Wie 42 Experten den Weg in die neue Energiewelt sehen

In welcher Energiewelt leben wir heute?

Wir haben einen „Grid-Parity-Hangover“: Die erneuerbaren Energien sind wettbewerbsfähig, und dennoch sind viele Unternehmen in der Krise. Die Energiewende wurde allzu lang alleinig mit dem Ausbau von Wind- und Solaranlagen gleichgesetzt. Aber darum geht es längst nicht mehr. Die Einbindung von Photovoltaik, Windkraft & Co. in die Gesamtsysteme ist zur zentralen Aufgabe geworden. Dabei übersehen viele, dass bereits die Weichen in die neue Energiewelt gestellt sind.

Was sind die Geschäftsmodelle der kommenden Jahre?

Die Einschätzungen der Experten weisen eine klare Richtung: Von nun an geht es um das Zusammenbringen von Erzeugung und Verbrauch. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Befragung. Die meisten der genannten Geschäftsmodelle drehen sich um die Vermarktung von Strom aus erneuerbaren Energien und um das Lastmanagement, genauer: die Vermarktung von flexiblem Verbrauch. Vergleichsweise häufig genannt wurden auch Finanzierungslösungen für Investitionen in Erzeugungsanlagen.

In welche Richtung entwickelt sich die Vermarktung von Strom aus Erneuerbaren-Energien-Anlagen?

Beim direkten Verkauf von Strom aus spezifischen Erneuerbaren-Energien-Anlagen ist in den letzten Jahren eine hohe Dynamik zu beobachten. Viele Akteure suchen Alternativen zur fixen Einspeisevergütung oder zur Vermarktung an der Strombörse. Und hier liegt der Schlüssel zu attraktiven Geschäftsmodellen: neue Versorgungsmodelle, die Strom aus spezifischen Erneuerbaren-Anlagen an den Endverbraucher bringen. Dabei kann der Trend „regional und bio“ aus der Lebensmittelbranche als Vorbild dienen: Kartoffeln kann man entweder alsanonyme EU-Ware im Discounter oder eben direkt beim Bauernhof nebenan kaufen. Dies sind jedoch nur die beiden Pole, denn (regionale) Biokartoffeln gibt es mittlerweile auch im Markensupermarkt. So entsteht auch im Strombereich eine breite Produktpalette, von Regionalstrom über Peer-to-Peer-Vermarktung bis hin zu Mieterstrom und Prosumer-Angeboten. Das Differenzierungspotenzial ist noch längst nicht ausgeschöpft.

Welche Rolle spielt das Lastmanagement für neue Geschäftsmodelle?

Auch Geschäftsmodelle rund um das Lastmanagement und die Flexibilisierung der Nachfrage wurden von den befragten Experten häufig genannt. Die Auswertung ergab, dass eine thematische Verknüpfung zu Energiespeichern besteht: Lastmanagement wurde häufig zusammen mit Energiespeicherung genannt. Wir deuten das so, dass die viel geforderte Flexibilisierung der Nachfrage durch Homespeicher neue Möglichkeiten bekommt.

Ohne Energiespeicher wurde in Deutschland noch kein Erfolgsrezept gefunden, um die Nachfrage zu flexibilisieren. Nur wenige Firmen haben sich auf das Lastmanagement spezialisiert, und einige Energieversorger und EEG-Direktvermarkter bieten Produkte zur Vermarktung flexibler Lasten an. Eine eingehende Untersuchung des Flexibilisierungspotenzials von Haushalten, Handel, Gewerbe und Industrie wurde im Projekt E-Energy in sechs Modellregionen durchgeführt. Das Fazit der breit angelegten Messung in 4.000 Haushalten lautet: Fünf Prozent des Haushaltsstromverbrauchs können für eine Stunde verschoben werden. Etwas besser sieht es in Gewerbebetrieben aus, dort sind bis zu 20 Prozent der Lasten verschiebbar, und dies zu weitaus geringeren Transaktionskosten als in privaten Haushalten. Die Marktrecherchen im Rahmen unserer Studie ergaben, dass derzeit vielmehr die Auswertung von Verbrauchsdaten ein interessantes Geschäftsmodell ist, auf dieser Basis sind dann vielleicht auch neue Angebote zur Flexibilisierung der Nachfrage denkbar. Bei diesen werden die Energiespeicher aber eine zentrale Rolle spielen.

Welche neuen Wege zur Finanzierung von Erneuerbaren-Energien-Anlagen tun sich auf?

Das Modewort der Stunde ist das Crowfunding, die Bündelung von Eigenkapital kleinerer Anleger über Web-Plattformen. Hier sind in den letzten Jahren viele neue Unternehmen entstanden. Letztlich handelt es sich um die digitale Form der Energiegenossenschaften, die in Deutschland ein wichtiger Treiber des Erneuerbaren-Booms sind. Man kann also zuspitzen: Die Finanzierung von EE-Anlagen digitalisiert sich durch das Crowdfunding. Daneben wird die Bedeutung von Contracting- und Leasingmodellen auch in Europa zunehmen, interessanterweise sind in diesem Bereich derzeit viele Stadtwerke aktiv, und weniger die bekannten Marktführer aus den USA.

Was sind die technischen Lösungen der kommenden Jahre?

Die technologischen Lösungen, um Erzeugung und Verbrauch zusammenzubringen, haben in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung genommen. Sie stehen bereit und beschränken sich nicht nur auf den viel diskutierten Netzausbau. Die wahren Game-Changer im Bereich der dezentralen Energieerzeugung sind Speichersysteme und die digitale Verknüpfung und Steuerung, dies zeigen auch die Befragungsergebnisse sehr deutlich.

Worin äußert sich denn die Dominanz des Themas „Speicher“?

Für die Auswertung schließen wir von der Häufigkeit der Nennung einer Technologie auf deren Relevanz. Die Kategorie „Speicher“ wurde 36 Mal als wichtigste technische Lösung der nächsten fünf Jahre genannt. Diese Dominanz des Speicherthemas im weiteren Sinne zieht sich durch die gesamte Befragung.

Das dürfte die meisten nicht überraschen: Die durchschnittlichen Endverbraucherpreise für Speichersysteme mit Lithium-Ionen-Batterien fallen derzeit jährlich um etwa 18 Prozent, so die RWTH Aachen im aktuellen Jahresbericht zum Speichermonitoring. Mit dem Markteintritt von Tesla, Solarwatt und anderen wird sich diese Entwicklung noch beschleunigen. Wir haben es also mit einer ähnlichen Kostensenkung zu tun wie bei den Photovoltaikmodulen vor zehn Jahren. Und die Nachfrage zieht bereits an, bevor es sich wirtschaftlich lohnt.

Werden Hybridlösungen, also die Kombination von Photovoltaik mit anderen Energiequellen oder Technologien, durch Speicher verdrängt?

Sowohl in der ungestützten als auch in der gestützten Abfrage haben die befragten Experten Hybridsysteme vergleichsweise selten genannt. 57 Prozent der Befragungsteilnehmer sehen ein hohes Marktpotenzial im Privatkundensegment für die Kombination von Photovoltaikanlagen zum Beispiel mit Gas- und Ölpumpen oder BHKWs. Im Vergleich: Fast schon einstimmig wird ein hohes Marktpotenzial für die Kombination von PV-Anlagen mit Batteriespeichern gesehen, dies geben 91 Prozent der Befragten an.

Auf Grundlage dieser Ergebnisse schließen wir, dass vor allem im Privatkundensegment die Hybridlösungen vor dem Potenzial der Batteriespeicher zur Erhöhung des Eigenverbrauchsanteils in den Hintergrund treten.

Wie weit ist die Digitalisierung der Energiewirtschaft?

In der Befragung wurden Aspekte der Digitalisierung der Energiewirtschaft von 32 Teilnehmern als wichtige technische Lösung der kommenden fünf Jahre erwähnt. Die Anwendungen für das Internet of Energy sind vielfältig: Ganz allgemein wird so die kommunikative Verknüpfung und Steuerbarkeit von Erzeugern, Speichern, Netzen und Verbrauchern benannt.

Konkrete Anwendungen sind einerseits die Smart Grids, die vor allem auf Verteilnetzebene kleinere Erzeuger und Verbraucher ansteuerbar machen sollen. Viel interessanter mit Blick auf neue Geschäftsmodelle ist jedoch das Pooling von verschiedenen Erzeugern, Speichern und auch flexiblen Verbrauchern über virtuelle Kraftwerke. Die virtuellen Kraftwerke sind der Ausgangspunkt für zahlreiche neue Vermarktungswege für erneuerbaren Strom und flexible Lasten. Insgesamt sind in Deutschland rund 15 Anbieter von Softwarelösungen für die Leitstellen virtueller Kraftwerke am Markt. Auch hier zeigt sich: Die Lösungen existieren schon und sind seit Jahren im Einsatz, zum Beispiel bei der EEG-Direktvermarktung.

Welche Rolle spielen die EEG-Direktvermarkter für die neue Energiewelt?

Auch wenn verstärkt neue, direkte Vermarktungswege für erneuerbaren Strom außerhalb des EEG gesucht werden – die Einführung der EEG-Direktvermarktung hat eine wichtige Rolle beim Entstehen neuer Akteure im Stromhandel und -vertrieb geführt. Die Direktvermarkter poolen und vermarkten fluktuierende erneuerbare Energien, Speicher und flexible Lasten über virtuelle Kraftwerke. Neben der klassischen Energiewirtschaft und einigen Stromhändlern aus Skandinavien sind mit der EEG-Direktvermarktung neue Firmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien in den Stromhandel eingestiegen. Diese Unternehmen erweitern ihr Portfolio und entwickeln neue Stromprodukte, getrieben von den neuen technologischen Entwicklungen und einer steigenden Nachfrage nach dezentraler Energie.

Welcher Typ von Unternehmen wird in Zukunft profitieren?

Mit Blick auf die meistgenannten Geschäftsmodelle der Befragungsteilnehmer erwarten wir, dass ein neuer Typus von Energieversorgern entstehen wird. Die Energieversorger der Zukunft sind Pool-Manager einer zunehmend dezentralen und digital verknüpften Energiewelt. Sie poolen Erzeugungs- und Speichereinheiten verschiedener Größe, binden flexible Verbraucher ein und besorgen über Crowdfunding und Fremdfinanzierung den Zugang zu Kapital. Auf der Absatzseite vermarkten sie Strom, Komponenten für Prosumer und mehr. Die Möglichkeiten sind vielfältig, und das Differenzierungspotenzial ebenfalls.

Welche Unternehmen werden besonders erfolgreich sein?

Auf den neuen Märkten treffen Konzerne wie Eon & Co. auf regional verankerte Stadtwerke und neue Akteure, die zum Beispiel mit der EEG-Direktvermarktung gewachsen sind. Wie in der klassischen Energiewelt werden die Komponentenhersteller hinter den Anbietern von Serviceleistungen in den Hintergrund treten.

Insgesamt ist gerade eine analoge Entwicklung zum EEG-Boom vor zehn Jahren zu beobachten: Die Preisentwicklung der erneuerbaren Energien wurde damals von vielen unterschätzt. Und dasselbe passiert offenbar gerade bei vielen Akteuren mit den Potenzialen der neuen Speicher- und digitalen Versorgungstechnologien, die wir in der Studie darstellen. Unternehmen, die schon jetzt aktiv werden, werden am ehesten profitieren. Wer sich rechtzeitig auf die neuen Gegebenheiten einstellt, kann zu den Gewinnern gehören. Die nächste Phase der Energiewende wurde jedenfalls längst eingeläutet. (Stephan Franz)

Marktstudie: „Energy Business Lab Germany – Neue Geschäftsmodelle in dezentralen und digitalisierten Strommärkten“

Im Juni/Juli 2015 hat Büro F eine Expertenbefragung zu neuen Geschäftsmodellen in dezentralen Energiemärkten durchgeführt. Die 42 Befragungsteilnehmer wurden zu Trends, technischen Lösungen und Geschäftsmodellen in den kommenden Jahren in Deutschland befragt. Die Interviews fanden persönlich oder online statt, insgesamt 42 Teilnehmer aus Forschung, Komponentenherstellung, Energieversorgung und anderen Bereichen der Energiewirtschaft beantworteten die Fragen. Die Erhebung bildet den Ausgangspunkt für Marktübersichten zu den am häufigsten genannten Themen: Batteriespeicher, Digitalisierung/virtuelle Kraftwerke, neue Stromvermarktungsmodelle, Einbindung flexibler Lasten und Finanzierungsmöglichkeiten. Weitere Informationen unter:business.lab@burof.de

Stephan Franz ist Geschäftsführer und Gründer des Büro  F. Das Büro F macht Marktforschung und bietet Zugang zu neuen Energiemärkten. Vorherige Arbeitgeber von Stephan Franz waren EuPD Research, die Deutsche Energie-Agentur (Dena), Q-Cells und die GIZ Chile.