Gigawattstunden vs. Terawattstunden: Das Missverständnis bei Floating-Photovoltaik

Floating-PV, KI-Bild

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In den sozialen Medien kursieren immer wieder zugespitzte Visualisierungen zu schwimmenden Photovoltaik-Anlagen in Pumpspeicherbecken. Die Botschaft ist meist eindeutig: weniger Verdunstung, mehr Wasser, mehr Energie, mehr Zukunft. Solche Bilder funktionieren gut, weil sie ein komplexes energiewirtschaftliches Thema auf einen einfachen Gegensatz verdichten. Auf der einen Seite steht das trockene Becken mit Wasserverlust, auf der anderen Seite der blaue Speichersee mit schwimmenden Solarmodulen. Das ist kommunikativ stark. Es ist aber auch eine Verkürzung.

Denn die Reduktion von Verdunstung ist bei Floating-Photovoltaik tatsächlich ein positiver Effekt. Sie ist nur nicht der entscheidende. Wer schwimmende Photovoltaik-Anlagen vor allem als Wasserspartechnologie bewirbt, lenkt den Blick auf den kleineren Teil des Nutzens. Der größere Hebel liegt in der zusätzlichen Stromerzeugung auf Flächen, die bereits energiewirtschaftlich genutzt werden. Genau darüber sollte die Debatte geführt werden.

Für die DACH-Region, also in Deutschland, Österreich und der Schweiz, lässt sich die Größenordnung recht klar einordnen. Die Pumpspeicherstandorte verfügen zusammen über rund 135 Quadratkilometer relevante Speichersee Fläche. Bei mittleren jährlichen Verdunstungstiefen von etwa 0,65 Metern in Deutschland, 0,55 Metern in Österreich und 0,50 Metern in der Schweiz ergibt sich daraus eine Verdunstung von grob 75 Millionen Kubikmetern Wasser pro Jahr. Rechnet man dieses Volumen mit typischen Fallhöhen von 300 Metern in Deutschland, 600 Metern in Österreich und 700 Metern in der Schweiz sowie einem Turbinenwirkungsgrad von 90 Prozent in elektrische Energie um, entspricht der Wasserverlust etwa 100 Gigawattstunden jährlich.

Das klingt zunächst nach viel. Entscheidend ist aber, welcher Anteil davon durch Floating-Photovoltaik tatsächlich vermeidbar wäre. Da Pumpspeicherseen aus technischen, ökologischen und betrieblichen Gründen nur begrenzt belegt werden können, ist eine vollständige Abdeckung unrealistisch. Nimmt man eine mittlere Belegung von rund 10 Prozent und eine Verdunstungsreduktion von etwa 50 Prozent an, bleiben am Ende lediglich rund vier bis fünf Gigawattstunden pro Jahr an vermeidbarem Energieverlust. Das ist ein nützlicher Nebeneffekt, aber kein tragfähiger Grund, Floating-Photovoltaik auf Pumpspeichern strategisch zu priorisieren.

Der eigentliche Nutzen liegt in der Stromerzeugung selbst. Je nach installierbarer Leistung und spezifischem Ertrag kann ein Megawatt Floating-Photovoltaik in der DACH-Region grob 0,9 bis 1,2 Gigawattstunden Solarstrom pro Jahr erzeugen. Selbst eine moderate Belegung geeigneter Speicherflächen könnte damit Solarstrom im Terawattstundenbereich liefern. Damit ist das Erzeugungspotenzial um Größenordnungen größer als der energetische Effekt der vermiedenen Verdunstung. Genau hier liegt der blinde Fleck der Debatte: Wir sprechen über eingesparte Gigawattstunden, obwohl es eigentlich um zusätzliche Terawattstunden gehen müsste.

Pumpspeicher sind dafür besonders attraktive Standorte. Sie verfügen bereits über energiewirtschaftliche Infrastruktur, Netzanschlüsse und Speicherfunktion. Schwimmende Photovoltaik-Anlagen könnten dort nicht nur zusätzlichen erneuerbaren Strom erzeugen, sondern diesen auch räumlich mit Flexibilität verbinden. Das ist in einem Energiesystem mit steigenden Anteilen volatiler Erzeugung deutlich wertvoller als die reine Wasserersparnis.

Deshalb braucht die Debatte ein anderes Framing. Floating-Photovoltaik auf Pumpspeichern ist kein Wassersparprogramm. Es ist eine Option zur effizienteren Nutzung bestehender Energieinfrastruktur. Die reduzierte Verdunstung kann politisch und ökologisch hilfreich sein, sollte aber nicht zum Kernargument gemacht werden. Wer Floating-Photovoltaik über Wasserersparnis verkauft, macht die Technologie kleiner, als sie ist.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie viel Wasser durch schwimmende Solaranlagen erhalten bleibt. Die entscheidende Frage lautet, wie viel zusätzlicher Solarstrom auf bereits energiewirtschaftlich genutzten Flächen erzeugt und systemdienlich integriert werden kann. Genau darin liegt das Potenzial.

— Der Autor Paul Fabianek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand im Bereich Energieökonomik an der RWTH Aachen University. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Integration erneuerbarer Energien, der Akzeptanz von Elektromobilität sowie der Ausgestaltung von Smart-Charging- und Flexibilitätsmechanismen. Zudem ist er als selbstständiger Energieberater tätig. —

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