Manche Zahlen darf man nicht so ernst nehmen

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Der Streit um die beste Batterietechnologie für stationäre Speicher geht munter weiter. Wurde er lange zwischen den Marketingabteilungen der involvierten Unternehmen ausgefochten, geht er mit den Förderprogramme in die nächste Runde. Einige dieser Programme schließen nämlich bestimmte Technologien aus. Dabei kommt ein altes Reizthema zurück: Sind Lithium-Eisenphosphatbatterien sicherer und haltbarer als andere Lithium-Ionen-Batterien?

Die Vorlage dafür liefert eine Studie vom 30. November 2017, die das Öko-Institut für ein Batteriespeicherförderprogramm des EWS Schönau erstellte. Diese Studie begründet, warum LFP und nicht Lithium-NMC-Batterien gefördert werden sollten. LFP steht für Lithium-Eisenphosphat, NMC für Nickel-Mangan-Kobalt. Eine solche Förderung schließt große Marktteilnehmer wie beispielsweise E3/DC, Senec, Solarwatt, Siemens und LG Chem aus und sendet einen entsprechendes Signal in den Markt, wobei E3/DC inzwischen auf Wunsch auch Lithium-Eisenphosphat-Batterien liefert. Die Kriterien seien, so das Öko-Institut, die Verwendung von Gefahrstoffen, die Sicherheit und die Lebensdauer sowie eingesetzte Rohstoffe und Recycling.

Der Ausschluss kann die betroffenen Unternehmen nicht freuen und entsprechend vehement ist der Widerspruch, vor allem weil zwei städtische Batteriespeicher-Förderprogramme ähnliche Kriterien anwenden. Die Unternehmen haben natürlich ein kommerzielles Interesse zu widersprechen. Das macht ihre Argumente aber nicht per se falsch. Bei der Recherche für den pv magazine-Artikel vom März 2018 zum Thema haben die damals angesprochenen unabhängigen Wissenschaftler, unter anderem vom TÜV Rheinland und der TU München, die These ebenfalls abgelehnt, Lithium-Eisenphosphat-Batterien seien prinzipiell sicherer (siehe pv magazine März 2018, „Diskussion ums Eisenphosphat“).

Wie das Öko-Institut diese Entscheidung für die eine und gegen die andere Technologie begründet, versteht auch Thomas Timke nicht, Batterieexperte bei dem Unternehmen Solarwatt. Er hat zuvor für Zellhersteller gearbeitet, später am Karlsruher Institut für Technologie, ist Mitglied des Normungsausschuss für die IEC 62619, der international gültige Standards für sichere Batteriesysteme erarbeitet, und vertritt den Bundesverband Energiespeicher (BVES) bei der Diskussion um die UmsetzunLg der EU-Ökodesign-Richtlinie für Batteriespeicher in Brüssel. Für ihn fußt die Aussage in der Studie auf „vielfach widerlegten“ Verallgemeinerungen einzelner Aussagen, die ein falsches Gesamtbild abgeben.

Uns interessiert Ihre Einschätzung

Interessiert Sie Nachhaltigkeit? Was genau? Wir wollen wissen, wie die Solar- und Speicherbranche denkt und welche Berichterstattung wichtig ist. Ist der CO2-Fußabdruck, der Bleigehalt von Modulen, das Kobalt-Sourcing oder was ganz anderes? Ist billige Solarenergie das wichtigste Ziel, auf welchen Flächen auch immer?

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Das war für Timke der Anlass, sich in einer Fleißarbeit für eine Arbeitsgruppe beim BVES die Mühe zu machen, die in der Öko-Institut-Studie zur Begründung der Aussage zitierten knapp zehn Quellen und teilweise deren Quellen, rund 20 an der Zahl, zurückzuverfolgen und auf ihre Relevanz und Aussage zu überprüfen. Bei einem halben Duzend der Autoren dieser Studien, bei denen, die er für besonders relevant hielt, hat er nachgefragt. Er wollte von ihnen wissen, ob die Schlussfolgerungen, die das Öko-Institut daraus gezogen hat, richtig sind und ob ihre eigenen Arbeiten etwas über generelle Unterschiede zwischen Batterien basierend auf Lithium-Eisenphosphat auf der einen Seite und basierend auf Nickel-Mangan-Kobalt auf der anderen Seite aussagt. „Für mich wenig überraschend haben alle die beiden Fragen mit Nein beantwortet und waren zum Teil verwundert, dass ihre Arbeit überhaupt so genutzt wurde“, sagt Timke.

Wir von pv magazine wollten das verifizieren und haben einen Teil der Experten im Nachgang ebenfalls kontaktiert. Im Folgenden stellen wir die Aussagen der Öko-Insitut-Studie den Aussagen der zitierten Quellen in Bezug auf Sicherheit und Lebensdauer gegenüber.

Das Ergebnis

Alle für diesen Artikel angesprochenen Experten haben bestätigt, dass man von der Kathoden-Zusammensetzung LFP oder NMC nicht auf die Batteriesicherheit schließen kann. Es ist sowohl mit LFP als auch mit NMC möglich, sichere und unsichere Batterien zu bauen. Ähnliches gilt für eine hohe Zyklenstabilität.

Exemplarisch sei eine der wohl renommiertesten Quellen in der Kette der Veröffentlichungen zum Thema genannt, dem „Kompendium: Li-Ionen-Batterien“ des VDE von 2015. In einer aktuellen Stellungnahme erklärt VDE-Experte Thomas Becks: Aus den angegebenen Quellen, wie auch aus den in den im entsprechenden Kapitel angegebenen Normen und Anwendungsregeln, „speziell der IEC 62619 und der VDE-AR-E 2510-50, geht eindeutig hervor, dass für Sicherheit und Zyklenfestigkeit mehr als die Kathodeneigenschaften relevant sind“. Die vollständige VDE-Stellungnahme ebenso wie Aussagen von der Stefan Nakazi von der Verbraucherzentrale NRW, Vanessa Doering von Carmen, Andreas Köhler vom Öko-Institut,  Kai-Philipp Kairies vom ISEA der RWTH Aachen, Matthias Vetter vom Fraunhofer ISE und eine Stellungnahme des Bundesverbandes Energiespeicher BVES finden sich in der Langversion, die in der September-Ausgabe des pv magazine Deutschland veröffentlicht ist.

Da das Thema so viel Resonanz gefunden hat, haben wir den Artikel auch für Nicht-Abonnenten frei geschaltet. -> Zur ausführlichen Aufbereitung und Analyse der Aussagen in unserem Print-Artikel

PV und Elektromobilität

Warum in Zeiten der Elektromobilität 20 Kilowatt Photovoltaik pro Haus und ein großer Batteriespeicher das neue Paradigma wird: Dass Elektroautos damit den ganzen Winter durch mit dem eigenen Solarstrom versorgt werden und warum es sich lohnt, wird Andreas Piepenbrink, Geschäftsführer von E3/DC,  im pv magazine Webinar am Mittwoch, 16. Oktober 2019, 15:00 – 16:00 erläutern. Mehr Informationen und kostenfreie Registrierung