Mit der Sonne in die Unabhängigkeit

Die Korken knallen, der bei tropischen Temperaturen immerhin halbwegs gekühlte Sekt strömt in die Gläser. Bereits seit dem Morgen brennt die Sonne in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince vom Himmel. „Wir stoßen an auf die Zukunft unseres Planeten. Denn das, was wir hier tun, ist nötig ihn zu erhalten. Und dass wir es hier tun, ist nötig, damit möglichst viele diesem Beispiel folgen. Denn nur zusammen schaffen wir das.“ Willi Ernst, deutscher Solarpionier und heute Vorsitzender der Biohaus-Stiftung zur Förderung von Solartechnik in Entwicklungsländern, strahlt über das ganze Gesicht. Immerhin ist dank seiner Organisationsarbeit soeben ein neues Smart Grid in Bertrieb gegangen. Es ist mit 500 Kilowatt das größte solarbetriebene Off-Grid Stromnetz der Karibik.

Ein bemerkenswerter Schritt, gerade in Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Welt. Die netzbildenden Lithium-Ionen-Akkus stammen vom Berliner Unternehmen Qinous, die Messtechnik kommt von Solargy in Hannover, die Solarmodule wurden aus Venezuela und Mexiko importiert, den Zentralwechselrichter steuerte Bonfiglioli Deutschland bei.

„Dieses hybride Smart-Grid hat eine intelligente Steuerung, mit der wir alle unsere Einrichtungen versorgen können, vom Krankenhaus bis zur Lebensmittelproduktion. Gleichzeitig werden noch die großen Energiespeicher geladen, so dass wir dann nur noch in der Nacht die Dieselgeneratoren zuschalten müssen“, meint Heiko Seeger, Vorstand der Hilfsorganisation NPH-Deutschland. Die Hilfskooperative von NPH und der US-amerikanischen St. Luke Foundation, die durch Spenden und geschickte Impact Investments das Smart-Grid-Projekt ermöglichte, spart aufgrund des entfallenden Treibstoffs für die Dieselgeneratoren jährlich rund sechzig Prozent Energiekosten und außerdem 2000 Tonnen CO2-Ausstoß ein.

„Unsere Lithium-Ionen-Batterien werden in einem geschlossenen System effizient gekühlt, haben eine Lebensdauer 4000 Ladezyklen und eine Round Trip Efficiency von 88 Prozent“, erklärt Qinous-Mitgründer Busso von Bismarck, der mit seinem Unternehmen bereits in zahlreichen Entwicklungsregionen weltweit On- und Off-Grid-Lösungen installiert hat. Auch eine Kopplung des Smart-Grids ans Netz des staatlichen haitianischen Energieunternehmens Éléctricité d’Haiti (EDH) war geplant, lässt aber aufgrund der schleppenden behördlichen Entscheidungsprozesse noch auf sich warten. Dennoch ist die Eröffnung des Smart-Grids ein wichtiger Schritt in die Zukunft des haitianischen Solarmarktes.

In wenigen Jahren sind in der NPH-eigenen Berufsschule bereits sechzig haitianische Solartechniker ausgebildet worden. Einige der Absolventen haben unlängst sogar ihr eigenes Solar-Start-Up „START“ gegründet, das sich vorAufträgen im ganzen Land kaum retten kann.

Einer der ambitionierten haitianischen Solartechniker ist der 30-Jährige Val Brière. Mit einer Bohrmaschine in der Hand steht Val freundlich lächelnd in der sengenden Mittagssonne auf dem Dach einer Missionarsstation in Delmas 31, einem vornehmeren Viertel von Port-au-Prince. Drei Jahre lang hat er sich zum Solartechniker ausbilden lassen. Jetzt leitet er seine erste Anlagen-Installation (Foto: NPH).

„Hier bringen wir gleich die Combiner-Box für die Module an. Die Spannung wird dann an den Wechselrichter und schließlich an den Charge Controller geleitet, der die Batterien mit Strom versorgt“, erklärt Val sichtlich begeistert. Die technische Berechnung der 6,8 Kilowatt-Anlage, die einmal das Gästehaus der Station mit Strom versorgen soll, haben er und seine drei Kollegen ebenfalls selbst vorgenommen. Die Sonne, das wird auch an diesem glutheißen Mittag in Port-au-Prince deutlich, ist ein unumgängliches Potenzial für Haitis energetische Zukunft. Die Sonneneinstrahlungswerte und damit die erzeugte Solarstrommenge aus den Photovoltaikanlagen ist in der Karibik doppelt so hoch wie etwa in Westeuropa .

Trotz aller infrastrukturellen und rechtlichen Unwägbarkeiten hat sich in den vergangenen Jahren in Haiti eine kleine aber stabile Solarbranche entwickelt. Einer der erfolgreichsten Photovoltaikunternehmer der Hauptstadt ist Jean-Ronel Noël. Seit 2007 produziert der anpackende 40-Jährige in seinem Unternehmen Enersa Solarmodule und LED-Leuchten. Mit rund dreißig haitianischen Ingenieuren hat er bereits 5000 Solar-Straßenlaternen sowie Anlagen für Privathaushalte, Mikronetze und zur industriellen Nutzung installiert.

„Die Preise im Solarsektor sind in den vergangenen Jahren zwar deutlich gefallen. Für die meisten Haitianer sind die Anfangsinvestitionen im Vergleich zur Dieseltechnik dennoch zu hoch,“ glaubt Noël. „Wir brauchen sichere Investitionshilfen. Deshalb muss unsere Regierung endlich das Programm der Weltbank für Individualkredite für erneuerbare Energien in Privathaushalten nutzen (Clean Technology Fund, A.d.R.). Das würde für einen echten Boom der haitianischen Solarbranche sorgen.“ Noëls Unternehmen setzt vor allem auf die Ausbildung und Beschäftigung junger Haitianer aus den ärmsten Vierteln der Hauptstadt. Mit einfachsten und nicht immer den westeuropäischen Fertigungsabläufen entsprechenden Mitteln bringt der Ingenieur seinen Schützlingen bei, wie man ein Solarmodul verlötet, backt, und es anschließend beim Endkunden installiert.

Das äußerst störungsanfällige staatliche Stromnetz Haitis basiert noch immer zu 80 Prozent auf langfristig viel teureren Dieselgeneratoren. Erklärtes Ziel der Regierung ist es nun, die Solaranergie gezielt zu fördern. Der seit rund sieben Monaten amtierende Präsident Jovenel Moïse hat unlängst die Devise „24/ 24“ ausgegeben. Er will innerhalb von 24 Monaten dafür sorgen, dass alle Haitianer 24 Stunden am Tag über Stromzugang verfügen.

Angesichts von gerade einmal sechs Prozent der Landbevölkerung, die bisher überhaupt Zugang zu Elektrizität haben, ein höchst ehrgeiziges Ziel, glauben nicht nur Solarexperten. Die sowieso schon rückständige Infrastruktur des Landes ist durch das verheerende Erdbeben 2010 und den Wirbelsturm Matthew im vergangenen November zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Vor allem die Wasser- und Solarenergie will die Regierung fördern und außerdem die derzeit enorme Steuerbelastung auf die Einfuhr von Solartechnik ganz abschaffen. Im September hat das Parlament den Finanzplan 2017/2018 genehmigt, darin ist die Abschaffung der Importzölle für Photovoltaikprodukte nun enthalten .

„Was wir vor allem brauchen, ist eine sichere Investitionsgrundlage“, betont Solarunternehmer Jean-Ronel Noël. Wenngleich er das Engagement der Regierung begrüßt, kennt er die chronischen Unzulänglichkeiten des haitianischen Staatsapparates. „Ob die Steuerbefreiung wirklich kommt, müssen wir abwarten . Dazu kommt das marode Leitungsnetz des staatlichen Energieunternehmens, das keine zusätzlichen Kapazitäten einspeisen kann“, gibt Noël zu bedenken. „Die Aufklärung über die langfristigen finanziellen Vorteile der Solarenergie und individuelle Mini-Netze sind Haitis Energie-Zukunft.“ (Cornelius Wüllenkemper)