellten Modulen und Wechselrichtern suchte man in Paris vergeblich, aber es gab doch vereinzelte Angebote. Siemens als einer der wichtigen Messe-Sponsoren präsentierte sich mit einem sehr großen Stand voll mit Netzanwendungen. Ein Tisch war für das Wechselrichtergeschäft reserviert. Laut Global Account Manager Georges Makdessi gab es dafür bemerkenswertes Interesse, vor allem aus dem Umfeld der Versorger. Neben den Zentralwechselrichtern verkauft das Unternehmen jetzt übrigens auch die Stringwechselrichter von Kaco, teilweise unter dem eigenen Label.

Photovoltaik und Speicher sind bei der Veranstaltung ansonsten indirekt mit im Spiel, da die dezentrale Erzeugung einer der Treiber ist, welche die Verteilnetzbetreiber zur Anpassung zwingen. Die europäische Vereinigung der Verteilnetzbetreiber „E.DSO“ hielt dort ihr zweites „Stakeholder and Innovation Council“ ab. In drei Arbeitsgruppen skizzierte sie zusammen mit Regulatoren, Wissenschaftlern und anderen Beteiligten Strategien für Wege in die neue Energiewelt. „Wir sind überzeugt, dass wir Input von außen brauchen“, erklärte Chairman Christian Buchel das Vorgehen. Neben den Schwerpunkten Netzentwicklung und Kundenzugang fiel bei dem Innovation Council das Thema Ausfallsicherheit auf. Unter anderem war Anda Ray vor Ort, Senior Vice Präsident des amerikanischen Electric Power Research Institute. In Kalifornien mussten die Netzbetreiber im Sommer teilweise Netze abschalten, um Brände zu verhindern. Dabei habe man jedoch unter anderem Probleme bei der Versorgung von Notfallpatienten bekommen. Das Ziel dürfe nicht sein, solche Abwägungen zu treffen, statt dessen müsse man solche Situationen vermeiden.

Versorger in der sich ändernden Welt

Der Begriff Energieversorger beschreibt in der sich ändernden Energiewelt nicht mehr präzise genug, wo Unternehmen aktiv sind. Während sie früher von der Produktion über die Netze bis zum Vertrieb alles machten, splitten sich inzwischen viele auf. Dies ist jedoch länderabhängig und es gibt viele verschiedene Ansätze in Europa. In Frankreich dominiert die Idee, dass es einen branchenführenden Versorger gibt, der alles unter einem Dach macht, was gesetzlich für ein Unternehmen erlaubt ist, das „unbundeled“ ist. In anderen Ländern wie Deutschland haben sich die Unternehmen fokussiert. Teilweise kam das dadurch zustande, dass sie einem starken politischen und regulatorischen Druck ausgesetzt waren. „Interessant wird es sein zu sehen, welche dieser Herangehensweisen funktionieren“, so David Linden, Director Power & Renewables Consulting bei Wood Mackenzie: die Aufstellung von EDF und Engie entlang der Wertschöpfungskette, die von Eon mit Fokus auf Netze und Kundenlösungen oder die von RWE mit Schwerpunkt Erzeugung.

Die Versorger, die sich auf die Produktion konzentrieren, müssen den Übergang zu einem grünen Portfolio planen. Sie müssen Geschäftsmodelle entwickeln, die eine effiziente Kapitalbeschaffung ermöglichen – zum Beispiel mit festen PPAs, die einen gewissen Abnahmepreis garantieren, und mit einem sogenannten „Farming-Down-Modell“, bei dem sie Beteiligungen an Projekten verkaufen, wenn diese in Betrieb gehen, um ihre finanziellen Erträge zu verbessern, so David Linden. Da sich die Stromabnahme mehr zu einem Handelsmarkt mit weniger garantierten Einnahmequellen entwickle, würden auch andere Risikomanagement-Tools benötigt. In der Lage zu sein, selbst mit dem Strom zu handeln, sei dabei sehr wichtig. Hier hätten die Versorgungsunternehmen einen Vorteil.

Aber auch sie sind nicht allein. „Es wird interessant sein zu sehen, was neue Marktteilnehmer tun und wie diese den Markt verändern werden“, so Linden weiter. Europäische Ölkonzerne wie Shell, Total und BP würden stark entlang der gesamten Strom-Wertschöpfungskette investieren. Das reiche zwar bei weitem noch nicht an deren Kerngeschäft heran und mache bei Shell erst zehn Prozent der Investitionen aus. Doch das Unternehmen wolle erklärtermaßen Stromversorger werden. In den USA ist laut Linden ein solcher Trend noch nicht zu sehen. Das liege daran, dass dort der Druck der Öffentlichkeit und der Aktionäre noch nicht so groß sei.

Green Bonds mit Belohnung

Auch bei der Finanzierung der Versorger zeigt sich ein Trend. „In den ersten sechs Monaten haben die Hälfte der Versorger ihre Anleihen als Green Bonds ausgegeben“, sagte Sean Kidney, CEO der Climate Bond Initiative. Wer das mache, habe auch bereits einen Vorteil bei der Entwicklung der Aktienkurse. Die Green Bonds würden bei Investoren als Ausweis für die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen gesehen, so Kidney. Außerdem sei das Interesse der Anleger an Green Bonds groß, so dass man diese gut platzieren könne, da sie bei Markeinbrüchen weniger stark betroffen seien als andere Anleihen.

Green Bonds sind in der Regel Unternehmensanleihen und keine Projektfinanzierungen, so dass das Unternehmen dafür haftet. Doch die Bonds verweisen laut Kidney auf entsprechende Projekte. Zertifizierer wie die Climate Bond Initiative würden neben anderen Kriterien unter anderem überprüfen, dass nicht mehrfach auf die gleichen Vorhaben verwiesen werde. Allerdings seien derzeit nur rund 30 Prozent zertifiziert. Eine europäische Taxonomie, die derzeit entwickelt und voraussichtlich im nächsten Jahr veröffentlicht wird, könnte aus Sicht von Kidney dem Feld einen großen Schub geben.

Nach der Einschätzung von Messe-Organisator Paddy Young kommt das Vertrauen der Versorger und der Energieindustrie in sich und die Zukunft inzwischen zurück. Vor einigen Jahren hätten sie sich noch selbst pessimistisch als Dinosaurier bezeichnet. Einen Ausblick auf die angestrebte Zukunft als Messe für die gesamte Energieindustrie inklusive der erneuerbaren Erzeugung gab das Konferenzprogramm. „C&I“ war eine Strecke betitelt. Es ging unter anderem um PPAs in diversen Ländern. Ebenfalls sehr präsent war das Thema Gas, erneuerbares Gas und Power-to-Gas.

Die Umbenennung im kommenden Jahr wird übrigens nicht nur die European Utility Week betreffen. Auch die anderen Events des Organisators Clarion Energy in Asien und Australien sollen in „Enlit“ umbenannt und entsprechend ausgerichtet werden.