„Solarworld ist noch nicht aus dem Schneider“

Die Aktionäre der Solarworld AG haben am Mittwoch auf einer außerordentlichen Hauptversammlung die geplante Restrukturierung akzeptiert. Zuvor hatten auch die Anleihegläubiger den Kapital- und Schuldenschnitt gebilligt. Damit ist der Weg frei, die Maßnahmen umzusetzen. „Solarworld hat damit eine unmittelbare Insolvenz abgewendet und sich Zeit bis Weihnachten verschafft. Das Unternehmen ist damit aber noch nicht aus dem Schneider“, sagt Götz Fischbeck, Analyst vom Bankhaus Lampe, im Interview mit pv magazine. Der Kapital- und Schuldenschnitt sorge für eine vorübergehende Entlastung, doch bereits im kommenden Jahr ist erneut die Rückzahlung von Schulden in Höhe von 90 Millionen Euro fällig.

Solarworld kann also seinen Schuldenberg von rund 900 Millionen Euro mit den geplanten Maßnahmen merklich abbauen. Doch mehr als 400 Millionen Euro Verbindlichkeiten bleiben weiterhin übrig. Eine Änderung des Geschäftsmodells plant der integrierte Photovoltaik-Hersteller vorerst nicht. Solarworld müsse nun dringend daran arbeiten, seine Kapital- und Ertragsstruktur zu verbessern. Die Produktionskosten des Herstellers, der in Deutschland und den USA fertigt, seien immer noch zu hoch, sagt Fischbeck weiter. Solarworld dürfe dabei nicht immer nur auf die chinesischen Wettbewerber schauen. Die von Solarworld geführte Allianz EU ProSun hatte bei der EU eine Anti-Dumping- und eine Anti-Subventionsbeschwerde gegen kristalline Photovoltaik-Hersteller aus China bei der EU eingereicht. Die nun als Kompromisslösung zwischen der EU und China ausgehandelten Mindestpreise würden Solarworld nicht wirklich weiterhelfen, sagt der Analyst. Es gebe auch Wettbewerber von Solarworld außerhalb Chinas, die mit niedrigen Produktionskosten aufwarten als das Bonner Unternehmen.

Nach den jüngsten Veröffentlichungen liegen die Produktionskosten des norwegischen Konkurrenten REC, der in Singapur fertigt, bei 0,54 Euro pro Watt und damit bereits unter den Mindestimportpreisen für die chinesischen Hersteller, wie Fischbeck betont. Bis zum Jahresende wolle REC seine Produktionskosten weiter auf rund 0,47 Euro je Watt senken. Von diesen Werten scheint Solarworld noch deutlich entfernt. Allerdings veröffentlicht der Bonner Konzern seine Produktionskosten nicht dezidiert. Ein großes Potenzial für Kostensenkungen bei Solarworld sieht Fischbeck darin, die bestehenden Lieferverträge für Silizium mit Hemlock, Wacker und OCI zu kündigen bzw. an die aktuellen Marktkonditionen anzupassen. „Lange Zeit sind diese Langfristverträge ein Vorteil für Solarworld gewesen, doch seit letztem Jahr sind die Spotmarktpreise für Silizium deutlich günstiger“, sagt der Analyst. In den USA gibt es derzeit ein juristisches Verfahren, das Hemlock gegen die Solarworld-Tochter Deutsche Solar GmbH angestrengt hat. Darin wird ihr der Verstoß gegen die langfristigen Abnahmeverpflichtungen vorgeworfen. Hemlock beziffert den Schaden auf 83 Millionen US-Dollar, umgerechnet 62,4 Millionen Euro.

Der nun geplante Kapital- und Schuldenschnitt ist vor allem für Solarworld-Vorstandschef Frank Asbeck wichtig. „Es ist das Beste, was Asbeck für sich und Solarworld rausholen konnte“, sagt Fischbeck. Anders als im Falle einer Insolvenz des Photovoltaik-Unternehmens kann er seinen Einfluss weitgehend behaupten. Asbeck hat angekündigt, für zehn Millionen Euro neue Aktien zu zeichnen. Er wird damit einen Anteil von 19,5 Prozent an Solarworld haben. Zusammen mit seinem durch den Kapital- und Schuldenschnitt verwässerten Anteil kommt er damit wieder auf fast 21 Prozent der Anteile an Solarworld. Zusätzlich will sich Qatar Solar S.P.C. künftig mit 29 Prozent an Solarworld beteiligen. Asbeck und der katarische Investor werden damit über rund die Hälfte der Anteile verfügen. Die übrigen Anteile werden von den Anleihegläubigern gehalten, welche im Gegenzug auf 55 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Die Alt-Aktionäre – außer Herrn Asbeck – werden nach dem Kapital- und Schuldenschnitt hingegen nur noch 3,6 Prozent der Anteile an Solarworld besitzen. Dennoch sei diese Lösung im Interesse der Anleihegläubiger und Aktionäre, sagt Analyst Fischbeck. Im Falle einer Insolvenz wären die Verluste für beide Gruppen noch höher gewesen. Nun könnten die Anleihegläubiger hoffen, dass sie rund die Hälfte ihres Geldes zurückbekämen. Allerdings sei die doch recht geringe Präsenz auf den beiden Gläubigerversammlungen am Montag und Dienstag überraschend gewesen. Nur gut ein Drittel der Anleihegläubiger habe über die Restrukturierungspläne entschieden. Formal reiche dies zwar aus, zugleich sei es aber auch riskant für Solarworld gewesen, so Fischbeck weiter. Wäre nur bei einer der beiden entscheidenden Gläubigerversammlungen die Mindestpräsenz von 25 Prozent nicht erreicht worden, wäre Solarworld nur der Gang in die Insolvenz geblieben, unabhängig vom Votum der anwesenden Gläubiger.

Das Insolvenz-Gespenst schwebt jedoch weiterhin über dem Bonner Photovoltaik-Konzern. „Solarworld ist noch nicht über den Berg“, sagt Bankhaus Lampe-Analyst Götz Fischbeck. Sobald das Testat der Wirtschaftsprüfer für den Jahresabschluss 2012 vorliegt, kann Solarworld aber zumindest den ersten Schritt gehen. Die nächsten Schritte wie die Auflösung der Silizium-Lieferverträge und die notwendige weitere Reduzierung der Produktionskosten sollten aber auch nicht lange auf sich warten lassen, wenn Solarworld eine langfristige Perspektive haben will. (Sandra Enkhardt)