Energiewende – Bewusstseinswende

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Gegenwärtig haben wir in Deutschland Dürre und Hitze in einer noch nie dagewesenen Qualität. Man möchte meinen, dass – analog zum GAU in Fukushima, der die Erneuerung des Atomausstiegs bewirkte – dieses unmittelbare Spürbarwerden des Klimawandels ebenfalls einen energiepolitischen Aufbruch auslöst: Endlich Schluss mit der Hinauszögerung des Kohleausstiegs, Bremsen los für die Erneuerbaren!

Das Gegenteil ist der Fall

Netzbetreiber sind zwar heilfroh, dass die Photovoltaik die Stabilität sichert, da Kühlwassermangel die Wetterabhängigkeit von Atom- und Kohlekraftwerken offenkundig macht, doch Energieminister Peter Altmaier (CDU) freut sich über etwas ganz anderes: beim Windkraftbauer Enercon werden 132 Beschäftigte entlassen, insgesamt sollen in Deutschland mehr als 800 Arbeitsplätze abgebaut werden. Laut Altmaier schützt das vor Strompreiserhöhung!

Im Unterschied hierzu kann sich die kanadische Firma „Central European Petroleum GmbH“ (CEP), die im brandenburgischen Erholungsgebiet Schwielochsee (Lieberose/Oberspreewald) 30 Jahre lang Gas und Öl fördern will, des Wohlwollens der Regierung sicher sein. Es bleibt den Menschen vor Ort überlassen, durch bürgerschaftlichen Kampf das völlig anachronistische Vorhaben möglicherweise zu stoppen. Ebenso in Niedersachsen, wo in Wasserschutzgebieten nach Gas gebohrt werden soll und dringender Verdacht besteht, dass Krebshäufungen durch Emissionen der Gasförderung verursacht werden.

Parallel zum Pipeline-Ausbau für russisches Gas leitet EU-Kommissionspräsident Junker auch noch die Einfuhr im großen Stil von gefracktem LNG aus den USA nach Europa ein. Dieses Produkt dürfte der klimaschädlichste Brennstoff überhaupt sein. Die Vorkettenemissionen des Erdgases sorgen schon dafür, dass seine Klimabilanz schlechter ist als die der Kohle. Und etwa ein Viertel der in ihm enthaltenen Energie wird allein für die Verflüssigung durch Kompression und Abkühlung auf -163 Grad aufgebraucht.

Studien, wie die von der RWTH Aachen „Braunkohleverstromung kann sicher durch Gaskraftwerke ersetzt werden“, liefern von wissenschaftlicher Seite eine wohlfeile, aber unrealistische Untermauerung der „Energiewende durch Erdgas“, da sie nur das Gaskraftwerk betrachten, nicht aber, was geschieht, bevor das Gas dort ankommt. (Siehe hierzu: https://www.pv-magazine.de/2016/12/12/bitte-ganzheitlichkeit/ und https://www.pv-magazine.de/2017/11/27/eingestaendnis-zwecks-image-politur-erdgas-industrie-gelobt-besserung/)

Hinderliche Denkstrukturen

Wo bleibt also der Aufschrei, die Offensive für die Erneuerbaren, die allein eine Chance für eine Begrenzung der Erwärmung darstellen? Er bleibt aus – stattdessen „Anpassung an den Klimawandel“:  Entschädigungszahlungen, Gesundheitsschutz, Hitzeschutz, Waldbrandschutz, Hochwasserschutz, Moor-Renaturierung, Anpassung der Landwirtschaft fordert unter anderem die Grünen-Vorsitzende Baerbock. Warum hauen auch die Grünen jetzt nicht auf den Tisch?

Es hat etwas zu tun, mit unserer Struktur zu denken und zu handeln. Wir brauchen immer einen Nutzwert. Wenn wir etwas tun, dient es einem Zweck, muss eine ganz bestimmte Wirkung hervorrufen. Bei Maßnahmen zum Schutz vor bestimmten Auswirkungen der Klimaerwärmung ist das der Fall.

Wenn wir einen Windpark bauen, bedeutet es jedoch nicht, dass an dieser Stelle die Temperaturerhöhung reduziert wird. Möglicherweise ist sogar der Klimawandel insgesamt gar nicht mehr zu beeinflussen. Die Erneuerbaren wirken gegen die Klimaerwärmung, aber ein sicheres Resultat gibt es nicht. Die Ursache-Wirkung-Kette mitsamt dem klassischen Belohnungsschema ist „gestört“.

Indem wir trotzdem auf die erneuerbaren Energien umsteigen, wechseln wir nicht nur die Technik der Energieerzeugung, sondern begeben uns auf eine Ebene von Sinnhaftigkeit, die bisher in Technik und Ökonomie keine Rolle spielt. In anderen Lebensbereichen schon: In einem sportlichen Wettkampf weiß man auch nicht vorher, ob man gewinnt. In der Musik, im Tanz oder in zwischenmenschlicher Dynamik gibt es überhaupt kein Resultat, sondern nur das aktuelle Geschehen im Moment – welches allerdings über die Maßen erfüllend sein kann.

Konstruktion und Bau einer Erneuerbaren-Anlage müssen selbstverständlich den Gesetzen der Zweckhaftigkeit folgen. Die Auswirkung im globalen Gesamtsystem entzieht sich aber dem Sicherheitsdenken. Da dieses in unserer Gesellschaft zutiefst implantiert ist, ist eine Änderung von Mustern gefragt, die kaum schlagartig erfolgen kann.

Wir dürfen aber davon ausgehen, dass der aktuelle Genuss der Sonnengeschenke:  Befreiung von Krach, Staub, Gestank, Umwelt-, Landschafts- und Gesundheitszerstörung und vom Regime krankhafter Profitmaximierung auch bei der Energiewende (wie beim Klimawandel) einen Prozess des Sichselbstverstärkens auslösen kann. Eine Garantie gibt es aber auch hierfür nicht. So bleibt die Sache spannend – soll sie auch!

— Der Autor Christfried Lenz war unter anderem tätig als Organist, Musikwissenschaftler und Rundfunkautor. Politisiert in der 68er Studentenbewegung, wurde „Verbindung von Hand- und Kopfarbeit“ – also möglichst unmittelbare Umsetzung von Erkenntnissen in die Praxis – zu einer Leitlinie seines Wirkens. So versorgt er sich in seinem Haus in der Altmark (Sachsen-Anhalt) seit 2013 zu 100 Prozent mit dem Strom seiner PV-Inselanlage. Nach erfolgreicher Beendigung des Kampfes der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“ engagiert er sich ganz für den Ausbau der Ereneuerbaren in der Region. Als Mitglied des Gründungsvorstands der aus der BI hervorgegangenen BürgerEnergieAltmark eG, wirkte er mit an der Realisierung einer 750 Kilowatt-Freiflächenanlage in Salzwedel. Lenz kommentiert das energiepolitische Geschehen in verschiedenen Medien und mobilisiert zu praktischen Aktionen für die Energiewende —

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