Lernen von New York?

Der Stromsektor steckt in einer Krise. Überall kämpfen Versorgungsunternehmen damit, sich an die neuen Realitäten anzupassen, die erneuerbare Energien mit sich bringen: niedrigere Großmarktpreise, eine schlechtere Auslastung anderer Kraftwerke, obsolete Geschäftsmodelle. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Vereinigten Staaten. Dort wird die Situation noch verschärft, da in etlichen Bundesstaaten Net-Metering erlaubt ist.

Die Versorger in den USA reagierten bisher häufig mit dem Versuch, die dezentrale Energieproduktion zu bremsen. Das war teilweise zwar erfolgreich, aber nur kurzfristig. Der Markt der neuen Technologien, vor allem Photovoltaik und Speicher, wächst trotzdem. Das liegt daran, dass die Preise weiter rasch fallen, dass es neue Klimaschutzauflagen gibt, und schlicht daran, dass die Verbraucher diese Technologien wollen. Es geht also auch in den USA kein Weg daran vorbei, dass die Energieversorger ihre Geschäftsmodelle ändern.

Jens Strüker, Professor für Energiemanagement und Geschäftsführer des Instituts für Energiewirtschaft der Fresenius Hochschule, findet vor allem das Vorgehen des Bundesstaates New York sehr mutig, weil Netzbetreiber dort zukünftig dafür entlohnt werden sollen, dass sie auch kleinteilige Einheiten ins System integrieren und als Marktteilnehmer zulassen müssen. Das gilt sowohl für Erzeuger als auch für Speicher und Verbraucher. Das könne sogar bis hinunter zu den kleinen Klimaanlagen gehen. Diese machen in der Stadt New York im Sommer bis zu einem Fünftel der Last aus, was ein großes Potenzial zur Lastverschiebung sein könnte.

Eine neue Energievision

Noch ist das alles nur ein Plan. Eine Strategie mit dem Namen „Reforming the Energy Vision“ (REV) soll in New York zu diesen neuen Modellen führen. Die Rolle der Versorger wird danach eine andere sein als heute, denn sie verlieren das Monopol, das sie dort noch haben, und müssen das Verteilnetz für kundenseitige Stromerzeugung und Services öffnen. Die Ausgangssituation ist in den USA zwar eine andere als in Deutschland, da dort der Markt noch viel stärker reguliert ist. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf das Vorhaben.

Der Staat New York hat das politische Ziel, die CO2 -Emissionen zu reduzieren und die Wahlmöglichkeiten von Stromverbrauchern zu erhöhen. 2013 hat die New York State Public Service Commission (NYPSC), so etwas wie eine Energiebehörde auf Landesebene, begonnen zu hinterfragen, wie sich die Regularien und die Ausgestaltung der Strommärkte auf diese Ziele auswirken. Im April 2014 begann dann die Arbeit an der neuen Energievision. Gleichzeitig sollen technische Herausforderungen angegangen werden, beispielsweise das wachsende Missverhältnis von Durchschnittslast und Nachfragespitzen im Stromnetz.

Ein Herzstück des Programms sind mehrere sogenannte Plattformen für dezentrale Systeme (Distributed System Platforms, DSPs). So wie die Netzbetreiber in den USA die Großhandelsmärkte managen und für die Stabilität der Übertragungsnetze zuständig sind, sollen die DSPs Märkte im Verteilnetz ermöglichen. Dazu müssen sie einen Marktzugang für dezentrale Energieerzeuger und für Stromverbraucher schaffen.

Die Rolle der Versorger

In der ersten Runde des Verfahrens wurde festgelegt, dass die Versorger zu solche DSPs schaffen sollen. Das gibt ihnen eine Doppelrolle: Sie werden weiterhin das Verteilnetz betreiben und die Stabilität überwachen. Gleichzeitig sollen sie die Plattformen für den Austausch von vertriebsseitigen Dienstleistungen aufbauen.

Brian Korpics, Anwalt und Policy-Manager der Non-Profit-Organisation Clean Coalition, ist an den New Yorker Verfahren beteiligt und sieht darin den Vorteil, dass es schlicht billiger ist, die Versorger auch als Plattformanbieter einzusetzen. „Zumindest in der Anfangsphase“, sagt er. Es besteht allerdings auch die Gefahr, dass die Unternehmen ihre Stellung ausnutzen, um den Markt zu beeinflussen. Die New York State Public Service Commission will das durch die Vorschrift verhindern, dass Plattformanbieter keine dezentralen Energieerzeugungsanlagen besitzen dürfen.

Die Kommission hat auch die Erlösmodelle für die regulierten Energieversorger im Blick. Bisher machen sie nur mit den Investitionen in die Infrastruktur einen Gewinn. Im Zuge ihrer Umgestaltung zu DSPs würden diese Gewinne durch sogenannte Market Based Earnings (MBEs) ersetzt. Sie verdienen dann daran, dass sie die Nutzer der Verteilnetze beim Handel unterstützen. Außerdem sollen sie belohnt werden, wenn sie politisch gesetzte Ziele erreichen, zum Beispiel die Reduktion von Lastspitzen. Dieser Mechanismus heißt Earnings Impact Mechanism (EIM). Die Maßstäbe dafür sollen noch erarbeitet werden. Dazu muss man wissen, dass die Versorger schon jetzt in etlichen Bundesstaaten belohnt werden, wenn sie Vorgaben für die Steigerung der Energieeffizienz erreichen. Das führt zum Beispiel dazu, dass sie Start-ups wie Opower, Bidgeley oder Firstfuel beauftragen, die den Stromkunden helfen, Strom zu sparen.

Ziele und Mechanismen

Viele Details der neuen Energievision sind noch in der Entwicklung. Das macht definitive Aussagen zu den Inhalten schwierig. Eine gewisse Ahnung, wohin die Reise geht, geben die Diskussionen zum Reformverfahren und einige andere Entscheidungen aber doch. Im Oktober hat die New York State Public Service Commission entschieden, dass Endkunden ungeachtet bestehender Deckelungen am Net-Metering teilnehmen können, bis im Zuge des Verfahrens für eine neue Energievision ein anderes Programm entwickelt wird. Die Mitglieder stehen also dem Net-Metering positiv gegenüber, wenn es um die künftige Förderung dezentraler Photovoltaikanlagen geht.

Bei größeren Solarkraftwerken soll das Net-Metering um weitere Aspekte ergänzt werden, beispielsweise um geografische Faktoren, um den Wert eines Kraftwerks besser zu erfassen. Dahinter steht der Gedanke, dass die Stromproduktion an manchen Punkten des Netzes besonders wertvoll und besonders leicht zu integrieren ist. Die Kommission möchte außerdem uhrzeitabhängige Verbrauchspreise ausbauen und hat die Versorger angewiesen, einen speziellen Smart-Home-Tarif für Kunden aufzulegen, die zu Hause Energiemanagementsysteme nutzen.

Es tut sich übrigens nicht nur im Staat New York etwas. John Wellinghoff, früher Mitglied der Federal Energy Regulatory Commission (FERC), hat sich für die Schaffung eines unabhängigen Verteilnetzbetreibers ausgesprochen. In dieser Hinsicht würden sich die USA dann dem deutschen System annähern. Warum also nicht auch in umgekehrter Hinsicht lernen? (Christian Roselund – Redakteur pv magazine Amerika, adaptiert von Michael Fuhs)