Gewerbebetriebe werden zu Energiezellen

Sie haben eine Vision für Gewerbebetriebe und Fabriken. Wie sieht diese aus?

Björn Lamprecht: Wir sehen die zukünftige gewerbliche oder industrielle Immobilie als Energiezelle oder auch Mikrozelle. Diese erzeugt, speichert und verbraucht Strom und Wärme. Wenn man die Energiezellen dann miteinander vernetzt, ergibt sich ein zelluläres System oder auch Makrozelle, zum Beispiel in einem Gewerbegebiet. Unter Umständen kann man auch angrenzende Wohngebiete mit integrieren. Die einzelnen Zellen versorgen sich dann selbst und gegenseitig mit Energie.

Was bedeutet diese Idee konkret zum Beispiel für ein Gewerbegebiet?

In Gewerbegebieten könnte so eine Idee zum Beispiel Einfluss auf den Bebauungsplan nehmen. Nehmen wir an, ein Logistikunternehmen benötigt nicht viel Strom, verfügt jedoch über ein großes Dach. Dann könnte in einem Genehmigungsverfahren beschlossen werden, dass daneben nicht ein weiteres Logistikunternehmen mit geringem Stromverbrauch angesiedelt wird, sondern zum Beispiel ein Produktionsunternehmen, das relativ viel Strom braucht. So könnte man das Dach des Logistikers nutzen, um Strom zu produzieren und mit diesem dann das benachbarte Produktionsunternehmen auf der anderen Straßenseite zu beliefern.

Wie autark kann oder soll eine solche Energiezelle sein?

Je höher der Grad der Selbstversorgung, desto besser. Anfänglich sind bereits Grade von 50 bis 75 Prozent möglich. Ich bin aber nicht sicher, ob Autarkie in diesem Zusammenhang der richtige Begriff ist. Der Begriff Autonomie ist hier treffender. Bei der Autonomie bleibt eine Anbindung an das Gesamtsystem vorhanden. Man bleibt also weiterhin in einer gewissen Abhängigkeit und erhält dadurch Sicherheit, hat aber die volle Kontrolle. Aus meiner Sicht werden solche Anlagen auch noch über viele Jahre hinweg mit einem Netzanschluss realisiert werden.

Warum ist es für ein Unternehmen überhaupt interessant, energieautonom zu sein?

Unternehmen können damit eine gewisse Preisstabilität und Unabhängigkeit erreichen. Zudem können für den Kunden auch weitere Geschäftsmodelle, wie beispielsweise der Energiehandel, Handel mit Flexibilitäten oder die Mitwirkung an der Netzstabilität, entstehen. Dann hat man neben dem Kerngeschäft ein angrenzendes Geschäft, das zusätzliche Ergebnisbeiträge liefert. Wir merken außerdem in Gesprächen mit unseren Kunden, dass das Thema Energie für Gewerbe- und Industriebetriebe an Bedeutung zunimmt. Einsparungen in der Energieversorgung zu erzielen wird immer wichtiger. Das hört man auch aus „Controller-Kreisen“. Die Frage ist häufig, wie man die Energiekosten in den Fokus rücken und im Sinne eines Controllings optimieren kann. Dies nicht ausschließlich über den externen Bezug, sondern auch über intelligente Eigenerzeugungs- und Geschäftsmodelle.

Soll die Vernetzung der Energiezellen über das öffentliche Netz stattfinden oder ist es eventuell sinnvoll, dafür eigene Leitungen zu verwenden?

Es ist durchaus denkbar, Immobilien, die in räumlicher Nähe zueinander stehen, mit eigenen Leitungen zu zellulären Systemen zu verbinden. Aber spätestens wenn unterschiedliche Makrozellen zum Beispiel in benachbarten Kommunen vernetzt werden, benötigt man das öffentliche Netz.

Das heißt, örtlich vernetzte Zellsysteme werden über das öffentliche Netz zu virtuellen Zellen zusammengeschlossen?

Genau. Zuerst habe ich ein Gebäude als Mikrozelle, die nächste Stufe wäre dann die Vernetzung in der direkten Nachbarschaft. Dieses Zellsystem kann man dann über das öffentliche Netz mit einem Zellsystem zum Beispiel in der Nachbarkommune zu einem virtuellen Kraftwerk verbinden. Wir sind der Meinung, dass der diskutierte Zubau der Übertragungsnetze durch ein solches zelluläres System an Bedeutung verlieren würde und in dieser Form nicht erfolgen müsste, wie er heute angedacht ist. Das bedeutet auch, dass die Rolle der Verteilnetze wichtiger wird.

Wer kann die Vernetzung von zellulären Systemen auf übergeordneter Ebene übernehmen und welche Gebühren werden fällig, wenn dafür die öffentlichen Netze genutzt werden?

Um ein zelluläres System zu errichten und aufrechtzuerhalten, braucht man natürlich Partner. Diese können zum Beispiel Stadtwerke, Direktvermarkter oder andere Aggregatoren sein, die sozusagen als „Dirigent“ auftreten und das System „orchestrieren“. Für diese Tätigkeiten werden die Partner dann sicherlich Gebühren verlangen. Wie diese Gebührenmodelle dann in Zukunft genau gestaltet sein werden, wird sich erst zeigen müssen, wenn sich die Vision entwickelt und der rechtliche Rahmen ausgeprägt ist. Mit den heutigen Modellen, zum Beispiel einer Netzdurchleitungsgebühr, stellt sich die Frage, inwieweit sich das für die einzelnen Akteure wirtschaftlich interessant darstellen lässt.

Welche Anforderungen stellen solche zellulären Systeme an das Energiemanagement?

Das ist ein wichtiger Punkt. Im zellulären System wird der Informationstechnologie eine wesentlich größere Bedeutung zukommen. Die einzelnen Zellen brauchen ein abgestimmtes Energiemanagementsystem und wenn man mehrere Mikrozellen zu Makrozellen miteinander verknüpft, benötigt man ein übergeordnetes steuerndes Energiemanagementsystem. Dabei ist es unabdingbar, dass dieses zelluläre System zur Netzstabilität beiträgt. Bisher sind das aber vielfach noch Gedankenexperimente. Wir sind noch nicht so weit, das jetzt wirklich auf allen Ebenen umzusetzen.

Goldbeck Solar will mit ersten Beispielprojekten die Idee der Energiezelle vorantreiben. Was machen Sie da genau?

Zum einen konzeptionieren wir derzeit ein Parkhaus, das über eine Photovoltaikanlage Strom und über ein BHKW Strom und Wärme erzeugt. Das Parkhaus wird zukünftig sich selbst und angrenzende Verbraucher in der unmittelbaren Nähe mit Strom und Wärme versorgen. Unter Umständen werden noch Ladesäulen für Elektrofahrzeuge installiert. Die drei Komponenten betrachten wir gemeinsam als eine Energieerzeugungs-, -verbrauchs und -lieferzelle.

Zum anderen erstellen wir ein Energiekonzept für eine bestehende Büro-/Parkhaus-Kombination, in der Photovoltaik, ein BHKW, Windkraft, Speicher und E-Mobilität durch ein Energiemanagementsystem aktiv geregelt werden. Im Rahmen dieses Konzeptes kann beispielsweise auch eine Notstromfähigkeit berücksichtigt werden. Außerdem planen wir im Moment, in mehreren Produktionsbetrieben das Konzept Photovoltaik plus BHKW plus Energiemanagementsystem umzusetzen, ähnlich wie beim Schul- und Sportzentrum Marienheide, wofür wir 2014 einen Intersolar Award gewonnen haben. Diese Initiativen befinden sich in der Konzeptionierungsphase.

Wie lassen sich die Erfahrungen mit dem Parkhaus auf andere Projekte übertragen?

Wir entwickeln aus den Messdaten Simulationstools, mit denen wir dann andere Projekte simulieren und planen können. Die Prozessschritte werden damit weiter optimiert. Zudem erweitern wir permanent unsere Datenbank mit den Messdaten unterschiedlichster Lastgänge, um im Rahmen von energetischen Simulationen für unsere Kunden auf Referenzprofile zurückgreifen zu können.

Wer sind die „First Mover“, die jetzt in derartige Projekte investieren?

Was unsere Vision anbelangt, sehen wir eine breite Resonanz im Markt. Es gibt visionäre Kundengruppen. Auch haben wir derzeit, durch die aktuelle Niedrigzinspolitik, besondere Rahmenbedingungen. Dadurch ist Kapital sehr günstig. Außerdem gibt es gewerbliche und industrielle Kunden, die zurzeit hohe Liquiditätsreserven haben. Das ist bei den derzeitigen Zinsen nicht unbedingt attraktiv. Wenn Goldbeck Solar dann seine Ideen präsentiert, die sich auch noch ganz gut rechnen, dann ist das für viele Kunden sehr interessant.

Wie rentabel ist denn eine solche Energiezellen-Lösung heute?

Insbesondere wenn ein BHKW dabei ist, haben wir bei solchen Anlagen relativ kurze Amortisationszeiten von etwa fünf bis sieben Jahren. Das ist für eine solch innovative Systemlösung nicht schlecht. Die Wirtschaftlichkeit hängt aber natürlich auch von dem Preis ab, den der Kunde für seinen Netzstrom zahlt. Oft sind wir auch überrascht, wie wenig Kenntnisse mache Gewerbetreibende über ihre Stromkosten haben. Viele erklären, sie hätten zum Beispiel Stromkosten von vier oder fünf Cent pro Kilowattstunde. Dann sind aber die gesamten Zuschläge nicht berücksichtigt. Wenn wir dann vorrechnen, dass sie in Wirklichkeit 17 oder 18 Cent pro Kilowattstunde bezahlen, sind viele überrascht. Dann machen wir mit einer Photovoltaikanlage mit Gestehungskosten von 8 Cent pro Kilowattstunde eine ganz andere Rechnung auf. (Das Gespräch führte Mirco Sieg)