Zeit zum Lernen

Teilen

Die installierte Leistung wächst jedes Jahr, und immer mehr Länder starten mit Förderprogrammen für die Photovoltaik. Gleichzeitig verfallen Preise und Vergütungen oder rückwirkende Steuern und Abgaben werden eingeführt. Derweil stehen fast alle Hersteller entlang der Wertschöpfungskette mit dem Rücken zur Wand und kämpfen ums Überleben. Auch die meisten chinesischen Unternehmen können nur mit massiver finanzieller Hilfe von meist staatlicher Seite im Markt verbleiben. Der Kampf um Importzölle und Local-Content-Regelungen nützt am meisten den etablierten Stromlieferanten, sichert er doch über Jahrzehnte hinaus den weiteren Verkauf von Strom, der durch Atom, Kohle und Öl erzeugt wurde. Man stelle sich nur umgekehrt vor, Eon, RWE und Gazprom würden in einen internationalen Handelsstreit treten.

Es ist an der Zeit, ein ehrliches Fazit zu ziehen und mit bestimmten Mythen und Irrtümern aufzuräumen. Das ist nötig, um die Chancen zu erkennen, wo die Zukunft auch im Upstream-Markt liegen kann.

These 1: „Moore“ hat gar nicht stattgefunden

Die Preiskurve für Photovoltaikanlagen ist nicht der Lernkurve des Moore‘schen Gesetzes gefolgt, nach dem eine Verdopplung der Produktionskapazität zu einer Kostenreduktion von 20 Prozent führt. Überkapazitäten und stagnierende Märkte lassen zwar die Preise sinken. Die Kosten würden aber auf die Lieferanten abgewälzt, die ihre Produkte durch billigere Materialien substituieren müssen. Der Zwang zum Billiger führt auch zu falschen Angaben über Produktqualitäten, oder Rezepturen werden geändert, ohne die Kunden zu informieren. Zeit für umfangreiches Qualitätsmanagement ist nicht mehr gegeben, oder man scheut den notwendigen Aufwand. Billigeres Sourcing bildet in Wahrheit keine nachhaltige Lernkurve ab. Vielmehr werden vorrangig Aufwand und Nutzen umverteilt.

Minderwertige Qualität wird in den Markt gedrückt, um das Preisniveau zu erreichen. Wer möchte schon Module auf dem Dach haben, die unter solchen Rahmenbedingungen gefertigt wurden?

These 2: Innovation braucht Zeit zum Lernen

Das wäre Voraussetzung, um das Moore‘sche Gesetz zu erfüllen. Innovation bei steigendem Marktvolumen von bis zu 65 Prozent pro Jahr hat nur unterproportional stattgefunden. Wurden zum Beispiel im Jahr 2000 noch 350 Zellen pro Stunde gelötet, schaffen moderne Maschinen heute 1.200 Zellen pro Stunde. Gleichzeitig ist der Markt aber um das 100-Fache gewachsen. Der Modulpreis ist im gleichen Zeitraum um 90 Prozent gesunken. Stringer müssten heute mindestens 3.500 Zellen pro Stunde verlöten, um die Kosten pro Lötung entsprechend analog zu senken. Die spezifischen Kosten zur Lötung einer Zelle sind heute nur unwesentlich günstiger als noch vor 13 Jahren.

Ein Grund für den fehlenden Lerneffekt liegt darin, dass Produktionsanlagen aus Zeitgründen immer wieder in fast gleicher Bauweise hochgezogen wurden, als exakte Kopie von gerade in Betrieb genommenen Anlagen. So konnten keine Erfahrungen gemacht werden und in die nächste Generation des Produktionsequipments einfließen. Marktgerechte Innovationen wie Konzepte für Stringer mit 10.000 Zellen pro Stunde, Rollenlaminatoren, die mit zehn Metern pro Minute arbeiten, oder die weitere Reduktion des Betriebspersonals blieben auf der Strecke. Zumindest waren die durchgeführten Verbesserungen nicht ausreichend. Das überwiegende Kostenreduktionspotenzial ist bisher noch gar nicht gehoben worden.

These 3: Neue Technologien werden in einem neuen Markt­umfeld aus ihrer Nische erwachsen

Zurzeit ist dem leider nicht mehr so. Mit dem Preisverfall werden seit dem Jahre 2009 reihenweise Technologien, zum Beispiel die hoch innovativen Dünnschichttechnologien, aus dem Markt geworfen, auch wenn diese in ein paar Jahren die kostengünstigste Lösung darstellen könnten. Businesspläne oder Restrukturierungsmaßnahmen haben sich seit 2009 spätestens nach drei Monaten überlebt. Wie sollen so langfristige Investitionen ermöglicht werden? Die Folge ist Zurückhaltung oder die Hoffnung auf den weißen Ritter mit den berühmten „deep pockets“. Dieses Umfeld befördert keine nachhaltige Innovation mit Lernkurven, die Fehler und Irrwege zulassen, um im zweiten Anlauf zum Erfolg zu führen.

Stabilisieren sich die Preise, können aber auch wieder Businesspläne erstellt werden, die reelle Kostendegressionen durch Lernkurven berücksichtigen. Sie ermöglichen Investitionen in neue Produkte oder die Überführung von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in Referenzproduktionen. Bereits totgesagte Technologien werden wiederkommen und neue Produkte in Märkte liefern. Warum soll es nicht etwa einen Markt für leichte Module für schnelle (Hilfs-)Lieferungen per Flugzeug in Katastrophengebiete geben?

Fazit: Zurück auf Start

Die Politik, getrieben von einem gesellschaftlichen Willen, hat ein Bündnis mit der Industrie geschlossen, eine nachhaltige, saubere, unabhängige und risikoarme Energieversorgung aufzubauen. Wir liefern euch berechenbare, zuverlässige, langfristige Rahmenbedingungen, und ihr, die Industrie, verpflichtet euch, zu lernen, innovativ und mutig zu sein und die Kosten kontinuierlich zu senken. Diese Verwurzelung in Gesellschaft und Politik blieb während des Booms auf der Strecke.

Heute versuchen wir über eine Nische wie Batteriespeicher und Lastmanagement neue Märkte im Eigenverbrauch zu erschließen, was wieder engere Kooperationen zwischen den Komponentenherstellern ermöglicht. Hier kann sich die Nische zum neuen Massenmarkt entwickeln. Dies wird nachfolgend auch in der Produktionstechnik und entlang der Wertschöpfungskette erfolgen. Nachhaltig kann die Entwicklung erst wieder werden, wenn wir erneut deutlich machen, warum wir als Gesellschaft Solarenergie in Deutschland brauchen und welche Rolle diese im Strommix einnimmt. Klare Zielkoordinaten bereiten den Boden für den nächsten Boom.

Dafür müssen wir nicht nur technisch innovativ sein. Wir müssen auch neues Vertrauen der Gesellschaft in die Photovoltaikindustrie aufbauen, dass wir gute Produkte für faire Preise in hoher Qualität liefern, ohne uns dabei übermäßig zu bereichern. Wir müssen klar definieren, welche Rolle die Photovoltaik für die Energieversorgung spielen soll.

Was ist also zu tun? Jeder Marktteilnehmer konzentriert sich wieder auf das, was er wirklich effizient und qualitativ hochwertig kann. Kooperationen bilden den gemeinsamen Erfolg, mit geteilter Verantwortung und geteilten Kosten und natürlich auch geteilten Gewinnen. Die Solarbranche hat bewiesen, dass man in Deutschland nicht nur neue Technologien entwickelt, sondern diese auch in zuverlässige Produktionen überführen kann. Die Chance bietet sich für Maschinenbauer, die hervorragende Prozesstechnologie mit automatisierten Lösungen kombinieren können, die in der Produktion stabil laufen. Dafür sind kontinuierliche Verbesserungsmechanismen in den Unternehmen nötig. Auch chinesische Hersteller werden in Zukunft Prozessanlagen für Wafer, Zellen und Module in Deutschland ordern, wenn wir diese entscheidenden Schritte voraus sind.