Der kalte CCS-Kaffee wird mal wieder aufgewärmt

Der Umstieg auf die erneuerbaren Energien birgt – laut FDP-Politker Lambsdorff – die Gefahr des „industriellen Selbstmordes“. Wenn es um die Beendigung der Kohleverstromung, die Dekarbonisierung der Mobilität, die Reduzierung der landwirtschaftlichen Treibhausgase geht, ist Klimaschutz „Ideologie“ und der CDU-Wirtschaftsrat warnt vor „klimaideologischer Übersteuerung“. Wenn aber eine Chance gesehen wird, CCS wieder ins Gespräch zu bringen, dann triefen plötzlich alle nur so von „klimapolitischem“ Engagement. Während man den Löwenanteil der CO2-Emissionen ruhig weitergehen lässt, sorgt man sich geradezu herzzerreißend um die angeblich unvermeidbaren industriellen CO2-Emissionen, welche angeblich nur durch die „geologische Speicherung“ unschädlich gemacht werden können.

Doch werden sie dadurch denn unschädlich??

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. kam jedenfalls zu dem Schluss, dass die geologische CO2-Speicherung – ebenso wie die Atomenergie – „versicherungstechnisch schlichtweg nicht absicherungsfähig“ ist. (Stellungnahme vom 13.4.2011). Und die CCS-Betreiber glauben selber nicht an die von ihnen in der Öffentlichkeit lauthals behauptete „Sicherheit“: In der von CCS-Befürwortern am 14.01.2014 im EU-Parlament eingebrachten (und verabschiedeten) Resolution wird die vorgesehene 40-jährige Haftung der Betreiber für verfüllte Speicher als „übermäßig“ bezeichnet. Statt der Unternehmen solle doch der Staat, der die CO2-Verpressung genehmigt hat, in die Pflicht genommen werden. Weiterhin sollen die Betreiber von der laut Richtlinie vorgesehenen Pflicht, im Leckagefall CO2-Zertifikate zurückzugeben, befreit werden, da sie durch die „erforderlichen kostenintensiven Abhilfebemühungen“ schon genug belastet würden.

Dass das Versuchsprojekt von Ketzin als Erweis des Funktionierens der Technik gefeiert wurde, ist lächerlich. Hier wurden 67.000 Tonnen CO2 verpresst, während ein mittleres Kohlekraftwerk jährlich Millionen Tonnen emittiert. Dieser „Reagenzglasversuch“ hat etwa die gleiche Aussagekraft, wie wenn man den Beweis, dass ein Behälter einen Druck von 100bar aushält, dadurch erbracht sieht, dass er bei Befüllung mit 0,1 bar nicht geplatzt ist.

Bei CCS geht es nicht um Klimaschutz, sondern um Hinauszögerung der Energiewende. Bei einem Einstieg in CCS bei industriellen Emissionen würden alsbald Erfolgsmeldungen à la Ketzin produziert, und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass dann die fossilen Kraftwerke alsbald ebenfalls angeschlossen würden. Nichts anderes als deren Grünwaschung ist das ganze Motiv des CCS.

Dass „CCU“ (carbon capture and usage, also Abscheidung und Nutzung des CO2) dem CCS vorangestellt wird, soll das CCS, dessen Ruf dank Aufmerksamkeit vieler Bürger ramponiert ist, unauffälliger machen. Doch auch hierbei handelt es sich nur um einen Rosstäuschertrick, denn bislang ist keine Technik in Sicht, die eine sinnvolle Nutzung des CO2 in klimarelevantem Umfang ermöglichen würde.

Die alten Lobbys kämpfen verzweifelt um den Fortbestand der Atom- und der fossilen Industrie. Da die erneuerbaren Energien (insbesondere Sonne und Wind) ihrem Wesen nach dezentral sind, passen sie nicht mit der Struktur und auch nicht mit der Ideologie der alten Energie-Geschäftsmodelle zusammen.

Das ist der eigentliche Hintergrund der Erneuerbaren-Ausbremsung in allen ihren Formen. Der Schutz des Planeten und die Demokratisierung der Energieerzeugung erfordern aber die Überwindung der alten Geschäftsstrukturen!

— Der Autor Christfried Lenz ist unter anderem Musikwissenschaftler, Organist und Rundfunkautor. Er ist in der 68er Studentenbewegung politisiert worden. Ein Grundzug seines Bestrebens ist „Verbindung von Hand- und Kopfarbeit“: Theorie ja, aber immer mit Übersetzung in die Praxis! So versorgt er sich in seinem Haus in der Altmark (Sachsen-Anhalt) seit 2013 zu 100 Prozent mit dem Strom seiner PV-Inselanlage. Nach erfolgreicher Beendigung des Kampfes der BI „Kein CO2-Endlager Altmark“ engagiert er sich ganz für den Ausbau der Erneuerbaren in der Region, z.B. als Vorstandsmitglied der aus der BI hervorgegangenen BürgerEnergieAltmark eG, die in Salzwedel eine 750 Kilowatt-Freiflächenanlage betreibt. Christfried Lenz kommentiert das energiepolitische Geschehen in verschiedenen Medien und mobilisiert zu praktischen Aktionen für die Energiewende. —

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