100 Prozent unabhängig mit Erneuerbaren

pv magazine: Werden sich die Abhängigkeiten von russischen Gas, Öl und Kohle den nächsten Jahren noch erhöhen?

Fell: Das hängt von sehr vielen Rahmenbedingungen ab. Wenn sich die richtigen politischen Vorstellungen durchsetzen, unabhängiger von russischen Energielieferungen zu werden, dann wird sich der Anteil verringern.

Bislang wurde immer gesagt, dass Deutschland auf dem Weg zu einer Vollversorgung mit Erneuerbaren zunächst mehr Gaskraftwerke braucht. Ist dies aus Ihrer Sicht nun doch nicht notwendig?

Nach meiner Meinung sind neue Erdgasgaskraftwerke weder nötig noch verantwortbar. Große Gaskraftwerke stören den Ausbau der dezentralen Bereitstellung der flexiblen Stromerzeugung, sind über die CO2-Emissionen klimaschädlich und führen in tiefere Abhängigkeiten von Erdgaslieferländern. Eine kombinierte und umfassend umgesetzte Strategie zum Ausgleich der Wind- und Solarvolatilitäten schafft dies auch bei 100 Prozent Vollversorgung mit Ökostrom.

Wie soll das funktionieren?

Die vier wichtigen Säulen dieser Strategie sind folgende: Hochflexible dezentrale Stromerzeugung aus Wasserkraft, Bioenergien, Geothermie, die virtuell zusammengeschaltet werden. Flexibilisierung des Strommarktes, was vor allem mit power to heat und power to traffic gelingt. Der Ausbau aller Speicheroptionen wie Pumpspeicher, elektrochemische Speicher, Druckluft oder Power to Gas. Auch der Ausbau der Strom- und Wärmenetze sollte vor allem dezentral sein, aber einige zentrale Stromnetze können durchaus einen wichtigen Beitrag zum Ausgleich bringen.

Könnten wir das Erdgas aus Russland durch andere Bezugsquellen ersetzen?

Beim Erdgas haben wir eine ganz umfangreiche weltweite Analyse vorgenommen. Die Energy Watch Group kommt klar zu dem Schluss: Es gibt keine Diversifizierungsquellen in nennenswertem Maße, die die russischen Erdgaslieferungen ersetzen könnten. Das heißt aber nicht, dass wir die russischen Energielieferungen nicht ersetzen könnten. Mit erneuerbaren Energien würden wir das schaffen, aber innerhalb des fossilen und auch atomaren Systems geht es schlicht nicht.

Die USA und Kanada haben nun angeboten, den EU-Staaten mehr Erdgas zu liefern. Wäre dies nicht eine Alternative?

Die USA werden kein zusätzliches Erdgas liefern können, auch wenn es sich viele europäische Regierungen wünschen und US-Präsident Obama das auch prüfen will. Der Erdgas-Boom in den USA wird in den nächsten Jahren vorüber sein. Die USA sind weiterhin Nettoimporteur. Deswegen wird es auch wieder Druck auf die Preise am Kohlemarkt geben.

Ist es politisch gewollt, dass man Erdgas durch Kohle ersetzt?

Das ist Teil des Vorschlags für eine Energieunion des polnischen Präsidenten Tusk. Auch dieser Vorschlag ist eigentlich nicht haltbar, weil auch bei der Kohle eine Verknappung auf dem Weltmarkt immer mehr um sich greift. Dazu kommen die massiven Umweltprobleme im Zusammenhang mit dem Kohleabbau und der Verbrennung der Kohle.

Ihre Forderung ist, die fossilen Energieimporte schneller durch erneuerbare Energien zu ersetzen?

Ja. Sowohl beim Erdgas wie auch beim Erdöl sind mit den momentanen politischen Regierungsvorstellungen der Europäischen Union und auch Deutschlands weiterhin Steigerungen im Verbrauch vorgesehen. Das einzige Land, das innerhalb Europas in den letzten Jahren noch die Erdgas- und Erdöl-Förderung steigern konnte, war Norwegen, alle anderen sind in rückläufiger Förderung. Norwegen sehen wir auch am Peak. Die einzigen Länder weltweit, die die Förderung im Erdgassektor steigern könnten, wären Katar und Iran. Wenn man jetzt überlegt, aus den russischen Abhängigkeiten wegen politischen Fragen auszusteigen, dann wären wir nicht gut beraten, mit dem Iran engere Lieferbeziehungen einzugehen – angesichts der Atombombenwünsche und anderer problematischer Entwicklungen.

Wenn man die bisherige Strategie trotzdem weiter fortsetzt, wie würde sich das denn auf die Preise auswirken?

Wir haben das ja im letzten Jahrzehnt schon gesehen: Die Erdgas- und Erdölpreise sind drastisch gestiegen. Wir haben zwar seit drei Jahren ein etwas stabiles Niveau und beim Erdgas minimal gesunken, aber gegenüber dem Preisniveau von vor zehn Jahren ist alles wesentlich höher. Das gilt auch für die Kohle. Die Preise werden nun in den kommenden Jahren noch deutlicher anwachsen, wenn wir in der Abhängigkeit dieser fossilen Rohstoffe bleiben werden.

Dies trifft auch zu, wenn Deutschland an den russischen Erdgaslieferungen festhält?

Russland hat, um die Lieferverträge mit Europa einhalten zu können, in den letzten Jahren sehr viel Erdgas aus Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan zugekauft. Wir sehen seit Jahren eher eine stagnierenden oder sogar leichte fallende Erdgasförderung in Russland. Nun hat Russland aber sogar neue Erdgaslieferverträge – etwa mit China und Japan – geschlossen, die vor allem ab 2018 greifen sollen. Diese neuen Lieferverträge sind einer Größenordnung von 50 Prozent der derzeitigen Lieferungen nach Europa. Russland kann mit Sicherheit in dieser Größenordnung die Erdgasförderung nicht steigern, muss aber dann die anderen Lieferverträge auch einhalten. Das kann nur über den Preis geregelt werden. Das heißt, wer mehr zahlt, der bekommt das Erdgas.

In der EEG-Novelle soll es festgeschriebene Ausbaukorridore für die Erneuerbaren geben. Reichen diese aus oder müsste es viel schneller gehen?

Sie reichen überhaupt nicht aus. Die sogenannten Ausbaupläne der Bundesregierung stellen eine drastische Bremsung dar. Ein großer Fehler dabei ist die lineare Ausbaustrategie. Industrielle Prozesse können immer exponentiell sein. Wir haben in den Jahren bis 2011 in der Photovoltaik beispielsweise 20 bis 30 Prozent jährliche Zubausteigerung realisiert. Wie stark der Ausbau der Erneuerbaren steigerbar ist, kann man am Beispiel China sehen. China hat den Ausbau in der Photovoltaik von zwei Gigawatt 2012 auf geschätzte 14 Gigawatt in 2013 fast versiebenfachen können.

Wenn schon keine Steigerungsraten in der EEG-Novelle enthalten sind, wäre dann nicht 7,5 Gigawatt Zubau in Deutschland, den es zwischen 2010 und 2012 gab, ein Niveau das gehalten werden sollte?

Ja, natürlich, denn diese 7,5 Gigawatt sind auch die Menge, die wir mindestens brauchen, um ein Ziel 100 Prozent Ökostrom bis 2030 zu erreichen. Wenn wir mit den Ausbauzielen von Sigmar Gabriel irgendwo bei 2,0 oder 2,5 Gigawatt liegen, dann werden wir dieses Ziel nicht erreichen. Sigmar Gabriel will es auch nicht erreichen, er will den 40-Prozent-Kohlesockel tatsächlich bis 2035 erhalten. Das ist verheerend für den Klimaschutz, aber auch für die Preisentwicklung, denn die Steinkohlepreise werden mit Sicherheit anwachsen.

Können Sie kurz skizzieren, wie 2030 der Energiemix basierend auf Erneuerbaren aussehen könnte?

2030 hundert Prozent Ökostrom bedeutet, dass wir noch nicht Wärme und Transportenergie im Blick haben, die auch sehr stark erdöl- und erdgasabhängig ist. Die politischen Zielvorstellungen in diese Richtung gehen bis 2040, um dort eine Vollversorgung aus Erneuerbaren zu erreichen. Dies ist machbar, wenn es politische Anstrengungen in großem Stil gibt.

Wie stellen Sie sich denn die Aufteilung im Stromsektor vor?

Windkraft und die Solarenergie werden die beiden tragenden Säulen für ein künftiges Energiesystem sein. Wir schätzen, dass die Windkraft 40 Prozent und die Solarenergie 30 bis 40 Prozent beitragen muss, sodass wir dann den Rest auf die anderen erneuerbaren Energien aufteilen können.

Sollten wir die Energielieferbeziehungen mit Russland dann komplett gekappt haben?

Ich bin auch kein Freund davon, die russischen Wirtschaftsbeziehungen vollständig zu kappen, denn Russland braucht auch Einnahmen. Wir sollten sie nur in den fossilen Energiequellen beenden, weil diese klimaschädlich und die politischen Abhängigkeiten stark sind. Aber wir sollten schon noch erneuerbare Lieferbeziehungen etwa beim Biogas aufbauen, die nicht in Abhängigkeiten führen, aber doch Einnahmequellen für Russland bedeuten.

Kritiker werden beim 100-Prozent-Szenario sofort sagen, das ist doch alles viel zu teuer.

Das ist genau nicht der Fall. Wir wissen, dass das heutige Investment in einen neuen Solarpark und in einen neuen Windpark billiger ist als das Investment in neue Gas-, Kohle- oder Atomkraftwerke. Der Vorteil der Erneuerbaren ist zudem, dass sie dezentral sind, was auch die anfallenden Infrastrukturkosten erheblich reduziert gegenüber fossilen Kraftwerken.

Können Sie es beziffern?

Nein. Dazu gibt es keine offiziellen Berechnungen, weil 100 Prozent Erneuerbare Energien in Europa, außer Dänemark, ja keine Regierungsziele sind, und damit gibts auch keine klaren Zahlen dazu. Aber es gibt Hinweise, dass das sehr viel günstiger sein kann, als die Fortführung des konventionellen Energiesystems. Die EU-Kommission hat einer Folgenabschätzung zur Energiepolitik im Januar 2014 den Zusammenhang zwischen Klimaschutz und Reduzierung der Importabhängigkeit dargestellt. Da heißt es bei den diskutierten Klima- und Erneuerbaren-Zielen, kann die Importabhängigkeit um bis zu 28 Prozent reduziert werden. Das ist immer noch weniger als das was wir aus Russland empfangen. Also noch stärkere Klimaschutzmaßnahmen würde die russische Importabhängigkeit beenden können.

Gibt es gar keinen Kostenvergleich?

Es gibt eine weltweite Untersuchung von vor ein paar Jahren von der Stanford Universität in Kalifornien. Sie haben einen Plan aufgestellt für die Vollversorgung des Globus mit 100 Prozent erneuerbaren Energien bis 2030. Dieser Plan kommt zu dem Ergebnis, dass das Investment für diese Umstellung bei etwa 100.000 Milliarden US-Dollar liegt. Das klingt sehr, sehr viel, aber wir haben mit der Energy Watch Group auch eine Abschätzung gemacht, wie hoch die Kosten in 20 Jahren für die fossile und atomare Rohstoffrechnung der Welt sein würde, nur für die Rohstoffbezahlung. Diese Summe liegt bei 200.000 Milliarden US-Dollar. Darin enthalten ist nur eine Preissteigerung von 20 Prozent auf der Basis der Preise von 2008, die mit Sicherheit höher ausfallen wird, wenn nicht klare schnelle Strategien für Erneuerbare gemacht werden. Das Aufrechterhalten der konventionellen Energieversorgung ist also doppelt so teuer gegenüber der Investition in erneuerbare Energien.

Glauben Sie, dass Deutschland jetzt mit der Großen Koalition drei Jahre bei der Energiewende verlieren wird?

Deutschland hat schon ein Jahr verloren, wenn wir sehen, wie die Altmaier-Rösler-Novelle in der Photovoltaik und vor allem auch beim Biogas drastische Reduktionen gebracht hat. Wir haben schon enorme Investitionsrückgänge in diesen Bereichen. Die jetzige Novelle wird noch einmal weitere Rückgänge bringen. Insofern sind das schon verlorene Jahre.

Muss einem dann nicht Angst um die Zukunft sein?

Nein, also Angst um die Zukunft der Branche insgesamt habe ich nicht. Wir werden bei Umsetzung der Gabriel-Vorschläge , eine starke Delle – auch zum großen Leidwesen vieler Arbeitsplätze – und weitere Insolvenzen in der Branche haben. Aber wir werden auch bei allen Technologien aufgrund des weltweiten starken Ausbaus noch weitere starke Preisrutsche in den nächsten Jahren sehen, was vor allem die Photovoltaik betrifft, aber auch die Windkraft und die Bioenergie. Damit verbunden wird es zunehmend Investitionen geben, die unabhängig von gesetzlichen Regulationen sein werden. Schlimm ist nur, dass diese Delle einen drastischen Einbruch in die Arbeitsplätze und in die deutschen Unternehmen bringen wird. Noch sind die deutschen Unternehmen, außer in der Solarbranche, wo die Marktführerschaft an China verloren wurde,weltweit führend. Aber Chinesen, Koreaner, Japaner und US-Amerikaner holen überall sehr stark auf. Die Länder, die einen starken Binnenmarkt haben, die können natürlich auch den Exportmarkt sehr stark beherrschen.

Von welchen Einflüssen lässt sich die Bundesregierung derzeit in der Energiepolitik leiten?

Es ist schon frappierend zu sehen, wie stark der Einfluss der konventionellen Energiewirtschaft – und das ist nicht nur die Elektrizitätswirtschaft mit Atom und Kohle, sondern das ist auch die Mineralöl- und Gaswirtschaft – auf die Große Koalition ist. Sie verhindert jegliche schnelle Umsetzung der Energiewende und auch der Energieeinsparmaßnahmen. Es ist schon verrückt zu sehen, dass dieser Einfluss so stark wirkt, dass entgegen all den anderen wichtigen politischen Interessen von Klimaschutz über Unabhängigkeit der Energieversorgung und Innovationskraft, Arbeitsplatzerhalt nur von den fossilen Arbeitsplätzen in der Kohlewirtschaft, nicht aber von den Arbeitsplätzen in Erneuerbaren gesprochen wird. Für mich ist es erschreckend zu sehen, wie stark dieser Einfluss der konventionellen Wirtschaft ist, wodurch gegen jegliche volkswirtschaftliche Vernunft der Ausbau der erneuerbaren Energien so drastisch eingeschränkt werden soll.

Das Interview führte Sandra Enkhardt.