PIK kann es nicht lassen – CCS hintenrum

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„Wenn Emissionen jetzt rasch sinken, spart das spätere Kosten – und es muss nicht soviel CO2 nachträglich aus der Luft geholt werden“, schreibt aktuell das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Doch: Die Entwicklung der erneuerbaren Energien macht CCS komplett obsolet!

Im November 2017 beteiligte sich das PIK an einem unter dem Schirm von Acatech gebildeten Bündnis zur Wiederbelebung von CCS. Nun schlägt es erneut – wenngleich etwas indirekter – in diese Kerbe: Gewissermaßen droht man, dass, wenn nicht auf anderen Wegen der CO2-Ausstoß ausreichend gemindert wird, umso mehr CO2 der Luft per Biomasse-CCS entzogen werden muss. –  CCS soll mal wieder in Erinnerung gebracht werden, egal wie.

Dass CCS in Deutschland nicht zum Zug kommt, liegt – laut PIK – nicht an Untauglichkeit des CCS, sondern an den „Ängsten“ der Bevölkerung. (Den Zeilenzwischenräumen ist zu entnehmen, dass die Deutschen ja dafür bekannt sind, dass sie vor allem Angst haben – „German Angst“.)  – Ich als jemand, der daran mitwirkte, dass CCS gestoppt wurde, kann allerdings versichern, dass es nicht Ängste waren, die uns trieben. „Stoppt den Wahnsinn!“ stand auf unseren Plakaten, und die Emotion, die unsere Aktivitäten auslöste, war nicht Angst, sondern ungläubiges Erstaunen: wie kann allen Ernstes versucht werden, den Deutschen – einem als intelligent geltenden Volk – weiszumachen, man könne „den Klimawandel vergraben“, wie wir es gern verdeutlichten?!

Man musste schon von etlicher Dumpf- oder Dummheit geschlagen sein, wenn einem der Schwenk nicht auffiel, den die fossile Energieindustrie hinlegte: Zunächst stellte sie – nachvollziehbarerweise – das stärkste Bataillon innerhalb der „Klimaleugner“ dar. Als aber das CCS-Konzept aufkam, mutierte sie zum besonders drastischen Klimawarner. Unschwer war zu durchschauen, dass sich hier kein Saulus zum Paulus gewandelt hatte, sondern diese Industrie in CCS zwei Chancen sah: Erstens durch Grünwaschung ihr Geschäft weiter zu betreiben und zweitens durch den Aufbau einer gigantischen europaweiten CCS-Infrastruktur auch noch eine zusätzliche höchst ergiebige Profitquelle zu erschließen.

Dass die ganze Thematik mit Klimaschutz nichts zu tun hatte, wurde jedem, der sich ohne berufliche oder finanzielle Interessen damit beschäftigte, sehr schnell klar – spätestens bei der Lektüre des von Widersprüchlichkeiten, Ungereimtheiten und Absurditäten nur so strotzenden CCS-Gesetzes. Abgesehen von der paradoxen energetischen Situation (um die für Abscheidung, Transport und Verpressung des CO2 erforderliche Energie zu erzeugen, muss mehr Kohlenstoff verbrannt, also mehr CO2 emittiert werden) und den eminenten Kosten ist neuralgischer Punkt die Dichtigkeit der – euphemistisch als „Speicher“ bezeichneten – Verpressungsgebiete. Dies verriet die CCS-Lobby selber in der vom EU-Parlament am 14.01.2014 verabschiedeten Resolution, deren Hauptanliegen die Verantwortungsübernahme für verfüllte Speicher durch den Staat und Kostenunterstützung bei Leckagen sind.

Leider hat sich das PIK und insbesondere dessen damaliger Leiter Hans Joachim Schellnhuber immer als Ober-Lobbyist der CCS-Technik verhalten. Statt sein internationales Ansehen ganz für den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung einzusetzen, verbreitete er die These, dass der EE-Ausbau unmöglich schnell genug vorankommen könne und CCS daher unverzichtbar sei. Dass es sich bei CCS um eine „Klimaschutztechnik“ handele, wurde diskussionslos unterstellt.

Seit einiger Zeit propagiert das PIK insbesondere das „Biomasse-CCS“, womit CO2 aus der Luft herausgeholt werden könne. Gunnar Luderer vom PIK platzierte diese Aussage weltöffentlichkeitswirksam vor der Pariser Klimakonferenz und konnte damit erreichen, dass die Begrenzung des Temperaturanstieg auf 1,5 Grad von der Konferenz als Möglichkeit aufgenommen wurde. Die Problematik der Dichtigkeit des benötigten immensen Speichervolumens, die beim Biomasse-CCS natürlich genauso gegeben ist wie beim Kohle-CCS, blendete Luderer aus, so dass seine Rechnungen mit den der Luft entzogenen CO2-Mengen rein theoretische Größen darstellen.

Weitere Fragwürdigkeiten des Biomasse-CCS wie technische Machbarkeit, Kosten, Landnutzungskonflikte, Schutz von Ökosystemen werden in der jüngsten Pressemitteilung vom PIK selber angesprochen.

Den richtigen Weg zur Reduzierung des CO2-Gehalts der Atmosphäre hat nach meinen Erachten Fritz Scholz aufgezeigt: Möglichst lange Nutzung des Holzes (etwa als Baumaterial) und anschließende Verhinderung der Oxydation durch Lagerung unter Luftabschluss (unter der Erde). Die Biomasse, die in Form von Kohle, Öl und Gas verbrannt wurde, wird bei diesem Verfahren der Erde zurückgegeben, wodurch ein neuer Verkohlungsprozess inauguriert wird. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, kleinteiliges Holzmaterial zu verkohlen und in Ackerböden einzuarbeiten.

Erfreulich, dass Ottmar Edenhofer – Chefökonom und stellvertretender Direktor des PIK – nicht CCS, sondern die Emissionsreduzierung durch schnelles Beenden der Kohleverstromung und Bepreisung des CO2-Ausstoßes akzentuiert. Die Umsetzung von Schellnhubers Einschätzung hätte aber auch zu horrenden Fehlinvestitionen geführt! Denn inzwischen unterbieten die Stromgestehungskosten bei erneuerbaren Energien – selbst unter Absehung sämtlicher Klima- und Umweltvorteile – die konventionellen Energien und sinken weiter. Saudi-Arabien plant die größte PV-Anlage der Welt und will sich bis 2030 zu 100 Prozent mit Solarstrom versorgen. Das weitere Voranschreiten der erneuerbaren Energien wird disruptiv sein.

Noch wirkt allerdings Deutschland als retardierendes Moment: Dass der einstige Pionier seine eigenen Klimaschutzziele aufgibt, wirkt irritierend auf die Länder, die sich an Deutschland orientiert haben. Daran, dass es zu dieser Situation gekommen ist, hat das PIK eine Mitverantwortung. Aufgrund seiner Fixierung auf CCS hat es schulterzuckend mitangesehen, wie in Deutschland 70.000 Arbeitsplätze in der Photovoltaik zugrunde gingen, durch die Gestaltung des Strommarktes, Ausbaudeckelung, bewusst böswillige Überbürokratisierung und weitere Benachteiligungen.

Das PIK sollte aus der mittlerweile offenkundigen Situation die Konsequenz ziehen: nicht doch immer mal wieder mit dem CCS-Fähnchen wedeln, sondern klar und eindeutig auf die 100-prozentige Versorgung durch erneuerbare Energien in Verbindung mit intelligenter Steuerung, Speicherung und Sektorenkopplung verweisen. Dass das PIK diejenigen, die hieran mit vollem Einsatz arbeiten, ideell und politisch unterstützt und dabei auch die Kontroverse mit der gegenwärtigen Regierung nicht scheut, ist das Mindeste, was von einem Klimainstitut zu erwarten sein sollte.

— Der Autor Christfried Lenz war unter anderem tätig als Organist, Musikwissenschaftler und Rundfunkautor. Politisiert in der 68er Studentenbewegung, wurde „Verbindung von Hand- und Kopfarbeit“ – also möglichst unmittelbare Umsetzung von Erkenntnissen in die Praxis – zu einer Leitlinie seines Wirkens. So versorgt er sich in seinem Haus in der Altmark (Sachsen-Anhalt) seit 2013 zu 100 Prozent mit dem Strom seiner PV-Inselanlage. Nach erfolgreicher Beendigung des Kampfes der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“ engagiert er sich ganz für den Ausbau der Ereneuerbaren in der Region. Als Mitglied des Gründungsvorstands der aus der BI hervorgegangenen BürgerEnergieAltmark eG, wirkte er mit an der Realisierung einer 750 Kilowatt-Freiflächenanlage in Salzwedel. Lenz kommentiert das energiepolitische Geschehen in verschiedenen Medien und mobilisiert zu praktischen Aktionen für die Energiewende —

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