Smappee macht Stromverbauch sichtbar

Wer jemals versucht hat, mit einem Energiemessgerät herauszufinden, welches seiner Elektrogeräte wie viel an Stromkosten verursacht, wird wissen, wie schwierig das ist. Alleine die Waschmaschine benötigt in jedem Programm unterschiedlich viel Strom und moderne Maschinen auch noch abhängig von Wäschemenge und Verschmutzungsgrad. Nach dem Messen kann man beim Hochrechnen des Jahresverbrauchs nur schätzen.

Mit Smappee wird das plötzlich ganz einfach. Auf der Smartphone-App des Unternehmens kann man der Waschmaschine live beim Stromverbrauchen zusehen, ebenso der Kaffeemaschine, dem Fernseher oder der Stereoanlage im Stand-by-Betrieb. Für alles muss nur ein Messgerät an ein Kabel beim Sicherungskasten angeklammert werden. Das geht laut Installationsvideo sehr einfach, obwohl Smappee dennoch den Einsatz eines Elektrikers empfiehlt. Auch die Anmeldung, Installation und die Nutzung der App seien sehr unkompliziert.

„Das könnte sogar meine Großmutter“, sagt Smappee-Gründer Stefan Grosjean aus Belgien. Er hatte zunächst 25 Jahre lang als Energiemanager gearbeitet und dann die Firma Energy ICT aus der Taufe gehoben, die Mittelständlern Einblick in ihre Energieflüsse gab. Nach erfolgreicher Wachstumsphase hat er das Unternehmen verkauft und 2012 Smappee gegründet, um nun auch Privathaushalten die Möglichkeit zu geben, etwas gegen Energiefresser zu tun.

Hinter der sehr einfachen und kundenfreundlichen Anwendung Smappee steht die komplexe Technik des Nonintrusive Load Monitoring (NILM). Sie wurde bereits in den 80er-Jahren am Massachusetts Institute of Technology (MIT) erforscht. Dabei misst ein Gerät an einer Phase die elektrischen Ströme, die der Haushalt aus dem Netz bezieht, und zeichnet das Muster auf, das anschließend analysiert wird. Dadurch, dass verschiedene Verbraucher ganz unterschiedliche Signaturen aufweisen, kann die Analysesoftware nach und nach konkrete Geräte identifizieren und ihnen den jeweiligen Stromverbrauch zuordnen. Die Kosten für die nötige präzise Messtechnik seien in den letzten Jahren so weit gefallen, dass sie nun auch im Privathaushalt eingesetzt werden kann, sagt Grosjean.

Darüber hinaus hätten sich mit der stürmischen Entwicklung von Smartphones und Apps auch die Softwarekosten stark reduziert. „Die Zeit für die Gründung von Smappee war einfach perfekt“, erklärt Grosjean. Das Unternehmen hält einige Patente, die die weitere Entwicklung absichern. „So verbessern wir unsere Algorithmen kontinuierlich, um zum Beispiel die Geräteerkennung noch genauer zu machen und um auch komplexere Geräte besser zu identifizieren. Momentan kann Smappee etwa 80 Prozent des Stromverbrauchs korrekt zuordnen.“ Dafür benötigt die Anwendung bis zu einem Monat.

Stromverbrauch um bis zu 30 Prozent senken

Seit 2013 ist der Energiemonitor in Belgien und den Niederlanden erhältlich, seit 2014 weltweit. „Allein dadurch, dass die Kunden nun wissen, wodurch sie viel Strom verbrauchen, erzielen sie Einsparungen von zwölf Prozent“, berichtet Hans Delabie, COO und Mitgründer von Smappee. „Wenn sie dann noch Energiefresser wie alte Kühlschränke austauschen, können sie leicht 30 Prozent erreichen.“ In seinem eigenen Haushalt habe er den Stromverbrauch von 5.100 Kilowattstunden im Jahr 2013 auf 3.900 Kilowattstunden im Jahr 2015 gesenkt.

„Es gibt durch Smappee viele kleine Feedback-Momente, die zu einer Verhaltensänderung führen.“ Selbst wer regelmäßig auf seinen Stromzähler schaue, erfahre nur wenig darüber, was in seinem Haushalt mit der Energie eigentlich passiert. Und auch die neuen Smart Meter werden dieses Problem nicht lösen. Sie brächten nur den Netzbetreibern mehr Durchblick, indem sie Daten für das Netzmanagement liefern und für die Abrechnung. Für den Kunden gebe es dagegen kaum zusätzliche Informationen, so Delabie. „Smart Meter sind nicht smart, sondern eigentlich dumm.“ Sie messen zwar sehr genau. Für den Disaggregation genannten Vorgang, bei dem anhand der Schalthandlungen die Hardware aufgeschlüsselt wird, benötige man aber vor allem viele feine Messungen.

Smappee messe Tausende Male pro Sekunde Spannung und Stromstärke und könne dadurch alle Arten von elektrischen Parametern analysieren, so Delabie. „Cloud-basierte Disaggregationstechnologien, die auf Smart-Meter-Daten basieren, können dagegen nur eine sehr begrenzte Anzahl von Geräten erfassen.“ Alternativ zur Smappee-Basisversion bietet das Unternehmen für einmalig 349 Euro den Solar-Energiemonitor an. Er überwacht nicht nur den Verbrauch der Haushaltsgeräte, sondern behält auch die Stromproduktion im Blick.

Mit steuerbaren Steckdosen lassen sich dann über die App manuell oder automatisch Verbraucher zuschalten, die den Eigenverbrauch erhöhen. Auch IOT-Geräte ließen sich über die App bereits steuern. So etwa die Klimaanlagentechnik von Tado. Mit weiteren Einheiten, die sich an Gas- und Wasserzähler anschließen lassen, kann man den Überblick über seinen Energieverbrauch vervollständigen. Damit lassen sich dann Einsparungen beim Gasverbrauch nachvollziehen, wenn zum Beispiel mit Überschussstrom ein Heizstab betrieben wurde.

40 Prozent der Smappee-Kunden kauften übrigens den Solar-Energiemonitor, berichtet Delabie. Beliebt sei die Anwendung außerdem bei Photovoltaikinstallateuren, die damit das Profil eines Haushalts ermitteln können, um dann über die Dimensionierung des Batteriespeichers zu entscheiden.

Datenschutz mitgedacht

Dadurch, dass die Smappee-App alle Daten in der Cloud lagert, stellt sich jedoch die Frage nach der Datensicherheit, und auch nach einer Auswertung und weiteren Vermarktung des Datenpools. „Eine Vermarktung der gesammelten Daten wird es nicht geben“, sagt Delabie. Das sei einmal durch die Nutzungsbedingungen ausgeschlossen und zum anderen dadurch, dass alle Daten nur anonym gespeichert würden, allein identifizierbar durch die Seriennummer des Smappee-Gerätes.

Ein Hacker könne durch Einbruch in die Datenbank somit nicht die Adresse des Nutzers herausfinden und Smappee könne die Daten nicht sinnvoll verwerten. Denn es bleibe unklar, wo das Geräte steht und ob es einem Zweipersonenhaushalt gehöre oder einem Supermarkt. Somit trägt der einzelne Nutzer die Verantwortung für den sorgfältigen Umgang mit seinem Account, denn nur in seinem Smartphone lassen sich die Daten zusammenführen. Den Vorteil, aus dem Urlaub zu sehen, wenn zu Hause jemand das Licht anschaltet, bezahlt er mit der Gefahr, dass sich Einbrecher die Daten zunutze machen.

Seit das Start-up 2012 mit fünf Millionen Euro aus Eigenmitteln der Gründer und einiger privater Anteilseigner sowie einer Entwicklungsförderung durch den belgischen Staat begann, ist es kontinuierlich gewachsen und befindet sich Delabie zufolge nun schon in der Scale-up-Phase. Inzwischen seien schon mehrere Zehntausend Geräte verkauft worden. Künftig will sich Smappee darauf konzentrieren, dem Kunden noch mehr Nutzen zu bieten, damit er die App möglichst oft verwendet. So soll das Programm nicht nur den Vergleich der eigenen Geräte mit modernen Alternativen anzeigen, sondern könnte auch Empfehlungen aussprechen, wann der Stromverbrauch bei flexiblen Tarifen am günstigsten ist. Auch die Einbindung in eine dezentrale Energiewirtschaft mit Blockchain wäre in Zukunft denkbar.